| Die Glasfenstertüre |
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Zwischendurch streckt der interne Postbote seinen hageren Kopf zur Türe herein. Anscheinend ist er bereits über meine Versetzung informiert. Ich mag nicht mit ihm diskutieren, rechne gerade wiederholt die unendlichen Zahlenkombinationen durch. Mit einem unverständlichen Murren verabschiedet er sich wieder. Ohne den Blick von den Zahlen abzuwenden, taste ich nach der Wasserflasche auf dem Schreibtisch. Verstärkte Außengeräusche dringen in meine Ohren, ein leichter Luftzug streift meinen Handrücken lässt mich hochfahren. Die Glasfenstertüre hat sich geöffnet. War wohl nicht richtig zugeschlossen. Irritiert unterbreche ich meine Arbeit. Seltsam, beim schließen der Türe fühlt sich der Metallgriff auffallend warm an, wie wenn ihn jemand bereits längere Zeit festgehalten hätte. Der Morgen zieht dahin. Bereits kurz vor zehn. Der Regen lässt langsam nach, vereinzelt klopfen ein paar Tropfen gegen die Fenster. Den Kopf auf die Arme aufgestützt, massiere ich mit den Mittelfingern meine Schläfen. Versuche bewusst zu atmen. Presse die Augen zusammen und höre auf das leise Ticken der orangefarbenen Schreibtischuhr. Schreckdurchzuckt fahre ich zusammen, als scheppernd und klirrend die Bürotüre aufgestossen wird. Mit zwei Pappbechern Kaffee jonglierend, stürzt Helen mit einem hellen Lachen in den Raum. "Hallo grosser Häuptling! Hat man dich zu den Sklaven geschickt!" Ich mag Helen. Ihre natürliche Offenheit. Galant stellt sie den Kaffeebecher vor mich hin. "Leider kein Porzellan mehr, wie in der 88.Etage!" Etwas erleichtert lehne ich zurück. "Schon gut. Danke!" Die Arme in die Hüften gestemmt steht sie vor mir. Blickt besorgt auf mich hinunter. "Leider bleibt diese Dienstleistung eine Ausnahme. Du wirst in Zukunft auf mich verzichten müssen. Unterhalb der 70. Etage gibt es keine persönlichen Sekretärinnen mehr." Mit einem wehmütigen Nicken blicke ich in ihre graublauen Augen. "Vielleicht können wir uns auf eine wöchentliche Pappbecherversammlung einigen?", versuche ich zu scherzen. Es misslingt. Sie geht zum Fenster und blickt hinaus. "Mal ehrlich, wer hat dich in diesen Schlamassel geritten?" Scharf wendet sie den Kopf und fixiert mich mit ihrem Blick. "Es ist doch unmöglich, dass dir mit deiner Erfahrung solche Fehler unterlaufen!" Ihr zierliches Gesicht rötet sich vor Erregung. "Ich bin am recherchieren", wende ich müde ein. Ihren mit lachsrotem Lippenstift geschminkten Mund fest zusammengepresst, schaut sie mich einen Moment wortlos an, bevor sie sich abwendet und mir beim Hinausgehen ein "Ich komme später noch einmal vorbei!" über die Schulter zuruft. Ich drehe mich mit meinem Sessel ein paar mal gemächlich um die eigene Achse. Aus dem Blickwinkel von meinem Pult aus betrachtet, verzerrt sich die äussere Umgebung eigenartig, wenn man durch die Glasfenstertüre schaut. Die vereinzelten Sonnenstrahlen, welche durch die vorbeifliegenden Wolken dringen, hinterlassen ein skurilles Farbenspiel auf dem grauen Teppich unterhalb der Türe. Ich stehe auf und gehe zur Türe. Führe meine Schuhspitzen sachte in das bunte Panorama. Verwundert fühle ich ein leichtes Kitzeln in meinen Zehen. Nachdenklich gehe ich zum Pult zurück, setzte mich und betrachte sinnierend die Türe. Schrill beginnt das Telefon zu klingeln. Nicht das vertraute Summen meiner vorherigen Gesprächsarmatur. Ich lasse es einen Moment klingeln. Plötzlich knackt es und der Anrufbeantworter schaltet sich ein. Es muss sich wohl um die Aufsage meines Vorgängers handeln. Seine Stimme scheint gehetzt, beinahe hysterisch. Ein kurzes "Bitte sprechen sie auf die Sprachbox" ist zu vernehmen. Fertig. Ich warte ab. Es meldet sich niemand. Ich höre, wie auf der anderen Seite auflegt wird. Stille. Kopfschüttelnd wende ich mich wieder meinen Berechnungen zu. Kurz vor Mittag erledige ich noch ein paar Telefonate, verabrede mich mit einem früheren Arbeitskollegen zum Mittagessen und informiere den Hausdienst, damit sie mein Telefon einrichten. Ich blicke nach draussen. Die Sonne steht jetzt voll im Zenith. Der Regen ist längst vorüber und die letzten Wolkenresten haben sich verzogen. Meilenweit scheint der nassgraue Morgen entfernt. Bevor ich das Büro verlasse, öffne ich die Glasfenstertüre um den duftenden Frühlingslüften Einlass zu gewähren. Entspannt betrete ich zwei Stunden später wieder mein Büro und wundere mich, dass die Glasfenstertüre geschlossen ist. Vermutlich war Helen noch einmal hier, oder der Hausdienst, um das Telefon einzurichten. Ich drücke die Aufsagetaste. Immer noch dieselbe stereotype Aufsage. Der Telefondienst war also nicht hier. Ich rufe Helen an. Sie verneint meine Frage, ob sie mich in meinem Büro gesucht hat. Neugierig und erstaunt gehe ich zur Glasfenstertür und bleibe mit verschränkten Armen vor ihr stehen. Eine geraume Zeit fixiere ich ohne Augenzwinkern die Türe. Leises Ticken der orangefarbenen Schreibtischuhr. Nichts. In dem Moment, als ich mich abwenden will, vernehme ich ein kurzes, leises Klirren. Gebannt sehe ich auf die Türe. Schauer kribbelt über meinen Nacken den Rücken hinunter wie tausend kleine, vielgliederige schwarze Spinnen mit gelben Hinterkörpern und seltsamen Zeichen darauf. Fernes Hupen. Anschwellende Polizeisirenen. Ansonsten nichts. Nur dieses kurze, kaum wahrnehmbare, helle Klirren. Wahrscheinlich hat meine Frau recht. Offensichtlich bin ich überarbeitet. Die ganze Affäre mit den statischen Fehlberechnungen hat mich anscheinend doch stärker belastet als angenommen. Ich werde dieses Wochenende einmal richtig ausspannen. Nur für mich. Vielleicht ganz alleine wieder einmal eine ausgedehnte Gebirgstour unternehmen. Nein, noch besser, heute Abend mit meiner Frau ausgehen. Abendessen und ein Besuch im Bowling Center. Langsam spüre ich wieder Normalität. Absurd, diese geistigen Kapriolen. Mit einem beschwingten Summen mache ich mich wieder an die Arbeit. Die werden noch erleben, wer falsch gerechnet hat. Trotz kommt in mir hoch. Unerbittlich tickt die orangenfarbene Schreibtischuhr die Zeit vorbei. Der Verzweiflung nahe überfliege ich zum x-ten Mal die statischen Berechnungen. Es ist kein Fehler ersichtlich. Erschöpft recke ich meine Arme gegen die Decke. Unzählige Glaskonstruktionen habe ich seit meinem Universitätsabschluss projektiert und gebaut. Und jetzt diese Unglücksserie. Zuerst der eingestürzte Wintergarten. Danach die gläserne Deckenkonstruktion in der Empfangshalle des Einkaufszentrums. Zwei Schwerverletzte. Und letzte Woche der Einsturz der Glasfassade, welche mir letztendlich den Job gekostet hat. Aber die Berechnungen stimmen. Je länger ich darüber nachdenke, je mehr gleiten meine Gedanken in die Unwahrscheinlichkeiten. Hat sich das Glas verändert? Meine erste Publikation kommt mir in den Sinn <Die Seele des Glases> Hat Glas eine Seele? Ich starre durch die Glasfenstertüre in die Sonne. Ein leicht vibrierendes Verzerren des Horizontes wahrnehmend. Presse meine Augen zusammen. Verwirrt blicke ich zur Tür. Für einen Moment glaubte ich das lachende Gesicht auf dem dunstbeschlagenen Glas zu erkennen. Halluzinationen? Konsterniert versuche ich mich erneut auf die Berechnungen zu konzentrieren. Später Nachmittag. Unmöglich das die statischen Berechnungen falsch sind. Abwesend streift mein Blick nach draußen, einen kurzen Moment auf dem abgebrochenen Ast der mächtigen Eiche verharrend, bevor ich mich wieder den Kalkulationen zuwende. Angstvoll gebannt starre ich auf die Zahlenkolonnen. Das Papier vor mir scheint zu verschwimmen. Kalte Angst erfasst meine Magengrube. Glaube die Erstarrung meines Blutes zu fühlen. Wildes Herzrasen. Entnervt beobachte ich das schlagende Stakkato des Pulses an den Adern meiner Handgelenke. Wage nicht aufzusehen. Der abgebrochene Ast an der mächtigen Eiche vor der Glasfenstertüre. Es gibt keine Eiche mit einem abgebrochenen Ast vor der Glasfenstertüre des 69. Stockwerks. Ich schliesse meine Augen. Hebe ganz langsam den Kopf. Meine Finger umklammern die ledernen Armlehnen meines überdimensionierten Bürosessels. Mühsam versuche ich meinen Atem unter Kontrolle zu bringen, bevor ich ihn anhalte und die Augen öffne. Nichts. Kein Eichenbaum. Kein abgebrochener Ast. In der blaugrauen Glasfassade des gegenüberliegenden Bürohochhauses spiegelt sich nur unser Firmengebäude. Der kleine Balkon meines neuen Büros. Die Glasfenstertüre. Reglos verharre ich. Gebannt die Glasfenstertüre beobachtend. Apathisch erhebe ich mich und gehe zu der Tür, strecke meine Hände aus und fahre sachte mit meinen Fingerkuppen über das blassblaue Glas. Spüre wie es kühlend in meine Glieder fährt. Ein leichtes Versteifen der Finger macht sich bemerkbar. Zwanghaft greife ich zum Türgriff. Fühlt er sich noch so warm an wie heute Morgen? Ja! Instinktiv öffne ich die Türe. Zwänge mich auf den kleinen Balkon, will einmal von aussen nach innen sehen. Leichter Wind kommt auf. Das Telefon klingelt. Ich warte. Wieder das Knacken, als sich der Anrufbeantworter einschaltet, mit der hysterisch klingenden Stimme "Bitte sprechen sie auf die Sprachbox". Ich erschrecke aufs heftigste. Aus dem Lautsprecher des Telefons beginnt ein leises, helles Klirren. Der Wind auf dem kleinen Balkon weht spürbar stärker. Die Glasfenstertür beginnt leise quietschend in ihren Angeln zu schwingen. Schaudern erfasst mich. Das Klirren aus dem Telefon schwillt an. Orkanartig. Tausend brechende Gläser. Angst. Panik. Wie von Sinnen versuche ich meine Augen weiter zu öffnen, muss doch aus diesem Traum erwachen. Schlage mit den Fäusten an meinen Kopf. In diesem Moment prallt mir die Glasfenstertüre entgegen. Deutlich sind die skurrilen Farben und das lachende Dunstgesicht in ihr zu erkennen. Auch der eingestürzte Wintergarten. Die gläserne Deckenkonstruktion mit den Schwerverletzten und die Trümmer der Glasfassade. Entsetzt versuche ich der Türe auszuweichen, stolpere gegen die tiefliegende Balkonbrüstung. Rudere reflexartig wild mit den Armen, um mein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Zu spät. Als Helen das Büro betritt, sieht sie nur noch schemenhaft einen Schatten über die Balkonbrüstung verschwinden. Gellend verhallendes Schreien. Unbewusst nimmt sie die sanft zurückschwingende Glasfenstertüre wahr. Schreckgelähmt, zitternd, bleich und schockiert bleibt sie wie angewurzelt stehen. Fremdgeräuschen gleich, hört sie ihr eigenes, panisches Kreischen. In tranceartigem Zustand, mit tastenden Schritten, tapst sie zum Balkon. Bleibt einen Moment im offenen Türrahmen stehen. Graut sich vor dem Anblick, der sie in der Tiefe erwartet. Sie nimmt allen Mut zusammen und wagt den entscheidenden Schritt. Hinter ihr beginnt die Glasfenstertüre leicht im lauen Abendwind zu wippen. Helen steht hilflos draußen, auf der knapp ihren Fuß fassenden Balkonattrappe mit der fehlkonstruierten Brüstung. Tränen rollen über ihr Gesicht, tropfen warm auf die vor ihrer Brust verkrampften Hände. Sie hört nicht das zunehmend heftigere, beinahe stöhnende Quietschen hinter sich. Entsetzen zeichnet sich in ihr Gesicht als Sie vorsichtig über die Brüstung lehnt. Die Glasfenstertüre beginnt stärker zu wippen, bevor sie mit einem kräftigen Stoss auf Helens wohlgeformten Hintern zuschlägt. Spät abends in der 99. Etage. Schwer atmend sitzt der Direktor der Glasbaufirma in seinem Sessel im gedämpft beleuchteten Konferenzraum. "Wer konnte ahnen, dass er sich so verhalten würde! Vermutlich hatte er Angst vor den bevorstehenden Klagen!" Die ihm gegenübersitzende Frau antwortet nicht. Verächtlich betrachtet sie den Mann. Den sich langsam bildenden Schweissfilm auf dessen Stirn. In selbstmitleidigem Ton fährt der Direktor fort. "Aber das ihm seine ehemalige Sekretärin auch gleich hinterher springt!" Hilflos zuckt der Direktor mit den Schultern. Die Frau räuspert sich. "Wir werden eine Untersuchung einleiten" erwidert sie lakonisch, steht abrupt auf und wendet sich zum Gehen. "Ja bitte, untersuchen Sie ruhig!", hört sie den Direktor aufgebracht hinterher rufen. Dieser lauscht verärgert den verebbenden, durch die satten Teppiche gedämpften Schritte der Kommissarin nach. Wütend knotet er sich seine Krawatte auf. Zuerst die ganzen baulichen Probleme und jetzt noch zwei tote Mitarbeiter und eine polizeiliche Untersuchung. Missgestimmt starrt er in das vor ihm stehende Wasserglas. Es ist ruhig in der 99. Etage, als die Kommissarin den Aufzug drückt. Ein kurzer, diskreter Summton als er ankommt und lautlos seine Schiebetüren aufgleiten. Es befindet sich niemand im imposanten gläsernen Außenlift der Glasbaufirma. Die Kommissarin tritt ein und drückt den Sensor zum Erdgeschoss. Der gläserne Fahrraum eröffnet einen faszinierenden Ausblick über die langsam in die Nacht eintauchende Grossstadt. Mit einem seltsam leisen Klirren setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung. |
| Kontakt zum Autor: Louis Kaelin - louis.k@bluewin.ch |
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