Zufallsbefund - Krebs Juni 1999(Brigitte Richter, richter-thierbach@gmx.net)
Im Grunde meines Wesens bin ich ein fröhlicher, aber durchaus sensibler Mensch. Schon immer hat es mir geholfen, meine Erlebnisse aufzuschreiben, wenn sie mir „auf der Seele lagen“. Jetzt, in diesem Moment und in den nächsten Tagen habe ich viel Zeit, meine neuesten und sicherlich eindrucksvollsten Erlebnisse zu Papier zu bringen. Ich sitze in einem tristen Krankenhauszimmer der Nuklearmedizin in Jena und warte auf meine radioaktive „Verseuchung“, die mich längere Zeit als starke Umweltbelastung an die hiesige Isolierstation fesselt. Das Zimmer besteht aus zwei Betten, zwei Nachtschränkchen, einem Kleiderschrank, einem Radio und einem Fernseher. Ein Einzelzimmer wäre mir eigentlich lieber gewesen, weil das Klappern meiner Schreibmaschine sicherlich die andere Patientin stört, die morgen kommen soll. So nutze ich diese Zeit des Alleinseins gleich für die ersten Seiten meines – ich nenne es einfach – Erlebnisberichtes. Als Thüringerin geht es mir wie so vielen Menschen in Bayern oder anderen Gebirgsregionen. Unser Boden und somit auch die Nahrungsmittel enthalten zu wenig Jod, welches der Mensch ja unbedingt für seine Gesundheit braucht. Dieser Mangel führt häufig zu einer Kropfbildung am Hals. In Bayern war das früher ein Schönheitsmerkmal und wurde mit einem Samtband und Silberschmuck auch noch betont. Heute weiß man Gott sei dank mehr darüber und versetzt bereits Lebensmittel zusätzlich mit diesem wichtigen Spurenelement. Auch ich hatte einen kleinen Kropf, den ich immer als störend empfunden habe und keinesfalls als Schönheitsmerkmal... Aus diesem Kropf hat sich Struma entwickelt. Struma ist ein schwammartiges Gewebe um die Schilddrüse herum. Auch das ist nicht weiter bedenklich, wenn eine ärztliche Kontrolle dessen vorhanden ist. 1990 war ich auf Anraten meines Hausarztes zu einem Szintigramm in der Uniklinik in Jena. Mit moderner Technologie wurde die Schilddrüse farbig dargestellt und ein gutartiger Knoten diagnostiziert, welcher nicht weiter behandlungsbedürftig ist, aber beobachtet werden sollte. Und so wurde mein Hals von meinem Hausarzt regelmäßig gemessen. Mein Hals wurde nicht dicker – der Hals nicht – aber ich nahm zu und nahm zu. Wie frustrierend das ist, wissen Tausende von Menschen; und wie so viele habe auch ich Hungerkuren und Diäten gemacht. Immer mit diesem Jo- Jo - Effekt. 10 Kilo runter und 15 wieder drauf. Mein Hausarzt riet mir damals schon zu einer Operation, was ich allerdings „auf die leichte Schulter“ nahm. Ich dachte immer, dass sich irgendwann schon mal die Zeit dafür finden würde. Heute weiß ich’s besser. Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat kann machen was er will. Man nimmt nicht durch radikale Methoden ab. Dann ist es ja auch so, dass ich eine sitzende Tätigkeit habe und manchmal, eigentlich fast immer, zu bequem bin, mich nach der Arbeit sportlich zu betätigen. Früh rein ins Auto – die 35 Kilometer zur Arbeit gefahren – nachmittags wieder heim. Dort wartet der Haushalt; es wird gekocht, gegessen, abgewaschen und anschließend sitzt man vor dem Fernseher. Weil der Stress auf Arbeit nicht weniger wird, gibt es dann als Ausgleich ein Glas Wein, ein Bier oder sonst etwas, was einem des Tages Mühe vergessen lässt. Nun aber zur eigentlichen Geschichte meiner Ausführungen. Im Februar dieses Jahres ließ ich mir von einem jungen Arzt, welcher sich im Nachbarort nieder gelassen hat ein Fibrom entfernen. Ein Fibrom ist ein kleiner Hautzipfel, der sehr störend werden kann, wenn er im BH-Bereich wächst. Mein Hausarzt konnte die kleine Operation nicht vornehmen, weil dafür ein spezieller OP-Raum vorhanden sein muss. Da meine Tochter bei diesem jungen Arzt arbeitet, hatte ich gleich die Gelegenheit, meine Neugierde zu befriedigen und mir diesen Mann mal anzuschauen. Ich empfand sofort Sympathie für den Mediziner und freute mich, dass meine Tochter so einen netten Chef bekommen hat. Sie assistierte ihm bei der kleinen Operation, welche ohne Betäubung durchgeführt wurde. Ich glaube, meiner Susi war dabei mehr schlecht als mir. Nach dieser Prozedur sagte mir der Arzt, dass ihm mein Hals nicht gefällt und meine Augen würden auf eine Schilddrüsenerkrankung hinweisen. Er möchte da gerne einmal Ultraschall machen. Um meinen Hausarzt nicht zu übergehen, ließ ich mir eine Überweisung zu diesem Ultraschall geben. Nach dieser Untersuchung empfahl mir Herr Dr. Keiner (so heißt der junge Arzt) eine bald mögliche Operation. Ich meldete mich im Krankenhaus in Saalfeld an und bekam auch einen Termin für März. Vorher musste ich den Hals-Nasen-Ohren-Arzt konsultieren. Zu dieser Zeit war meine Stimme total heiser. Es kam in letzter Zeit öfter vor, dass ich nicht sprechen konnte. Ich dachte immer, dass es ein Infekt ist, war es aber nicht. Medikamente konnten da nicht mehr helfen. So, der Tag kam heran, und ich ging ins Krankenhaus. Chirurgie III. Ein Dreibettzimmer sollte für eine Woche meine neue Unterkunft sein. Mein Optimismus hat mich nie verlassen – bis heute nicht. Meinen Kolleginnen und Kollegen habe ich gesagt: „In 3-4 Wochen bin ich wieder auf Arbeit. Lasst alles liegen, was ihr nicht so genau wisst. Ich mache dann alles, wenn ich wieder da bin“. Die Zeit war meines Erachtens gut geplant und es konnte eigentlich nichts „schief gehen“. Auch eine Lebenserfahrung, die bei mir hinzugekommen ist: Nicht jede Planung geht auf! Wir liegen zu zweit im schönsten Zimmer der Station. Eine Psychologin und ich. Wir verstehen uns auf Anhieb sehr gut. Sie hatte einen Anus praeter, ich glaube so heißt das Ding für einen Seitenausgang des Dickdarmes. Auf Grund einer Krebserkrankung des Darmes musste sie ein viertel Jahr mit diesem Seitenausgang leben, welcher zurück verlegt werden sollte. Eine ziemlich schwierige Sache. Da ist ja meine Operation ein Klax dagegen, dachte ich so für mich. Sie wurde auf ihre OP vorbereitet und bei mir war es am 24.03. so weit. Nicht eine Sekunde habe ich am Gelingen meiner Operation gezweifelt. Es ging auch alles gut, nur nach dem Aufwachen von der Narkose im Krankenzimmer hatte ich wahnsinnige Kopfschmerzen. Mein Blutdruck war auf 180. Schwestern und Ärzte wirbelten um mich herum. Ich bekam Tropfen auf die Zunge geträufelt, welche den Blutdruck senken sollten. An diesem Tag war noch eine dritte Patientin da. Ihr Mann saß mit ihr zusammen am Esstisch vor meinem Bett. Im Unterbewusstsein bekam ich mit, wie er aufsprang und das Zimmer verließ. Es muss wohl daran gelegen haben, dass es mir übel wurde und ich im hohen Bogen erbrechen musste. Ich hoffe heute noch, dass er nichts abbekommen hat. Diese dritte Patientin wurde am nächsten Tag entlassen, und wir waren zu zweit im Zimmer. Die Psychologin durfte am Wochenende nach Hause auf Urlaub, kam aber am Montag Morgen wieder und ich ging heim. Wir versprachen uns, mal zu telefonieren und nach dem gegenseitigen Befinden zu fragen. Es passiert selten, dass sich Menschen so sympathisch sind und sich zueinander hingezogen fühlen wie wir beide. Ich muss sagen, mir ging es nach der OP super. Ich konnte die Treppen hoch rennen ohne Luftprobleme zu haben. Das war vor der Operation überhaupt nicht mehr möglich. Das Struma hat auf die Luftröhre gedrückt. Da ich auch ziemlich spontan und impulsiv bin, habe ich natürlich gleich von zu Hause aus meine Kolleginnen und Kollegen auf Arbeit angerufen und gesagt, dass ich bald wieder komme. Ich wurde während meines einwöchigen Aufenthaltes in der Chirurgie von vielen Arbeitskolleginnen und meinem Chef besucht. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass man mich mag, und dafür bin ich allen dankbar. Voller Euphorie habe ich dann noch mit meinem Doktor telefoniert und mich auch bei ihm zurück gemeldet. Er kam am gleichen Tag mit einem Blumenstrauß zu mir und hat sich ebenfalls gefreut, dass alles überstanden ist. Der Dienstag danach war angefüllt mit Krankenbesuchen durch die Nachbarn und Freunde. Es ist in unserem kleinen Dorf so üblich, wenn jemand zu einer Operation oder auch sonst für längere Zeit im Krankenhaus war, einen Krankenbesuch zu absolvieren. Schließlich will man ja wissen, wie es dem Kranken so ergangen ist. Man bekommt ein kleines Geschenk in Form von Blumen, Wein, Obst oder Süßigkeiten. Man unterhält sich und es gibt ein gutes Gefühl, geachtet zu werden. Das will ich vielleicht noch erzählen: In unserem Haus sind in den letzten Wochen viele Leute ein- und ausgegangen. Die meisten waren da, um meiner Mutter zu kondolieren. Mein Vater ist Anfang Februar im Krankenhaus in Saalfeld an einer Embolie verstorben. Er hatte Thrombose, und beim Aufstehen kam es zu dieser Embolie. Die Schwestern sagten, dass er sofort tot war. Es konnte keiner vorhersehen, und trotzdem sage ich, dass es so das Beste für ihn war. Mein Vater war sehr krank. Er hatte die Parkinsonsche Krankheit. Das ist eine Schüttellähmung, die vom Gehirn ausgeht. Es ging ihm von Tag zu Tag schlechter. Er konnte das Wasser nicht mehr halten, und ich glaube, er hatte auch keinen Lebenswillen mehr. Es tat mir in der Seele weh, wenn ich ihn beim Essen sah. Die Hände zitterten so sehr, dass er das Besteck nicht halten konnte. Wenn er durch den Hof ging, dann zitterten seine Beine und er musste alle paar Schritte verharren, um Kraft für die nächsten Meter zu sammeln. Die letzten Tage vor seinem Tod war er schon etwas verwirrt. Wenn ich ihn besucht habe, wusste er nicht in welchem Krankenhaus er liegt. Er war auch zeitweise nicht ansprechbar. Ich hatte ihn sehr gern und mir tut es leid, dass er nicht einmal 70 Jahre alt geworden ist. Mein Vater hat sich irgendwann, ich denke, auch bedingt durch seine Krankheit, vollkommen den Anordnungen meiner Mutter unterworfen. Sie hat ihn kommandiert und er hat gemacht was sie wollte, nur um seine Ruhe zu haben. Immer wieder stelle ich Wesenszüge meiner Eltern an mir fest, die mir gar nicht gefallen. Ich bemühe mich besser zu sein und vor allem anders mit meinem Mann umzugehen, als es meine Mutter mit meinem Vater getan hat. EINSICHT IST... Mein Mann hat mich täglich im Krankenhaus besucht oder angerufen. Wenn ich mal von daheim weg bin, dann merkt er ganz deutlich, dass er mich braucht. Bankgeschäfte oder Behördengänge sind so gar nicht sein Ding. Dafür ist er handwerklich sehr talentiert und kann am und im Haus fast alles selber machen. Dadurch haben wir schon so manche Mark gespart. Jetzt merke ich doch wieder, dass ich mich verzettele. Also, es ist Mittwoch, der 1. April. Ich habe soeben mit meinen Kolleginnen telefoniert und gesagt, dass ich bald wieder komme. Glücklich hüpfe ich durch die Wohnung, da klingelt das Telefon schon wieder. „Hallo, hier ist das Krankenhaus Saalfeld – Dr. Menzel am Apparat. Frau Richter, ihr Befund ist da!“ Na und, denke ich. Ist doch o.K. „Tja, Frau Richter; in dem entfernten Gewebe ihrer Schilddrüse haben wir leider Karzinome gefunden“. Ich wusste nicht so recht, was Karzinome sind, aber es klang nicht gut. Jedenfalls nicht wie ein Aprilscherz. Dr. Menzel klärte mich auf, dass Karzinome bösartige Zellen sind - also Krebs! Ich habe bei meinem Krankenhausaufenthalt diesen Arzt als einen äußerst korrekten und sachlichen Menschen erlebt und wusste, dass dieses Telefonat bitterer Ernst ist. Der Doktor schlug mir vor, bevor er in den Osterurlaub geht eine zweite OP bei mir durchzuführen. Wir vereinbarten einen neuen Termin – eine Woche später - und er hängte ein. Nun stand ich da, war alleine und schockiert. Es dauerte lange, bis die Tränen kamen. Ich und Krebs! Warum ausgerechnet ich – und Krebs gibt es doch bei einer Schilddrüsenerkrankung nur in 1,5% laut Statistik. Also von 100 Leuten haben nicht einmal 2 Krebs – und das soll ausgerechnet mich treffen? Fassungslos saß ich am Telefon und habe erst einmal drauf los geheult. Die Gedanken schlugen Purzelbäume. Was wollte ich gerade machen? Ach ja, ich wollte doch zur Bank nach Wurzbach und einkaufen wollte ich doch ...oder? Meine Beine waren wie Pudding und die Gedanken waren nicht zu ordnen. Wo ist mein Mann? Ich muss ihn suchen. Er war arbeitslos weil es auf dem Bau noch keine Aufträge gab. Ich suchte ihn im Haus und in der Scheune. Als ich ihn fand konnte ich nur mit großer Anstrengung von dem Telefonat mit Dr. Menzel erzählen. Mein Mann und auch meine Mutter waren sehr betroffen und es standen beiden die Tränen in den Augen. Meine Mutter sagte: „Da bist du doch zu meinem Geburtstag gar nicht da“ Als ob mir das in dem Moment wichtig gewesen wäre. Ich war jetzt in der Stimmung irgendwelche Gemeinheiten von mir zu geben, konnte mich aber zum Glück beherrschen. Sie hatte ja selbst erst eine schwere Zeit erlebt und über ihre Gefühle dazu, wage ich mir kein Urteil zu erlauben. An diesem Tag verrichtete ich alle Tätigkeiten mechanisch. Mein Mann hat mich zum Einkaufen begleitet. Alle bekannten Leute, die wir trafen, wollten ein paar Worte wechseln. Ich war nicht in der Lage, mit irgend jemandem zu reden. Manch einer dachte bestimmt, dass ich unfreundlich bin – bin ich ganz und gar nicht, aber so eine Situation habe ich bislang noch nicht verkraften müssen. Es hat sich im Dorf herum gesprochen, was mit mir los ist. Ich spürte das Mitgefühl der Menschen, aber helfen kann einem da niemand. Der 2. Operationstermin rückte heran. Meine Tochter Susanne tröstete mich. Und sie schaffte es auch, meinen alten Optimismus wieder zu stärken. Sie hat sich in all ihren Fachzeitschriften belesen und mit ihrem Chef besprochen, dass ein Schilddrüsenkrebs gute Heilungschancen hat. Sie hat mich und auch ihren Vater psychisch aufgerichtet. Im Krankenhaus kam ich wieder in „mein“ altes Zimmer zu der Psychologin. Dr. Menzel erzählte ihr, dass ich wieder komme und sie äußerte den Wunsch, dass sie sich sehr freuen würde, wieder mit mir zusammen zu sein. Ihre Operationsvorbereitung war abgeschlossen, und sie sollte am nächsten Tag operiert werden. Ich habe lange nicht gebetet. Für sie habe ich es getan. Als sie mit dem Bett aus dem Zimmer gefahren wurde, habe ich mir ganz fest gewünscht, dass sie wieder gesund wir. Sie ist eine wunderbare und starke Frau. Mein Hals wurde zum zweiten Mal aufgeschnitten, an derselben Stelle. Auch dieses Mal hatte ich keine Angst um mich. Es ging mir nach dem Aufwachen besser als beim ersten Mal. Ich hatte keine Kopfschmerzen und der Blutdruck war relativ normal. Gut dass ich den Ärzten von meinen Problemen nach der ersten OP erzählt habe. Dr. Menzel sagte nach der Narkose zu mir: „Frau Richter, sagen sie mal IGEL“. Ich habe irgend etwas gelallt, aber es haben sich alle, so schien es mir, darüber gefreut. Bei so einer Operation werden sehr oft die Stimmbänder verletzt, wodurch die betroffenen Patienten nie mehr, oder nur nach langen logopädischen Behandlungen wieder richtig sprechen können. Ich singe leidenschaftlich gerne, und ich wünsche mir, meinen Enkelkindern all die Lieder zu lernen, die ich als Kind gesungen habe. Mir ging es gut, und ich konnte am Abend schon selbst zur Toilette gehen. Dabei kam mir auf dem Gang Dr. Menzel entgegen. Er nahm mein Kinn in die Hand, drehte meinen Kopf hin und her und sagte, dass das eine Scheiß Operation war. Ich merkte ihm an, dass er sich freut, dass es mir gut geht, und vor allem, dass ich reden konnte. Dr. Menzel ist als Chirurg eine absolute Kapazität. Das sagen alle Schwestern und Mitarbeiter auf seiner Station. Ich habe es am eigenen Leib verspürt und bin ihm sehr dankbar dafür. Eine Krebserkrankung verändert das Wesen eines Menschen. Meines auf jeden Fall. Ich habe angefangen über gewisse Dinge anders zu denken und zu urteilen. Mehr Verständnis für kranke Menschen sind eine Erkenntnis. Und dieser dahin gesagte Satz, „Geld ist nicht alles“ hat auch für mich absolut an Bedeutung gewonnen. Was nützt einem viel Geld, wenn man sich die Gesundheit dafür doch nicht kaufen kann? Ich würde auch niemanden mehr fragen: „Wie geht es dir“ wenn ich an einer ehrlichen Antwort gar nicht interessiert bin. Alles im Leben hat seine Bedeutung – Schon wieder eine Lebenserfahrung! Jedenfalls hat die 2.OP ergeben, dass kein weiteres Gewebe oder Drüsen mit Karzinomen befallen sind. Diese Nachricht war für mich beruhigend. Dr. Menzel war bereits in seinen Osterurlaub gegangen. Weiterhin betreut wurde ich von Dr. Schmidt. Auch ein sehr netter und kompetenter Arzt. Es gab für mich keinen einzigen Grund zum Meckern während meines Krankenhausaufenthaltes auf dieser Station -Chirurgie III. Die Schwestern haben wenig Zeit, sich mit den gelangweilten Patienten zu unterhalten. Aber für ein gutes Wort, eine nette Geste oder einen kleinen Scherz hat es immer gereicht. Da ich im so genannten „Fürstenzimmer“ lag, welches von den Schwestern auch scherzhaft das „Nette-Leute-Zimmer“ genannt wurde, bekam ich so manches mit, was auf der Station so passierte. Das dritte Bett wurde kürzlich belegt, und zwar mit der Stationsschwester der Chirurgie III höchst persönlich. Die Schwestern kamen dann immer gegen Abend und werteten mit ihr - leise flüstern- das Tagesgeschehen aus. Wie das eben so ist, ich habe die Ohren gespitzt und über manches geschmunzelt. Wiedergeben will ich das aber nicht, damit die Schweigepflicht der Schwestern nicht gefährdet wird. Sicherlich war es auch gar nicht so geheim... Mit dem Besuch, den die kranke Krankenschwester bekam, gab es eine lustige Begebenheit. Ihre Tochter kam zu Besuch und hatte den Enkel dabei. Er ist vielleicht so 6 oder 7 Jahre alt. Die Oma bittet ihn, den verwelkten Strauß in die Plastetonne im Waschraum zu bringen. Der Junge nimmt die verwelkten Rosen, verlässt das Krankenzimmer und kommt nach wenigen Minuten zurück. In den Händen hält er noch die Stiele der vertrockneten Blumen. Sämtliche Blätter hat er auf dem Gang verloren. Nach der Frage, warum er seinen Auftrag nicht ausgeführt hat, sagt das Kind: „Ich glaube, in dem Waschraum ist was Schlimmes passiert. Da war so ein ganz kleiner, alter Mann, der stand nackt in dem Raum. Die Schwester hat was von Einlauf erzählt. Ich glaube, die haben den zu heiß gebadet und er ist eingelaufen“. Wir haben alle herzhaft gelacht. Der alte Mann sollte wohl einen Einlauf bekommen. Ein paar Tage musste die Psychologin auf der Intensivstation verbringen, bevor sie zurück ins Zimmer kam. Sie hat die Operation gut überstanden, obwohl noch eine Komplikation hinzukam. Diese wurde erst beim Öffnen des Bauches erkannt. Ein Tumor an der Leber wurde dabei gleich mit entfernt, als der Darm in seine ursprüngliche Lage zurück verlegt wurde. Das war eine Sache, die im Krankenhaus Saalfeld das erste Mal überhaupt gemacht wurde. Sie erholte sich trotz der schweren Operation sehr gut. Wieder waren es der Lebensmut, die Energie und der Optimismus der Frau, die mir alle Hochachtung abverlangten. Doch wie das im Leben so ist, freut man sich über etwas sehr, kommt gleich der nächste „Hammer“. Eines Tages kommt der Mann meiner Mitpatientin und sagt ihr, dass ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hat. Sie war total erschüttert. Aus ihren Erzählungen weiß ich, dass sie sehr an ihrer Mutter hängt und diese eine ganz liebenswerte Person ist. Umso mehr konnte ich jetzt ihre Niedergeschlagenheit verstehen. Die Psychologin hat mir ihren Kummer erzählt. Ich habe zugehört, ohne zu unterbrechen und ich glaube, es hat ihr gut getan, einfach reden zu können. Später, bei einem Telefonat, hat sie mir gesagt, dass ihre Mutter kurze Zeit später verstorben ist. Als ich dann das zweite Mal aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging es mir nicht so gut. Ich hatte immer das Gefühl, mir liegt eine Drahtschlinge um den Hals, die von Zeit zu Zeit zu gezogen wird. Mein Hausarzt hat dann meine weitere Betreuung übernommen und alle weiteren Blutuntersuchungen veranlasst. Es war ja jetzt so, dass ich keine Schilddrüse mehr hatte, die den Kalzium Gehalt im Körper bestimmt und lebensnotwendiges Jod speichert. Es gab da noch ein okkultes (nicht sichtbares) Gewebe, welches beseitigt werden musste. Doch dazu komme ich später. Ich habe versucht meinen Kalziumspiegel im Blut mit Milch und allen möglichen Milchprodukten zu regulieren. Es hat auch ganz gut funktioniert. Das anfangs verabreichte Kalzium Präparat –Tachystin- habe ich nicht vertragen. Eine allergische Reaktion mit Frieseln im Gesicht und das Einschwellen der Augen haben ein weiteres Einnehmen nicht zugelassen. Dr. Schmidt der nette Krankenhausarzt und auch mein Hausarzt rieten mir zu einer Radio- Jodtherapie, wodurch das okkulte Gewebe eingetrocknet werden sollte. Ich habe mich überzeugen lassen und diese Behandlung ca. 2 Wochen nach der OP in Angriff genommen. Mit dem Taxi bin ich dann nach Jena in die Radiologie gebracht worden. Der Termin stand fest, und alles war für mich vorbereitet. Meinem Taxifahrer entrichtete ich 25,00 DM Eigenanteil an der Fahrt. Den Rest bezahlt meine Krankenkasse. So war das gesetzlich geregelt. Nun begannen für mich neue Untersuchungen. Blutentnahme, Urinuntersuchung, ect. Bis hin zu den Formalitäten der stationären Aufnahme. Der Vormittag zog sich unendlich in die Länge. Dann kam endlich das Aufnahmegespräch bei Frau Dr. Zinner. Diese fragte mich nach der bisherigen Medikation. Als ich ihr sagte, dass ich Thyreotom, ein Jodhormonpräparat eingenommen habe, wurde sie richtig ärgerlich. „Da können sie gleich wieder heim gehen“ waren ihre Worte. Ich war in dem Moment etwas überfordert. „Ich habe das doch nicht von mir aus gemacht. Mein Doktor hat mir das Medikament verschrieben.“ „Ihr Doktor, Frau Richter, hat längere Zeit bei uns gearbeitet, er ist Radiologe und müsste wissen, dass bei Einnahme dieses Medikamentes keine Behandlung mit Radiojod erfolgen kann. Das heißt, wir sehen uns in 4 Wochen wieder. Punkt! Aus! Für mich bedeutete das, vier Wochen länger zu Hause bleiben, vier Wochen später wieder zur Arbeit gehen können. Ich war einfach nicht bereit, vier Wochen zu vergammeln. Also rief ich im Krankenhaus in Saalfeld bei Dr. Schmidt an und bat ihn, die mir angebotene Kur (Anschlussheilbehandlung) in die Wege zu leiten. Er versprach mir zu helfen, und so hat sich meine Wut ein wenig gelegt. Ich rief meinen Taxifahrer zu Hause an, ließ mich in Jena wieder holen und bezahlte nochmals 25,00 DM. Außer Spesen nix gewesen! Vielleicht sollte das alles so sein. Wer weiß, ob ich zur Kur gefahren wäre, wenn es mit der Behandlung in Jena gleich geklappt hätte. Alles im Leben hat einen tieferen Sinn. So sehe ich es jedenfalls heute. Zu meinem Hausarzt musste ich aber an diesem Nachmittag noch fahren und ihm von dem Malheur erzählen. Eigentlich war es ja sein Fehler. Mit meiner Krankenkasse habe ich auch gesprochen und die vergeblich ausgegebenen 50,00 DM wurden mir kulanterweise zurück erstattet. Nun hieß es für mich, „Nichts anbrennen lassen“ und flugs die Kuranträge ausgefüllt. Das geschah in Saalfeld im Krankenhaus bei einer Sozialarbeiterin. Und ab ging es zur Kur nach Tabarz im Thüringer Wald. Mit der Taxe durfte ich dort hin reisen. Alles auf Kosten der BfA. Wir wohnen hier im Südwesten Thüringens in einer schönen Gegend, aber die Landschaft um Friedrichroda, Steinbach und wie die Orte so heißen, ist tausendmal schöner als hier. Das erinnert mich an ein Märchen. Mir hat es sofort gefallen, und ich habe mich in Tabarz „sauwohl“ gefühlt. Schon am zweiten Tag traf ich eine junge Frau, die ebenso wie ich am verordneten Spaziergang teilnahm. Sie erzählte mir, an Schilddrüsenkrebs erkrankt und operiert worden zu sein – also genau wie ich. Wir haben natürlich sofort unsere Erfahrungen ausgetauscht. Da es ihre zweite Kur in Tabarz war, kannte sie sich schon bestens aus. Umgebung, Kurheim und die besten Eiskaffees waren Jutta bekannt. Als unkomplizierte Menschen duzten wir uns sofort. Wir bildeten ein Team, zu dem sich noch die Christel und die Gabi hinzu gesellten. Christel ist 56 Jahre alt, 2 Zentner schwer, 1,60cm groß, BH-Größe 110 Doppel--D, immer zu Späßen aufgelegt, intelligent und rundherum eine liebenswerte Person. Die vierte im Kleeblatt, die Gabi, ist von Beruf Germanistin. Zur Zeit arbeitet sie in einem Regierungspräsidium einer Landeshauptstadt. Gabi wurde der gesamte, krebskranke Magen entfernt. Ich glaube, diese vier Wochen Kur und die Schicksale der einzelnen Menschen, die ich kennen lernte, haben mich noch stärker beeindruckt, als alles Leid das ich im Krankenhaus erlebt habe. Im Krankenhaus waren es maximal drei Patienten, die einige Tage miteinander verbrachten. In der Kurklinik waren es über einhundert Leute, und alles Krebskranke. Zum Teil geheilt, zum Teil aber noch mit Metastasen behaftet und keiner weiß so richtig, ob er mal ein alter Mensch wird. Wobei ich aber auch festgestellt habe, dass viele ältere Menschen diese Kur in Anspruch genommen haben. Die meisten der anwesenden Kurpatienten waren Rentner. Es hat mir oft die Tränen in die Augen getrieben, wenn ich die alten Leutchen so beobachtet habe, wie sie Hand in Hand mit ihrem Partner in den Speisesaal kamen, und sich beim Spaziergang an den Händen nahmen. Es waren viele Ehepaare dort. Ich glaube, sie haben die Kur gemeinsam genutzt, weil sie nicht wissen, wie viel Zeit ihnen im Leben noch verbleibt. Wenn ich da so an meine Eltern denke...... Auch das ist ein Grund für mich, gut zu meinem Mann zu sein und nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Man weiß doch nie, welches Schicksal einem bestimmt ist. Am allermeisten habe ich immer die Christel bewundert. 1995 hat sie ihren Vater verloren, 1996 ist ihr zweiter Mann verstorben – vier Wochen nach ihrer Hochzeit – 1997 hatte sie Unterleibskrebs und 1998 wurde ein Hautkrebs festgestellt. Und sie behält ihren Humor! Sicherlich weint sie manchmal heimlich, wenn ihr die „Seele überläuft“. Außerdem ist es ganz selbstverständlich für sie, dass sie die kranke Mutter pflegt. Tags arbeitet sie in einem Sanitätsgeschäft und abends geht sie zu ihrer Mutter, schläft in deren Wohnung, obwohl sie eine eigene, schöne Wohnung hat. Warum kriegen solche herzensguten Menschen wie diese Christel Krebs? Mein Doktor hat einmal gesagt, dass jeder Mensch in seinem Körper eine Schwachstelle hat. Kann ein Mensch seine Probleme nicht mehr alleine bewältigen, dann greift es diese Schwachstelle an. Bei dem einen ist es eben der Magen, beim anderen der Darm oder die Psyche. Ich denke mal, Krebs ist eine psychosomatische Erkrankung, wo Geist und Körper nicht mehr miteinander harmonieren. Oftmals hat man den Eindruck, dass es Menschen gibt, denen nichts „unter die Haut geht“. Das ist natürlich nur meine subjektive Empfindung. Man kann ja in keinen Menschen hinein schauen. Auch diesen Satz sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Es stellt sich für mich immer häufiger die Frage nach dem WARUM? Bei dem verunglückten ICE - Zug in Eschede bei Celle, wo hundert Menschen den Tod fanden, habe auch ich die Frage nach Gott gestellt. Wo war er? Ich habe die ganze Nacht keine Ruhe gefunden, habe ständig die Nachrichten im Fernsehen verfolgt und dabei geweint. Als ich das meiner Schwiegermutter so am Telefon gesagt habe, antwortete sie darauf: „Du musst an was Schönes denken, sicherlich war auch das Gottes Wille“. Meine Schwiegermutter meint es sicherlich gut mit mir, aber Mitgefühl für Menschen, die sie nicht kennt, habe ich bei ihr noch nie erlebt. Vielleicht muss man so sein. Sie war nie in ihrem Leben ernsthaft krank und ist heute 87 Jahre alt. Alles im Leben ist eben auch eine Sache der Auslegung! Wenn unser „Kleeblatt“ abends zusammen saß, dann haben wir uns gegenseitig unsere Lebensgeschichten erzählt. Wir brauchten alle vier keine psychologische Betreuung, weil jeder mit dem anderen offen reden konnte. So war es ja auch, ich kenne es jedenfalls so, zu DDR-Zeiten. Man war im Kollektiv, hatte immer vertraute Kolleginnen und Kollegen, die zuhören und verschwiegen sein konnten. Das hat mir jedenfalls sehr geholfen, auch private Probleme zu besprechen. Beim heutigen Leistungsdruck und der Konkurrenz unter den Mitarbeitern geht der Kollegialismus verloren. Viele arbeitenden Menschen haben Angst um ihren Job. Heute sind eben die Psychotherapeuten wieder mehr gefragt, weil die von Berufs wegen verschwiegen sein müssen. Ich habe auch heute noch nette Arbeitskolleginnen und Kollegen und hoffe, niemals einen Psychotherapeuten konsultieren zu müssen. Von allen Personen, welche ich hier namentlich erwähne, habe ich das Einverständnis, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, auch wenn es einmal ein Anderer liest. Über Christel habe ich ja schon so einiges zu Papier gebracht. Sie hat mich übrigens gestern angerufen. Ich bin zur Zeit in Jena zur Radiojod - Therapie. Aber darüber möchte ich am Ende meines Berichtes schreiben. Also, die Christel ist ein wunderbarer Mensch. Sie hat einen Sohn aus erster Ehe, den sie über alles liebt. Ich habe ihn kurz kennen gelernt, als er seine Mutter in Tabarz abholte. Er machte auf mich einen sehr netten Eindruck. Die Freundin von ihm war auch dabei. Sie passt Christel nicht so recht als Schwiegertochter. Aber vielleicht ist das immer so mit Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern. Auch ich habe einen Sohn und eine „fast“ Schwiegertochter. Auch mir passt manchen nicht in den Kram, was das Mädel macht. Aber mein Sohn liebt sie, sie verstehen sich prima, und nur das ist wichtig. So sieht es auch die Christel bei ihrem Sohn. Christel ist sehr sensibel. Sie hat in den letzten Jahren zu viele Tiefschläge verarbeiten müssen. Ja, diese Christel, „ein Pfundsweib“, im wahrsten Sinne des Wortes. Weil sie so füllig ist, bekam sie fettarme Kost verordnet. Sie lehnte dieses kategorisch ab. Zur Ärztin sagte sie, dass sie ja nicht wisse, wie viele Donnerstage sie noch lebt und essen ist ihre größte Leidenschaft. Die Ärztin hat es akzeptiert und die liebe Christel hat weiter gefuttert. Bei mir war Frau Dr. Büttner – so heißt die Ärztin in Tabarz – da unnachgiebig. Ich musste an der Cholesterin - Beratung teilnehmen und bekam nur noch fettreduzierte Kost. Verstohlen sah ich immer auf die Teller der Tischnachbarn, wenn bei denen das panierte Schnitzel über den Tellerrand hing und mein unpaniertes verschrumpelt auf dem Teller lag. Ich war aber eisern; habe meine Portion gegessen, und mich nicht beklagt. Gabi wurde, wie schon erwähnt, der gesamte Magen entfernt. Er war mit bösartigen Tumoren befallen. Sie muss ihre gesamte Ernährung umstellen. Alle 2 Stunden sollte sie etwas essen. Ich habe das schon mal gehört, dass der Mensch auch ohne Magen leben kann. Nun weiß ich mehr darüber. Der Darm gibt die Nährstoffe an den Körper ab. Der Patient muss nur genau auf die Zusammenstellung seiner Nahrung achten. Auch das bekommt man zu so einer Kur gelernt. Überhaupt war die Betreuung in der Inselsbergklinik, besonders für Diätpatienten super. Täglich kamen die Diätassistentinnen an die Tische ihrer „Schützlinge“ und besprachen den Speiseplan für den nächsten Tag. Hin und wieder wurde auch mal gekocht, wonach jeder so Appetit hatte. Mit einer beachtenswerten Einfühlsamkeit, Ruhe und Geduld führten die Diätassistentinnen die Gespräche mit den Kurpatienten. Jutta ist von Beruf Kinderkrankenschwester. Sie arbeitet aber jetzt bei ihrem Mann in dessen Firma. Er betreibt ein Ingenieurbüro in der Nähe von Leipzig. Da sie ebenfalls an Schilddrüsenkrebs erkrankte, hatten wir beide immer Gesprächsstoff. Ihr erging es allerdings wesentlich schlechter als mir. Sie konnte nach der Operation kaum noch sprechen. Monatelange Sitzungen beim Logopäden halfen ihr, aber das richtige Atmen zu erlernen, um mit der veränderten Sprechweise zu Recht zu kommen. Manchmal hat sie heute noch Schwierigkeiten mit ihrer Stimme. Ich habe in Tabarz noch weitere Patienten gesprochen, die nach einer Operation am Hals auch heute noch eine heisere und belegte Stimme haben. In solchen Momenten denke ich dann immer an Dr. Menzel in Saalfeld und empfinde tiefste Dankbarkeit. Ich konnte sofort wieder sprechen und auch das Singen geht wieder prima – jedenfalls empfinde ich das so. Jutta musste nach der OP bestrahlt werden, um den Krebs vollständig aus zu räumen. Sie kann bis heute noch nicht wieder richtig schlucken, muss ständig trinken, weil ihr der Speichel im Mund fehlt. Sie erzählte mir, dass die Speiseröhre verbrannt war und sie lange Zeit nur flüssige Kost zu sich nehmen konnte. Irgendwie fügt man sich eben in sein Schicksal. Es ist doch bei jedem Menschen immer wieder die Hoffnung, die einem von Tag zu Tag weiter leben lässt und wenn es manchmal noch so dreckig geht. Da gibt es so einen Ausspruch: „Was mich nicht umhaut, macht mich stark“ Es ist wirklich so. Ich habe zur Wendezeit sehr viel Nerven lassen müssen. Auch darüber habe ich alles aufgeschrieben. Aber das ist eine andere Geschichte. Sicherlich hat auch das einen Beitrag zu meiner Erkrankung geleistet. Da ich ein kontaktfreudiger Mensch bin, und auch gerne etwas über die Schicksale anderer wissen möchte - nicht aus Sensationslust, nur einfach, um manches besser verstehen zu können- kam ich, wie schon gesagt, mit vielen Patienten ins Gespräch. Unter anderem ist mir eine Frau aufgefallen mit einem pockennarbigen Gesicht. Sie ist so ungefähr 50 Jahre alt. Eine Gesichtshälfte war aufgedunsen und von Bestrahlungen verbrannt. Es gab fast jeden Abend im Kurheim eine Veranstaltung, die jeder kostenlos besuchen konnte. An einem dieser Abende gab es eine Kosmetikberatung. Die Kosmetikerin suchte sich diese Frau als Model aus. Sie schminkte ihr das Gesicht mit wenig Make-up. Trug etwas Lidschatten auf und malte ihr dezent die Lippen etwas rot nach. Man soll nicht glauben, wie das die Frau zu ihrem Vorteil verändert hat. Ein paar Tage später traf ich sie im Speisesaal. Sie war beim Friseur, hat sich die Haare schneiden lassen und blonde Strähnchen zierten die Kurzhaarfrisur. Gefärbte Wimpern und Augenbrauen gaben ihrem Gesicht mehr Ausdruckskraft. Ich musste dieser Patientin einfach sagen, dass sie sehr vorteilhaft aussieht. Ich glaube, sie hat sehr darüber gefreut und es hat ihrem Selbstbewusstsein gut getan. Von ihr erfuhr ich, dass sie einen Tumor in der Nasennebenhöhle hat, dass dieser jährlich entfernt werden muss weil er nachwächst. Anschließende Bestrahlungen zerstören eines Tages ihr Gesicht. Sie beendete unser Gespräch mit den Worten: „Wenn mich meine Kinder nicht brauchen würden, dann ......“ Sie konnte nicht weiter sprechen, weil ihr die Tränen die Stimme erstickten. Auch ich habe mich herum gedreht, um ihr meine Tränen zu verbergen. Mein Gott, wo bist du und warum lässt du so viel Leid zu? Wenn es mir so erginge wie ihr, ob ich wohl die Kraft hätte..? Überhaupt habe ich mir angewöhnt, bevor ich urteile, immer erst darüber nachzudenken, was ich tun würde, wäre ich in der Situation des anderen. Die ersten drei Wochen in Tabarz ging es mir so richtig gut. Ich nahm ein Schilddrüsenhormonpräparat ein und war daraufhin leistungsstark und voller Antrieb. Wie eben ein ganz gesunder Mensch. Hatte ich doch etwas ganz besonders Schönes zu erwarten. Wir bekommen ein neues Enkelkind ins Haus. Meine Tochter hat einen vierjährigen Sohn, der aber nicht in unserem Ort wohnt und auch nicht allzu oft bei uns ist. Bei uns im Haus, es ist ein riesiges altes Bauernhaus, wohnt unser Sohn mit seiner Freundin. Sie ist schwanger und soll Anfang Juni das Baby bekommen. Ich bin schon so aufgeregt, dass ich die Zeit kaum erwarten kann. Dementsprechend war auch meine Telefonrechnung am Ende der Kur. Ich glaube, ich habe die daheim ganz schön genervt. Mir dauerte die Kur zu lange. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Nach diesem Motto handelnd habe ich im Voraus schon mal einige Sektfläschchen gekauft. Sonntagnacht so gegen 2.30 Uhr rief mein Mann an und sagte, dass wir einen kleinen Janosch bekommen haben. Die Euphorie überwältigte mich natürlich wieder. Ich trank eine der kleinen Sektfläschchen aus und an Schlafen war überhaupt nicht mehr zu denken. Er erzählte mir, dass das Kind mit Kaiserschnitt entbunden wurde. Mutter und Kind sind aber wohl auf. Nun konnte ich auch meinen Tischkolleginnen eine kleine Sektflasche auf den Frühstücksplatz stellen. Nun war meine Geduld, die Kur noch weiter zu genießen vollends vorbei. Ich wusste nicht, wie ich Frau Dr. Büttner überzeugen konnte, mich eher nach Hause fahren zu lassen. Einmal habe ich den vagen Versuch gemacht, die Frage nach einer Abreise am Sonntag zu stellen. Sie hatte dann ein kleines Einsehen und hat mich am Montag entlassen. Mein Mann holte mich mit dem Auto ab. Ein paar Worte möchte ich noch zu den Therapien verlieren, Gymnastik habe ich schon immer gerne gemacht. So auch in Tabarz. Ausgerichtet waren diese Bewegungen speziell auf die Wirbelsäule, die Bauchdecke und den Beckenboden. Letzteres hat mehr Muskelkater vom Lachen erzeugt, als von den Übungen selbst. Neben mir auf der Matte lag meistens die dicke, lustige Christel. Die Physiotherapeutin erklärte den Zweck der Übungen. Viele, besonders ältere Frauen leiden an Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur. Das führt häufig zu Inkontinenz (Blasenschwäche). Dem vorzubeugen, ist eine Gymnastik sehr hilfreich. Man soll die Anspannung der Muskulatur von außen nicht sehen. Die Therapeutin erklärte das so: „Stellen sie sich vor, sie führen eine 70 Gramm schwere Kugel in die Scheide ein, versuchen sie nach oben zu ziehen und im Beckenboden zu halten. Sie können diese Übung überall machen, beim Bäcker, an der Bushaltestelle und sonst wo. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt“. Diese Vorstellung hat den meisten dann doch ein Lächeln abverlangt. Sie hat auch eine solche Kugel herum gehen lassen, zum besseren Verständnis. Es gibt diese in Sanitätsgeschäften zu kaufen. Eine Übung bestand darin, diese Kugel wie einen Fahrstuhl nach oben zu ziehen. Plötzlich wackelte die Christel neben mir auf der Matte, dass ich die Erschütterung durch ihre Fülligkeit spürte. Sie konnte vor Lachen nicht mehr stille halten. Die Physiotherapeutin fragte, was es zu lachen gibt. Christel sagte darauf hin, dass sie erst mal anhalten muss, bei ihr will im vierten Stock einer zusteigen. Alle lachten und auch ich konnte mich bis zum Ende der Gymnastikstunde nicht mehr konzentrieren. Und so war das ständig mit dieser Christel. Immer hatte sie lustige Sprüche drauf und nichts als Unsinn im Kopf. Hoffentlich bleibt sie so… Die 3 Frauen, also Christel, Jutta und Gabi reisten nach der dritten Woche wieder ab, weil es für sie bereits die zweite Kur nach der Krebserkrankung war. Ich habe mir für die vierte Woche keinen neuen Anschluss gesucht. Auf Grund der bevorstehenden Radiojod - Therapie musste ich meine Tabletten absetzen. Es war dieses Mal ein anderes Medikament, mit einer anderen Halbwertzeit. Dieses wurde von Frau Dr. Zinner verordnet. Mein Hausarzt sagte mir, dass ich dieses Medikament unbedingt nehmen muss, da ich sonst sehr zunehme. So war es dann auch. In den ersten drei Kurwochen war ich leistungsstark und voller Antrieb. Ich habe etwas abgenommen, obwohl ich keineswegs gehungert habe. Ganz einfach die Bewegung an der frischen Luft, die Gymnastik und die fettarme Kost haben entschieden zu meinem Wohlbefinden beigetragen. In der vierten Woche allerdings schnellte das Gewicht in die Höhe. Ich war nicht mehr so belastbar. Das merkte ich besonders bei den straffen Wanderungen in den Thüringer Bergen um Tabarz herum. War ich vorher immer an der Spitze des Trupps, so hatte ich jetzt zu tun, mit den anderen mitzuhalten. Das kränkte natürlich meinen Ehrgeiz, machte mir aber bewusst, dass ich in meinem weiteren Leben nicht mehr ohne Medikamente auskommen werde. Diese vierte Woche holte mich „auf den Boden der Realitäten“ zurück. Nun hoffe ich, dass mit der Einstellung meines Stoffwechsels auf das neue jodhaltige Hormonpräparat meine Leistungskraft wieder kommt. Ich vertraue in dieser Hinsicht voll und ganz meinem Hausarzt. Es gibt für mich so viele Wünsche für die Zukunft, dass ich dazu meine ganze Kraft brauche. Ich will zusammen mit meinem Mann Fahrradtouren unternehmen, will mich meinen Enkelkindern widmen, und auch ein bisschen von der Welt sehen. Dass es jetzt in unserem Haus ein Enkelkind gibt, ist unsere größte Freude. Hoffentlich kommen noch einige dazu. Ich liebe Kinder. Dafür verzichte ich gerne auf meine materiellen Ansprüche und auch auf meine Bequemlichkeit, weil es sich immer lohnt für Kinder da zu sein. Aber am allermeisten wünsche ich mir Gesundheit für mich und meine Familie. Besonders angenehm bei meinen Kuranwendungen waren die Massagen. Mein Hals war bei der Anreise in der Kurklinik noch stark geschwollen. Frau Dr. Büttner verordnete mir eine Thorax - Streichmassage. Zuerst war ich skeptisch. Was soll ich denn mit diesen Streicheleinheiten? Aber es hat mir sehr gut getan. Die Masseurin machte mir eine richtige Lympfdrainage und nach kurzer Zeit war die Schwellung am Hals verschwunden. Die Narbe sieht man kaum noch. Das habe ich ebenfalls Dr. Menzel zu verdanken. Er hat einen sehr sauberen Schnitt an meinem Hals gemacht. Doch auch auf andere Streicheleinheiten brauchte ich nicht zu verzichten. Nein..... nicht durch den Kurschatten.... Die männlichen Kurpatienten waren mir sowieso alle zu alt. Mein Mann hat mich jeden Sonntag besucht. Ich liebe ihn sehr und wir brauchen uns gegenseitig. Das wird einem bei so einer Krankheit und auch durch eine längere Trennung bewusst. Da ich im Kurheim ein Einzelzimmer bewohnte – mit einem Balkon und einem wunderschönen Blich auf Tabarz und die Berge –war es nicht schwer, die vermissten Streicheleinheiten von ihm in Anspruch zu nehmen. Wir haben einfach von innen die Tür verschlossen und uns geliebt, leidenschaftlicher und mit mehr Hingabe, als es zu Hause manchmal der Fall ist. Ich habe ihn scherzhaft gefragt, ob er sich die Wunderpille „Viagra“ besorgt hat. Natürlich nicht. Er hat mich begehrt, und das gibt mir ein gutes Gefühl. Den Montag meiner Abreise konnte ich kaum erwarten. Mein Mann versprach mir, Mittag da zu sein. Ich saß gerade am Tisch und löffelte meine Vorsuppe, als ich ihn mit dem Auto kommen sah. Wie ein verliebtes, junges Mädchen, ließ ich Hauptmahlzeit und Kompott stehen und rannte ihm entgegen. In Windeseile trugen wir mein Gepäck zum Auto und brausten über die Autobahn in Richtung Heimat davon. Das neue Enkelkind, der kleine Janosch, wartet doch schon auf die Großeltern. Er ist zwei Tage auf der Welt und will uns kennen lernen. Als wir das Krankenhaus betraten, bekam ich Herzklopfen. Freude, Stolz und ein nicht zu beschreibendes Glücksgefühl durchströmten mich. Unser kleiner Janosch wird hoffentlich in unserem Haus aufwachsen. In einem großen alten Bauernhaus, wo viele Leute Platz haben. Mein Mann wird ihm alles lernen, was man braucht, um so ein Anwesen zu erhalten. Er wird ihm das Interesse an seinem Erbe vermitteln, und wenn er einmal so fleißig und geschickt wird wie sein Opa, dann wird er im Leben ein tüchtiger Mensch. Er soll bei uns im Haus die Nestwärme bekommen, die jedes Kind für eine gute Entwicklung braucht. Wir wollen keinesfalls den Eltern in die Erziehung hinein reden, aber wir wollen da sein, wenn die Enkel uns brauchen. Die Zeit zwischen Kur und Radiojod - Therapie dauerte nur zwei Tage. Es hieß also für mich, rann an die Waschmaschine und dem Staub der vergangenen vier Wochen zu Leibe gerückt. Ich musste feststellen, dass es auch geht, wenn nicht jede Woche die Wohnung „gewienert“ wird. Auch das muss ich lernen, das Putzen in den Hintergrund zu stellen. Lieber etwas unternehmen, als Sklave seiner Wohnung zu sein. So schnell verdreckt man nicht! Das Wetter hat es auch gut mit mir gemeint. Die Wäsche ist trocken geworden und liegt wieder im Schrank. Zeit für mein „großes“ Enkelkind habe ich auch noch gefunden. Der hat natürlich keine Geduld für die Oma, weil er ständig zu tun hat. Eine kleine Nachbarin, ebenfalls wie Thomas vier Jahre alt, ist seine Spielgefährtin. Die andere Oma und ich, wir unterhielten uns und sahen dabei den Kindern beim Spielen zu. Es ist so schön, Kindern zuhören zu können, die sich völlig unbeschwert unterhalten und die Erwachsenen nachahmen. Menschen die keine Kinder haben wollen, wissen gar nicht was ihnen entgeht. Kinder sind das Beste, was von uns auf dieser Welt bleibt. Es liegt doch nur an uns, unsere künstlich hochgeschraubten Bedürfnisse zu reduzieren, um den Kindern immer noch genug bieten zu können. Glücklich ist nur, wer zufrieden ist Das Gespräch der beiden Vierjährigen endete jedenfalls so, dass Thomas fragte: „Jessica, willst du meine Frau werden“? Daraufhin fragt Jessica: „wie alt bist du denn“? Thomas hält vier Fingerchen hoch. Da stellt sich die Jessica neben ihn und sagt, dass sie ihn nicht heiraten kann, weil sie ja viel größer ist als er. Na ja, ist ja auch egal, lautete die abschließende Bemerkung und damit war der interessante Dialog der Kinder beendet. Das Thema Kur ist nun vorbei. Seit gestern sitze ich hier im Isolierbereich der Nuklearmedizin in Jena. Ja ich sitze, denn zwei Stühle und einen Tisch enthält dieses Zimmer auch noch- das hatte ich anfangs vergessen. Dieser Aufenthalt hier soll meine Erlebnisse zum Thema: Zufallsbefund - Krebs beschließen. Ich hoffe auch sehr, dass danach alles ausgestanden ist und ich als gesunder Mensch weiter leben kann. Heute kommt die zweite Patientin in dieses Zimmer. Ich habe mir wirklich die Finger wund geschrieben, um vor ihrem Eintreffen den Großteil meiner Gedanken auf dem Papier zu haben. Man weiß ja nie, in welcher Verfassung ein Mensch ist, der auch noch so eine Prozedur auf sich nehmen muss. Mir würde es auch nicht gefallen, wenn jemand den ganzen Tag auf der Schreibmaschine klappert, wenn ich krank im Bett liege. Wäre sie gestern schon da gewesen, hätte ich sie nach ihrem Einverständnis gefragt. Bei einer Ablehnung würde es diese Zeilen vielleicht gar nicht geben, weil ich mir daheim bestimmt nicht die Zeit genommen hätte, all das Erlebte so ausführlich aufzuschreiben. Der Gesamteindruck dieses Raumes ist trist. Ich habe es auch nicht anders erwartet. Es ist bestimmt in diesem alten Uni - Klinikum auch gar nicht anders machbar. Ich kann damit leben und bin froh, dass mir geholfen wird. Die Schwestern jedenfalls sind sehr nett und von der Ärztin Frau Dr. Luck bin ich sehr angetan. Sie hat eine sehr fürsorgliche Art mit den Patienten umzugehen. Frau Dr. Luck verabreichte mir „meine Kapsel“. Mit einem Bleibehälter 30 x 30 x 30 cm kam sie ins Zimmer. Ich glaubte, der Behälter wäre voller radioaktiver Kapseln, Weit gefehlt! Eine einzige war drin. Sie entnahm mit einer langen Pinzette diese Kapsel, legte sie auf einen Medikamentenlöffel und ich musste sie sofort schlucken. Vorher bekam ich zur besseren Verträglichkeit eine Prednisilonspritze. Durch Vorgespräche wusste ich, dass Radioaktivität durch Exkremente und über die Haut ausgeschieden wird. Es wunderte mich daher nicht, dass die gesamte Wäsche, welche ich in den nächsten Tagen anziehen musste, vom Krankenhaus gestellt wurde. Am ersten Tag in diesem ungastlichen Zimmer entledigte ich mich meiner gesamten, persönlichen Kleidung und verschloss alles in einem Kleiderschrank. Ein junger Pfleger, ich nahm an ein Zivi, übergab mir die Krankenhaus „Designer – Klamotten“. Ein Nachthemd, in dem zwei Leute Platz gehabt hätten, einen Bademantel der etwas zu eng war, 2 Schlüpfer, Söckchen, Badelatschen Handtücher und Waschlappen, sowie Zahnputzzeug. Es hat mich schon sehr verwundert, dass ich meine Schreibmaschine behalten durfte. Das Essen zumindest war sehr gut. Man konnte zwischen drei Gerichten wählen. Ich nahm immer etwas ohne Fleisch. Die Cholesterinberatung der Kurklinik wirkte noch nach. Meine neue Zimmerkollegin ist soeben gekommen. Sie bekam ebenfalls ihre Kapsel verabreicht. Überreicht wurde sie vom Professor selbst. Der Chef musste selbst rann, weil er all seinen Ärzten Urlaub genehmigt hat. Frau Plagwitz, so heißt die Patientin, die mit mir das Zimmer teilt, ist 73 Jahre alt. Es ist nie vorher zu sehen, mit wem man in einem Zimmer liegt. Es ist auch hier ein ständiges Kommen und Gehen. Wenn ein Patient absagt, steht schon der nächste „auf der Matte“. Die Wartezeit für so eine Radiojod - Therapie kann bis zu zwei Jahren dauern und diese Therapie wird aus den verschiedensten Gründen durchgeführt. Bei Frau Plagwitz war es so, dass mit dem Eintrocknen der Schilddrüse der viel zu hohe Blutdruck gesenkt werden sollte. Eine weitere Behandlung sollte mit einem Jodhormonpräparat durchgeführt werden. Es sind ein paar Tage vergangen. Ich schlafe sehr schlecht. Nachts hört man ständig das Martinshorn. Die Sträucher rund um das Gebäude der Nuklearmedizin vermögen nicht, den Lärm der nahe liegenden Hauptstraße zu schlucken. Ich bin diese Art Lärm nicht gewohnt. Bei uns zu hause hört man allenfalls mal einen Hund bellen, oder einen Hahn krähen. Das sind vertraute Geräusche. Das Zimmer durchschreitet man mit fünf Schritten längs und vier Schritten quer. Beim Flur sind es zwei Schritte quer. Ich kann mir vorstellen, dass es im Knast nicht viel anders ist. Da bekommt man wenigstens noch Hofgang. Ich will aber nicht jammern. Es wird mir ja geholfen. Mit meiner Zimmerkollegin habe ich echt Glück gehabt. Frau Plagwitz ist eine nette und lustige Frau. Und wie das so ist, lebt man auf kleinstem Raum eine Zeit lang zusammen, erzählt man aus seinem Leben. Abermals bestätigten sich meine Gedanken. Psychischer Druck macht auf Dauer krank. Was diese Frau erlebt hat, übertrifft alle bisherigen, mir bekannten Schicksale. Als zwanzigjähriges Mädchen musste sie zusammen mit ihrer Mutter die Schlesische Heimat verlassen. Im Osten Deutschlands angekommen, wurde sie ständig versteckt, um nicht von den Russen vergewaltigt zu werden. Sie heiratete, bekam einen Sohn und nach 31-jähriger Ehe starb ihr Mann. Sie ist dankbar für die 31 Jahre. Sie sagt, dass es doch viele Menschen gibt, denen nur kurze Zeit mit dem geliebten Partner vergönnt ist. Zu ihrem Sohn hat sie keinerlei Kontakt mehr. Wenn er sie auf der Straße sieht, geht er an ihr vorbei, als wäre sie eine Fremde. Der Sohn ist geschieden, hat eine neue Freundin und kümmert sich überhaupt nicht mehr um seinen Jungen aus der ersten Ehe. Zu der Ex -Schwiegertochter und ihrem Enkelkind hat Frau Plagwitz einen guten Kontakt. Sie denkt, dass dies der Grund dafür ist, dass ihr Sohn sie meidet. Sie ist sehr mitfühlend und findet das Verhalten ihres Sohnes ungerecht. Man darf doch sein Kind nicht missachten, wenn man sich vom Partner trennt. Bei diesen Worten weinte Frau Plagwitz und sie tat mir unheimlich leid. Wenn der Sohn wüsste, was er seiner Mutter antut. Vielleicht kommt auch bei ihm irgendwann die Einsicht. Das Band zwischen Mutter und Kind ist doch das stärkste im Leben. Frau Plagwitz ist Diabetikerin. Fünf mal am Tag spritzt sie sich Insulin. Sie hatte Leberkrebs, obwohl sie nie Alkohol getrunken hat. Ihr wurde eine Brust abgenommen, weil auch dieses Organ mit einem Tumor befallen war. Sie wurde an der Galle operiert. Als ich abends beim Waschen ihren vollkommen vernarbten Körper sah, empfand ich großes Mitleid mit dieser Frau. Frau Plagwitz hat trotz all dem Schweren in ihrem Leben nie die Hoffnung und vor allem nie ihren Humor verloren obwohl sie die letzten fünf Monate an einem Stück im Krankenhaus lag. “Hut ab“ vor solchen Menschen. Ich wüsste nicht, ob ich das durchstehen würde, ohne Depressionen zu bekommen. Viele Freunde und Nachbarn haben ihr geholfen und auch hier in Jena wird sie ständig angerufen. Ihr sehnlichster Wunsch wäre es, wenn einmal, nur einmal ihr Sohn anrufen würde. Mir selbst geht es nicht gut. Ich habe Nierenschmerzen und ein Brennen beim Wasser lassen. Ich weiß nicht, ob es nur ein Infekt, oder die Nebenwirkung des Medikamentes ist. Jedenfalls habe ich es den Schwestern gesagt. Nach geraumer Zeit kam eine Ärztin, fragte von der Tür her, wie es mir geht. Sie hatte wohl Angst, radioaktive Strahlen ab zu bekommen. Man kann‘s ja auch verstehen, sie war noch sehr jung und wollte bestimmt einmal gesunde Kinder bekommen. Ich habe ihr erklärt, welches Mittel mir bei diesen Beschwerden früher einmal geholfen hat. Sie ließ es bringen und es trat zum Glück eine Besserung ein. Ich wusste aus der Schulzeit noch, dass sich Radioaktivität halbiert. Es konnte also bei meiner Dosis nicht all zu lange dauern, bis ich im ungefährlichen Bereich war. Am Montag wurde gemessen. Frau Dr. Luck kam mit einem Messstab und einem Messgerät. Aufgeklärt durch Schwester Annelie über die genaue Wirkungsweise unserer Therapie, waren wir etwas schlauer geworden. Annelie war die netteste Schwester auf dieser Station. Sie hat sich immer mal die Zeit für ein kleines Schwätzchen genommen. Ich empfand das als sehr angenehm und bin der Meinung, dass auch dieses Verhalten der Schwestern zu einer besseren Genesung der Patienten einen Beitrag leistet. Also, Frau Doktor Luck legte den Messstab auf meine Schulter. Die Maßeinheit von Radioaktivität wird in Becquerel angegeben. Bei mir waren es noch 3,6 Mega – Becquerel. Zur Entlassung dürfen es nicht mehr als 5,5 sein. Ich lag also noch etwas darunter. Meine Freude war riesig. In meiner nicht zu bremsenden Spontaneität, die ich wohl nie in den Griff bekomme, habe ich sofort meinen Taxifahrer in Lobenstein angerufen, um mich abholen zu lassen. Bis die Taxe da ist, vergeht sowieso noch mindesten eine Stunde, dachte ich. In dieser Zeit musste ich noch einmal „in die Röhre“, wie der Laie sagt. Es wurde ein erneutes Szintigramm erstellt, welchen den Rest der verbliebenen Schilddrüse darstellen soll. Dieser Rest wird in den nächsten Tagen noch verschwinden aufgrund des Radio – Jodes. Ich verabschiedete mich von Frau Doktor Luck, wartete draußen im Hof der Uni – Klinik im strömenden Regen in einer Hauseinfahrt, atmete ganz tief die frische Luft ein und war der glücklichste Mensch an diesem Tag.
Leider ist das Leben unberechenbar. Es sind mittlerweile ein paar Jahre vergangen. Ich glaube, den Krebs habe ich besiegt. Neue Krankheiten haben sich eingestellt. Im Herbst 2001 wurde eine Colitis Ulcerosa diagnostiziert. Das ist eine chronische Entzündung des Dick- und Dünndarmes. Man spricht auch hier von psychosomatisch. Wenn ich mein Leben so überdenke, musste ich schon einige „Tiefschläge“ einstecken. Mein Sohn ist weggezogen, nachdem seine Wohnung in unserem Haus fertig war. Er hat geheiratet und wir haben es durch Zufall erfahren. Das tut sehr weh. Die Hochzeitsbilder habe ich nie gesehen – will ich auch nicht. Es waren nur Freunde eingeladen. Nicht mal ihre Mutter und Oma waren dabei. Astrid ist die einzige Tochter. Wie wird es wohl dieser Mutter ums Herz gewesen sein? Ist es doch für Eltern – besonders für Mütter – das schönste Erlebnis, wenn sie die Hochzeit ihrer Kinder erleben können. Der kleine Janosch, das Kind unseres Sohnes darf aber hin und wieder zu uns kommen. Er ist so lieb und herzlich, dass ich manchmal das Gefühl habe, er macht den seelischen Schmerz kleiner, den seine Eltern mir zugefügt haben. Meine Tochter Susi ist sehr herzlich. Sie hilft mir, so weit es ihre Zeit erlaubt. Sie hat selbst Familie und geht ganztags arbeiten. Das Verhältnis zu der Familie meines Sohnes hat sich wieder eingerenkt. Wir gehen aber sehr selten zu ihnen, weil das Haus eine „erdrückende“ Wirkung auf mich hat. Es ist ein altes Bauernhaus, welches weder gemütlich noch ordentlich ist. Sie müssen in diese Bude noch sehr viel Geld investieren, um es überhaupt „vorzeigbar“ zu machen. Aber vielleicht sind sie mit ihrem riesigen Schuldenberg und diesem Haus glücklicher als sie es bei uns waren. Generationskonflikte bleiben eben nicht aus. Mein Abstand zur Familie meines Sohnes ist jetzt so groß, (nicht nur räumlich), dass ich mein inneres Gleichgewicht wieder finde. Unser Enkel Janosch sagt immer, wenn er bei uns ist: „Wenn ich groß bin, dann ziehe ich zu euch“. Warten wir’s ab! Mehr über Vitamine und Nahrungsergänzungen erfährst du hier ! (Brigitte Richter, richter-thierbach@gmx.net) |