| Der Pfeifenraucher des Jahres |
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Thomas
Brunner war in seiner Glanzzeit ein drittklassiger Operettentenor und
Schauspieler gewesen. Er tingelte von einem Provinztheater zum anderen. Längst war es still um ihn geworden. Jetzt war er froh, wenn er von Altersheimen und Seniorenclubs zu einem bunten Abend eingeladen wurde und dort einige Arien und Lieder aus Opern und Operetten schmettern durfte. Auch im Kirchenchor sang er hin und wieder bei besonders festlichen Anlässen Solopartien natürlich. Um so mehr freute es ihn, als er in seinem Landkreis von einer hochkarätigen Jury zum "Pfeifenraucher des Jahres" gewählt wurde. Die Presse besuchte und interviewte ihn und wollte auch einige Fotos von ihm schießen. Der extrem eitle Thomas Brunner winkte aber ab und bot dem Reporter an, ihm einige sehr gelungene Aufnahmen aus längst vergangenen Tagen auszuhändigen. Damals waren seine Haare noch braun gefärbt und nicht schneeweiß wie heute. Auch seine Falten und Tränensäcke waren auf den alten Fotoabzügen entweder weggeschminkt oder noch nicht vorhanden. Dem Berichterstatter war das Angebot recht. Gemeinsam kramten sie in einem Schuhkarton und fanden schließlich ein herrliches Foto im Garten von Thomas Brunner mit der lokalen Prominenz. Der Reporter runzelte seine Stirn und bemerkte: "Herr Brunner, was haben Sie denn auf diesem Foto in der Hand? Ist das nicht eine Zigarette? Als Pfeifenraucher des Jahres rauchen Sie Glimmstengel?" Stotternd und verunsichert antwortete Herr Brunner: "Normalerweise rauche ich keine Zigaretten, das war damals so..." Er machte eine lange Pause. Anscheinend fiel ihm nicht gleich die passende Ausrede ein. Seine Frau Angelika bekam dies mit und erklärte: "Wissen Sie, wir bekommen mehrmals im Jahr Pakete aus China. Gewürze, getrocknete Pilze, Tees und Artikel, die man hier nicht kaufen kann. Damals lagen in einem Paket auch chinesische Zigaretten mit dem merkwürdigen Namen 'Tschang Tso', was soviel wie 'Langes Leben' bedeutet. Wir amüsierten uns über den Namen der Zigaretten, und mein Mann probierte daraufhin eine. Aber nur eine. Wann bekommt man schließlich schon chinesische Zigaretten angeboten?" Das klang recht gut, aber der Reporter glaubte natürlich kein einziges Wort. Herr Brunner bot dem Journalisten weitere Fotos an, die dieser alle interessiert begutachtete, doch keines gefiel ihm besonders. Augenzwinkernd sagte der Reporter im Brustton der Überzeugung: "Das netteste Foto ist das mit der Zigarette!" "Das kommt aber doch wegen der Zigarette nicht in Frage", meinte zaghaft Herr Brunner. "Keine Angst, in unserer Redaktion haben wir einen sehr guten Retuscheur. Es ist für ihn eine Kleinigkeit, die Zigarette verschwinden zu lassen." Knapp zwei Wochen vergingen. Erwartungsvoll schritt Herr Brunner auf dem breiten Kiesweg seines Parks zum Briefkasten und holte sich die Zeitung, in der das Interview mit ihm vorgesehen war. Auf Seite drei stand es eine ganze Seite hatte man ihm gewidmet. Als er das Foto sah, wurde er blass und anschließend wütend. "Dieser Schmierenjournalist hat doch tatsächlich auf dem Foto die Zigarette nicht wegretuschieren lassen", schrie er, dass die Wände wackelten. "Das werden wir gleich haben." Er griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer der Redaktion. Als er mit dem zuständigen Redakteur verbunden war, sagte dieser: "Ich habe Ihren Anruf schon erwartet. Sie rufen sicher wegen des Fotos an. Sie dürfen mir glauben, das Ganze war ein Missverständnis, das ich sehr bedauere. Ich hatte dem Retuscheur gesagt, er solle die Zigarette 'herausarbeiten', im Sinne von 'entfernen'. Der Retuscheur hat aber unter herausarbeiten 'noch mehr betonen' verstanden. Wenn Sie das Foto genau betrachten, werden Sie feststellen, dass er die Zigarette um ungefähr 30 Prozent verlängert hat. Auch den Rauch hat er noch deutlicher dargestellt. Übrigens eine hervorragende künstlerische Arbeit. Sie werden mir recht geben, dass in dieser Sache keinen von uns in der Redaktion eine Schuld trifft. So etwas kann bei Termindruck leicht mal passieren." Herrn Brunner stieg die Zornesröte ins Gesicht, und er schrie in den Telefonhörer: "Das glaubt Ihnen doch kein Mensch! Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich verarschen! Aber Sie werden mich jetzt kennen lernen und noch von mir hören, das verspreche ich Ihnen. So etwas lasse ich mir nicht bieten. Was glauben Sie denn, mit wem Sie es zu tun haben? Ich gehöre zu den wenigen Prominenten in diesem Landkreis. Ich bin nicht irgendeiner vom Typ Lieschen Müller, mit dem Sie so etwas vielleicht machen können. Sie können sicher sein, dass wegen dieser Angelegenheit in der Redaktion einige Köpfe rollen werden, und Sie werden der erste sein, der gefeuert wird." Dann knallte er den Hörer auf die Telefongabel und nahm zwei Beruhigungstabletten. Das traurige Ende vom Lied war: Herrn Brunner wurde der Titel 'Pfeifenraucher des Jahres' aberkannt, denn es sickerte durch, dass er in Wirklichkeit Zigarettenraucher war, der nur gelegentlich zur Pfeife griff. Der clevere Journalist veröffentlichte zur Rechtfertigung am nächsten Tag noch die Retuscheur-Story vom 'Herausarbeiten'. Die Leser waren begeistert. Noch wochenlang diskutierte man im Landkreis, ob es tatsächlich ein Missgeschick der Redaktion gewesen sei oder ob man absichtlich den eingebildeten und überheblichen Herrn Brunner in die Pfanne hauen wollte. |
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