Beim Läuten

Leseproben aus meinem Buch des Jahres 2017?

Ich schreibe grad daran; es soll meine "Lustige Biographie" [ha, ha!] werden. Daher ist der Zeitpunkt der Fertigstellung noch nicht abzusehen.

 Ich tippe eher auf 2018 oder noch ein wenig später. Und ich lasse mich überhaupt nicht mehr drängen, denn ich habe jetzt nach meiner Herz-OP jede Menge Zeit. Alles klar, liebe Leser? Aber die ersten paar Seiten stelle ich schon mal als Kostprobe hier ab. Viel Lust beim Lesen!

 

 

Mein erster Lehrer

Es war so still in dem Klassenzimmer, dass man die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können. Die letzten paar Mütter schlichen auf Zehenspitzen durch die schwere Klassentür, die sich gleich darauf für einen kräftig gebauten Mann mit konkav geschliffenen Brillengläsern öffnete. Er steckte in einem etwas zu groß geschnittenen grauen Anzug und darüber trug er einen schwarzen Arbeitsmantel. Kein Zweifel, das musste unser Herr Lehrer für die nächsten vier Jahre sein. Sein Name war Nimmer, Johann Nimmer.

Ihm gegenüber standen wir 32 Knirpse, alles Knaben, in meist recht ärmlichen Kleidern, zerlumpten Schuhen, kurzen Hosen und schmuddeligen Hemden. Alles war hellgrau bis schwarz. Farbiges Zeug gab es so kurz nach dem Krieg noch kaum, alles passte so richtig zu den dürftig geflickten Häuserruinen, den Gesichtern der Mütter und den meist verwundet aus dem Krieg heimkehrenden Vätern, die das Erlebte nie mehr so richtig verkrafteten.

In dem Moment, als Lehrer Nimmer zu uns trat, erklang vom Gang her ein schepperndes Glockengeläute. Wir ahnungslosen Buben erschraken gewaltig, zwei recht ängstliche von uns begannen sogar lautlos zu weinen. Ich war einer von ihnen. Vor den Klassentüren marschierte der Schulwart auf und ab und schwang dabei eine ziemlich schwere Glocke aus Metall, die ebenso auf jedem mittleren Kriegsschiff ihren Dienst hätte versehen können.

Nun begann der Lehrer jeweils zweien von uns Tische zuzuweisen, und wir durften auf kleinen Stühlen Platz nehmen. Schnell war nach dem Geschiebe der Sessel wieder Ruhe eingekehrt, Lehrer Nimmer ging von Tisch zu Tisch und musterte jeden von uns eingehend. Vor jedem Kind blieb er kurz stehen, hob er den Zeigefinger, und der so bezeichnete Junge musste aufstehen.

„Nenne mir deinen Namen, Junge!“

„Franz“, „Karli“, „Ferdinand“, „Johann“…

Dann war die Reihe an mir.

„Mein Name ist Helmut“, schmetterte ich, da mir mein Vater eingebläut hatte, nur ja laut und deutlich zu sprechen, wenn ich dazu aufgefordert würde.

Als der Herr Lehrer nun alle unsere Namen kannte, setzte er sich vorne am Katheder auf seinen Sessel und erzählte uns folgende Geschichte.

Ich kenne da ein Land, in dem es keine Schule gibt und die Kinder daher auch nicht jeden Morgen aufstehen müssen, um dorthin zu gehen oder zu radeln. Sie haben also immer nur Ferien, können im Sommer an den Teich baden gehen, im Herbst Kastanien sammeln und im Winter draußen Schneemänner bauen.

Und genau hier bin ich damals aus seiner Geschichte ausgestiegen, oder besser gesagt, voll eingestiegen. Ich hüpfte auf einer riesigen, für die anderen nicht vorhandenen Wiese umher, pflückte Blumen und rannte bunten Schmetterlingen hinterher. Gleich darauf zog ich mit einer Rodel Spuren in den frisch gefallenen Schnee, trank hinterm Ofen warme Milch mit Honig… und da wurde ich jäh vom Schall der großen Schulglocke aus meinen Träumen gerissen. Ich kann sagen, dass ich von meiner ersten Unterrichtsstunde nicht viel mitbekommen habe, außer vielleicht die Fähigkeit mit offenen Augen zu träumen und mich in eine Parallelwelt zu katapultieren.

Heute habe ich keinen Schimmer mehr davon, wie ich damals nach Hause gekommen bin, aber diese Wiese und den Schnee habe ich mir gut gemerkt. Auf denen bewege ich mich noch immer unheimlich gern.
 

 

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Betragen eins

Es war noch in den Vierziger-Jahren, ich ging noch immer in meine Volksschule zu Lehrer Nimmer in die Klasse – es war die dritte oder die vierte, nein doch eher die dritte, kurz nach dem Halbjahreszeugnis – da wurde die Klassentüre kurz nach dem Pausenläuten vehement aufgerissen und herein polterte ein Mann mit hochrotem Kopf: mein Vater.

Sofort packte er den Pädagogen, der ihm zur Tür entgegengeeilt war, am Kragen seines grauen Arbeitsmantels und zerrte ihn aus der Klasse. Ich rutschte sofort tiefer in meinen Sessel und tat so, als würde mich das alles nichts angehen. Trotzdem konnte ich das Tuscheln und etliche Fingerzeige in meine Richtung nicht verhindern. Einige meiner Freunde kannten meinen Vater von ähnlichen Gelegenheiten in Wohnhaus und Gasse.

Was war geschehen? Was veranlasste meinen Vater, der seit seiner eigenen Kindheit nie mehr ein Schulhaus betreten hatte, zu diesem unerhörten Schritt? Damals waren Lehrer nämlich noch geachtete Amtspersonen, was sich in der Zwischenzeit ja grundlegend geändert hat.

Meine Mutter erzählte mir später einmal die dazu passende Geschichte.

„Dein Zeugnis mitten in der dritten Klasse war nicht so hervorragend, wie die Jahre zuvor. Du hattest „nachgelassen“, sogar erheblich nachgelassen. Aus dem schon obligaten Vorzugszeugnis war plötzlich ein ganz normales Zeugnis mit Noten zwischen eins und zwei geworden. Besonders der Zweier in „Betragen“ war für deinen Vater ein rotes Tuch. Nachdem er dir die regelmäßige Tracht Prügel verabreicht hatte, was aus den nichtigsten und oft unverständlichen Gründen im Schnitt jede Woche einmal passierte, machte sich unser Ernährer eben an diesem Tag zur Schule auf, um dem Lehrer einmal ordentlich die Leviten zu lesen. Denn dein Vater, der dich ja tadellosest erzogen hatte, wertete es als persönliche Beleidigung, wenn man seine aufopferungsvollen Bemühungen um dein bestes Benehmen nur mit „Gut“ bewertete. Eine solche Beleidigung konnte er nicht auf sich sitzen lassen.“

„Was meinst du, Helmut“, erzählte meine Mutter weiter, „wieso es dazu kam, dass dennoch in allen Zeugnissen deiner Schulzeit in Betragen die Note Eins aufscheint? Er hat deinen Lehrer damals zum Direktor der Schule gezerrt, dein Zeugnis hervorgeholt, es in der Kanzlei vor den Augen der Anwesenden zerrissen und geschrien ‚Den Mist schreibt‘s jetzt sofort um, eher gehe ich nicht aus dem Zimmer hier!‘ Und sie haben es tatsächlich getan, du hast ein neues Zeugnis bekommen.“

Ich saß also in der Klasse, Schreifetzen drangen durch geschlossene oder angelehnte Türen, man konnte nur die Stimmen unterscheiden, den Inhalt der Worte verstanden wir nicht. Keiner wagte es, seinen Sitzplatz zu verlassen.

Da ging die Tür unserer Klasse auf. Alle sprangen auf und standen still auf ihren Plätzen. Der Schulwart trat mit dem Kohlenkübel ein, schritt damit zum Ofen in der Ecke und legte ordentlich Kohle nach. Dann schloss er die Ofentür, drehte ein wenig an der unteren Luftzufuhr, blickte sich suchend nach dem Lehrer um und verließ dann brummend die Klasse. Wir setzten uns leise.

Es dauerte keine 10 Minuten mehr, dann schwang eben dieser Schulwart draußen am Gang die Pausenglocke. Fast im selben Moment betrat unser Lehrer bleich und mit wirren Haaren wieder die Klasse. Von meinem Vater war weit und breit nichts mehr zu sehen. Er hatte bekommen, was er forderte. Ich habe das Zeugnis mit der Betragensnote „1“ heute noch in meiner Schreibtischlade liegen.

Vielleicht sollte ich hier kurz erwähnen, dass der Grund meines schulischen "Nachlassens" damals ein 14jähriges Mädchen mit langen rotbraunen Haaren war.

 

 

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Das Klavierspiel

In den Ferien zwischen dritter und vierter Klasse wurde endlich die Glocke des Schulwarts durch eine elektrische Klingelanlage ersetzt. Und diese Schulklingel ertönte knapp vor 13 Uhr an einem Dienstag.

An Dienstagen musste ich besonders schnell den Heimweg antreten, denn an diesem Tag hatte ich stets meinen Klavierunterricht. Vater hatte in den Ferien ein altes Pianino aufgetrieben, in den dritten Stock unseres Wohnhauses gewuchtet, und dort stand es jetzt an der Wand genau unter dem Hochzeitsfoto meiner Eltern. Dieses Bild hatte ein Fotograf aus Mariahilf angefertigt, wie man dem runden Stempelaufdruck in der Ecke entnehmen konnte.

„Der Bub lernt mir jetzt Klavier, und wenn es meinen letzten Schilling kostet“, waren die Anweisungen meines Vaters, und der duldete bekanntlich keine Widerrede.

Seit zwei Jahren hatte ich auch noch einen anderen Nebenjob. Ich durfte mich in der nahen Kirche zum Ministranten ausbilden lassen. Die lateinischen Sätze lernten wir 5 oder 6 Buben nachmittags im Ministrantenkurs, den der alte Pfarrer höchst persönlich leitete. Bald konnten wir bei Abendandachten mal die Feuerprobe am Altar bestehen, durften die Kirchenglocken läuten, die großen und die kleinen und machten uns in der Sakristei oft über die Hostien her, wenn der Pfarrer gegangen war.

Bei den sonntäglichen Gottesdiensten oder feiertäglichen Hochämtern konnten wir dann schon unser volles Programm abspulen, durften den bis zu drei Geistlichen die prächtigen Ornate herrichten, Wein und Wasser während der Zeremonien reichen und Lesungen und Predigten aus kleinen für uns eingerichteten Nischen mitverfolgen. Dabei hatten wir einen prächtigen Ausblick ins Kircheninnere bis nach hinten zur Orgel. Doch für uns Buben waren links die ersten beiden Sitzreihen viel interessanter. Dort saßen die Mädchen aller Altersgruppen in ihren feinen Sonntagskleidern. Jeder von uns Buben hatte seine spezielle Göttin dort sitzen. Kaum eine ahnte von uns Verehrern.

Zu diesem sakralen Job hatte sich nun mein Vater noch das Klavierspielen einfallen lassen. Ich hastete also dienstags flott nach Hause, schlang mein Essen hinunter, wusch mich säuberlich, putzte die Fingernägel, trimmte sie auf die richtige Länge – und da läutete auch schon die Türglocke. Klar, Lehrer Nimmer kam stets mit dem Fahrrad, während ich zu Fuß laufen musste.

Hatte ich mit ihm eben noch Lesen und Rechnen geübt, saß er jetzt schon wieder neben mir und lehrte mich den weichen Anschlag mit halbkreisförmig gekrümmten Hammerfingern.

Erst viel später durchblickte ich die Machenschaften, die mein Vater hier veranstaltet hatte. Zum Ausgleich für die Schmach in der Kanzlei, die er durch das Umschreiben lassen meines Zeugnisses dem Lehrer zugefügt hatte, durfte sich dieser mit seinem Klavierunterricht bei uns ein kleines Taschengeld dazuverdienen.

Ich hatte also bis zum Ende der vierten Klasse meinen Lehrer auch noch im „Freizeitfach“ Klavier.

 

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Osterglocken

Neben dem Haupteingang der Kirche ging es über eine eiserne Wendeltreppe zum Chor und zu den drei aus Löchern baumelnden Stricken, mit denen man die Glocken im Turm zum Erklingen bringen konnte. Und wir Ministranten waren auch zu diesem Dienst turnusmäßig eingeteilt. Das war harte Arbeit, die wir damals natürlich als eine Riesen-Hetz empfanden. Außerdem musste man dafür schon ein bestimmtes Alter (Gewicht) erreicht haben, denn sonst wäre das Festtagsgeläute eher dünn und holprig ausgefallen.

Endlich hatten meine Freunde und ich diese Altersschwelle erreicht. Zu Ostern konnten wir erstmals die Schäfchen der Gemeinde zum feierlichen Hochamt herbeiläuten. Wir drei Buben liefen um die halbe Kirche zum Eingang, huschten durch die kleine Eisentür, stellten uns jeder an eines der drei von der Decke baumelnden Seile und sprangen an diesen hoch. Ein festes Zupacken und die Schwerkraft erledigte den Rest. Im Takt der Glocken bewegten wir uns nun fast schwerelos fünf Minuten lang rauf und runter und kamen dabei ganz schön ins Schwitzen. Und es klang recht himmlisch bis zu uns herunter die eher kleine Läuterstube.

Und schon hasteten wir wieder ans andere Ende der Kirche zur Sakristei hinter dem Hochaltar. Dort wurden dem Pfarrer und seinen beiden Kaplänen gerade die Feiertagsroben umgehängt. Der alte Pfarrer griff sich den kunstvoll verpackten Kelch mit der Patene oben drauf, was immer das Zeichen für uns zum Aufreihen der Größe und der Wichtigkeit nach war. Hinter dem Altar standen die kleinsten Buben, die eigentlich nur Aufputz und sehr aufgeregt waren, danach kamen wir richtigen Ministranten und Oberministranten, dann die beiden Kapläne und zuletzt der Pfarrer mit seiner Gerätschaft. Und schon ging es unter Orgelrauschen raus in den Altarraum, der dem hohen Feiertag entsprechend prunkvoll geschmückt war. An der Seite standen drei schwere Lehnstühle auf verschieden hohen Podesten. In ihnen sollten die geistlichen Herren während Lesung und Predigt ein kleines Nickerchen machen dürfen.

Wir Ministranten verbrachten diese für uns arbeitsfreien Pausen – wie schon erwähnt – damit, dass wir nach „unseren Mädchen“ Ausschau hielten, die sich nicht weit von uns in der für sie eingerichteten Kinder- und Jugendabteilung nahe dem Altarraum befanden. Blicke brannten hin und her, manchmal ein verstohlenes Lächeln, ein aufmunterndes Zwinkern. Von den Predigten bekamen sie und wir absolut nichts mit. Und ich gab „der Meinen“ zu verstehen, dass sie nach dem Hochamt doch noch auf mich warten solle, bis ich die Klamotten im Kleiderschrank der Ministranten verstaut hätte. Ein deutliches Nicken, ich entdeckte sogar ein verstohlenes Lächeln um ihren Mund, versetzte mich in aufgeregte Spannung. Sicher hatte ich einen roten Kopf bekommen. Unter dem Rotwerden litt ich damals wirklich sehr. Der nichtigste Anlass genügte, und ich mutierte von der Brust aufwärts bis in die Haarspitzen zur Tomate. Peinlich, peinlich.

Endlich war das Hochamt vorbei – so schnell war ich noch nie umgezogen, denn noch hatten nicht alle Gläubigen das Kirchenschiff verlassen – da stand ich schon draußen und suchte meine kleine Rendez-vous-Partnerin. Zwei Häuser von der Kirche entfernt entdeckte ich sie in ihrem weißen Spitzenkleid. Sie lehnte lässig an der Hausmauer, blickte mich kurz an, drehte sich um und begann raschen Schritts davonzueilen. Zuerst dachte ich, sie flüchtet vor mir und ich begann ihr nachzulaufen. In der zweiten Quergasse ließ sie sich von mir einholen. Keuchend standen wir einander auf Armeslänge gegenüber. Sie war wunderschön. Ihr schwarzes Haar, das in fließenden Wellen bis weit über die Schultern reichte, der etwas dunkle Teint ihres schmalen Gesichts, dunkelbraune, feurige Augen und geschätzte zwölf Lebensjahre, all das bekam ich zuerst gar nicht mit, das krame ich heute nach knapp 60 Jahren aus meiner Erinnerung. Ich sagte ihr meinen Vornamen, sie hauchte „Milena“, und schon bogen wir in den Park nahe am Margaretengürtel, wo um diese Zeit, es ging auf Mittag zu, kein Mensch zu sehen war.

Beim Schlendern durch den Park berührten sich unsere Handrücken rein zufällig, einmal, dann noch einmal und dann griff ich mir diese Hand mit pochendem Herzen. Sie zog sie nicht zurück. Ich drückte ganz leicht, und sie erwiderte den Druck. Mir wurde schwindlig, jedes Zeitgefühl war mir abhanden gekommen.

Da tönte es schon aus ihrer Richtung: „Du, ich muss nach Hause. Meine Mutter bringt mich um, wenn ich zu spät heimkomme.“ Damit drückte sie mir die Hand und einen Anflug von Kuss auf die Wange und lief zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren.

Und ich hatte praktisch auf alles vergessen: Adresse, Name, Alter, Schule, nächstes Treffen, … Nichts! So konnte ich mich nur darauf verlassen, dass sie weiterhin römisch-katholisch bleiben und nächsten Sonntag wieder zur Messe kommen würde. Nur darum betete ich zu Gott täglich eine Woche lang. Zu einem Gott, an den ich schon damals nicht mehr so recht glaubte.

 

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In der Werkstatt des Vaters

Wenn in dieser Zeit, ich rede von den frühen 50er-Jahren und ich besuchte damals die Volksschule in Wien 5., die Schulglocke endlich das Ende des Unterrichts verkündete, marschierte ich mit meiner viel zu schweren schweinsledernen Schultasche, einem Kriegsrelikt, das mein Vater aus alten Heeresbeständen ins Jetzt herübergerettet hatte, durch den Hundsturmpark Richtung Wienfluss. Mein Erzeuger hatte sich dort um einen Pappenstiel ein kleines, von den Bomben fast unbeschädigtes, Lokal gemietet und betrieb in diesem mit zwei jungen Damen eine Schneiderei für „Feine Herren- & Damenbekleidung“. Die beiden Angestellten kannte er noch aus dem Krieg, bevor er nach Russland an die Front kam. Dort waren sie im HBA (Heeresbekleidungsamt) seine Untergebenen. Jetzt arbeiteten die beiden eben als Näherinnen, und ich sagte „Tante“ zu ihnen.

Durch den Hof betrat ich die schlauchähnliche Werkstatt, an der Tante Paula an der Knopflochmaschine saß und kaum aufblickte, während Tante Helga das schwere Gasbügeleisen fleißig über eine halbfertige Sakkohälfte gleiten ließ. Die beiden waren aus heutiger Sicht jung, für mich waren sie ganz normale Erwachsene. Vater hörte ich nur. Er unterhielt sich im Geschäftslokal, das man vom Schlauch aus über ein paar Stufen erreichen konnte, mit einem Mann. Sie redeten wohl über einen neuen Anzug, eine Änderung und über den Preis. Ich war in solche Sachen nicht eingeweiht – interessierte mich auch gar nicht dafür.

Ich schnappte mir in der Werkstatt einen Hocker, kramte mein Rechenheft aus der Tasche und schrieb die Siebenerreihe aus dem Gedächtnis dort hinein. Bei 8 mal 7 und 9 mal 7 hatte ich ein kleines Problem, bei dem Tante Paula aber bereitwillig aushalf. Danach noch ein kleiner Aufsatz mit dem Thema „Ein Sonntagsspaziergang durch die Stadt“, der mich eine knappe Stunde beschäftigte. Zwischendurch kam mein Vater herein, erkundigte sich nach meinen schulischen Leistungen und Hausübungen und begann an einem weiteren langen Tisch mit dem Schnittzeichnen.

Nach meinen Schreibarbeiten fing ich mit dem Auswendiglernen an. Zuerst kam ein kleines Gedicht dran, danach prüften mich die Tanten das Einmaleins ab. Es wollte nicht so recht klappen, auch war mir das alles schon zu eintönig. Vater war wieder draußen bei einem Kunden, so konnte ich das verwaiste Bügeleisen schnappen und es über die Unterlage gleiten lassen. Doch ich hatte mich verrechnet – nicht nur mit dem Einmaleins. Das schwere Eisen kippte ganz langsam über die Tischkante und stürzte mit der Spitze voran zu Boden – geradewegs auf meine Schuhspitze. ich schrie auf, aber es war zu spät. Tante Paula kam zu mir gesprungen, ich heulte vor Schmerz und Tränen rollten mir über die Wangen.

„Sei leise, Helmut! Papa hat Kunden draußen im Geschäft. Die darfst du doch nicht stören mit deinem Gebrüll!“ Und damit hielt sie mir sogar mit der freien Hand den Mund zu.

„Tante, es tut so weh, bitte lass mich doch weinen!“ war alles, was ich hervorbrachte.

Inzwischen hatten die Tanten meinen Schuh abgezogen, auch den Socken, und man konnte die Bescherung sehen.

„Der Nagel geht dir sicher ab“, meinte Tante Helga fachmännisch. Ich verstand kein Wort, heulte nur nun schon etwas leiser in mich hinein.

Nach wenigen Minuten kam mein Vater in die Werkstatt gestürzt. „Muss der Bengel denn so brüllen? Das ist ja draußen im Geschäft kaum auszuhalten!“

Dann betastete er das noch am Boden liegende Eisen und entdeckte im Linoleum des Fußbodens jenen Abdruck, den das Bügeleisen bei seinem Absturz hinterlassen hatte: eine deutlich sichtbare, dreieckige Vertiefung, etwa 5 mm tief. Es war ein echter Schock für ihn. Meinen Blut unterlaufe-nen Zehennagel sah er nicht einmal. Und schon ging’s los:

„Bist du denn wahnsinnig, Helmut? Weißt du, was mich der Fußboden gekostet hat? Ein Vermögen. Zur Strafe kniest du bis zum Abend in der Ecke – und dass ich ja keinen Mucks mehr von dir höre, sonst setzt’s was.

Das Knien kannte ich schon zur Genüge, das machte mir nicht viel aus. Das „Setzt’s was“ war hingegen eine beinharte Drohung. Diese war meist mit kräftigen Riemenhieben auf mein nacktes Hinterteil verbunden und ging bis zur Bewusstlosigkeit. Also war es besser, ruhig in der Ecke zu knien und ja nicht auf den Fersen abzusitzen. Da gab‘s nämlich Fußtritte ins Kreuz.

Ob ich tags darauf die 7er-Reihe perfekt aufsagen konnte, weiß ich heute nicht mehr, aber der Sonntagsaufsatz wurde in der Klasse laut vorgelesen und vom Lehrer als vorbildhaft hingestellt. Na, wenigstens etwas!

 

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Fortsetzung folgt!

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