Keinen BH mehr - ein Roadmovie
Ich sitze öfter abends und länger vor dem PC, seit ich  alleine schlafe. Habe mich mit T. über undoing gender unterhalten und sie meinte, sie trüge jetzt keinen BH mehr. Stimmt, denke ich, und: cool, und ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn ich keinen BH trage. Und mir fällt J.s Geschichte wieder ein, wie dieser Typ sie angequatscht hat, nur weil er sich angemacht gefühlt hatte, weil sie keinen BH trug. Ekelhaft. Den Typen mein ich. T. und ich haben herausgefunden, dass undoing gender etwas anderes für sie bedeutet als für mich. Wir haben viel über Klamotten gesprochen – ist da heute noch Revolution in den Hosen? Und wie viel Sprengstoff steckt unter meinem Rock? – eigentlich stehen wir auf ziemlich ähnlichen Fummel. Nur – wir stecken in völlig unterschiedlichen – Phasen. Sie muss damit sagen, dass sie stark ist, oder so, dass sie sich nicht auf die üblichen Spielchen einlässt, sie demonstriert damit ihr Ich-bin-nicht-so-weiblich-wie-ihr-mich-haben-wollt. Ich wünsche mir, während ich das hier aufschreibe, dass es stimmt, ich will nichts, was sie gesagt hat, verdrehn, das ist mir zu wichtig, gerad, weil ich es anders sehe. All hands on the bad one. Wenn ich einen Rock anziehe, dann hat es für mich eigentlich dieselbe Bedeutung. Nur anders verpackt: die Frau, die aus mir wurde, kann ich sein, aber ich kann auch mit Absätzen Tische tragen. Aber ich hab keinen Bock drauf, ohne BH herumzulaufen. Und das ist echt ok. Beides, mein ich, und am okaysten ist, dass wir beide das ok finden. Wir ergänzen uns ganz gut an diesem Abend. Und die ganze Zeit hab ich gedacht, es ist wie immer, ich trag ein Etikett mit mir herum, das ist unerhört, wirklich. Bin ich ich, wenn ich mich spiele. Nur mit Make-up bin ich echt. The magics in the make up. Manchmal trau ich mir ungeschminkt nicht über den Weg. Echt. Dass mich jemand ansieht, macht mich echt fertig. Scheiß-BH hin oder her. Keinen BH zu tragen ist antipatriarchal. Frau zu sein auch.
B. kommt an unsern Tisch – fünf Jahre nicht gesehen, ganz schön heftig, wenn sich jemand in so langer Zeit nicht ein winziges bisschen in der Lage ist zu verändern – linst auf die Blättchen, die T. faltet und fragt, ob wir ein Bier wollen. Klar. Aber den Sticky rauchen wir alleine. Emanzipiert zu sein, kann echt effizient sein.

Kontakt zur Autorin: Britta Hoffarth - britta@riot-grrl.de 

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