Farbende

 

Nervös dreht der Lastwagenchauffeur an den abgegriffenen, schwarzen Drehknöpfen seines Autoradios. Bereits seit Stunden fährt er über Nebenstrassen. Die freundlich-lässige Stimme der Radiosprecherin verkündet laufend, in scherbelnder Tonlage, die neusten Staumeldungen über die eingebauten Radiolautsprecher im schäbig wirkenden Fahrraum des in die Jahre gekommenen Trucks.

Ein Stück weiter ziehen flimmernde Lichtspiele über den heissen Asphalt der Überlandstrasse neben dem jungen Erlenbaum. Zeitweise vom Windrauschen verdecktes, kaum wahrnehmbares Dröhnen ferner Motorengeräusche. Wiegende Wiesenblumen. Verspieltes Grün und anderes Grün.

In der kleinen Siedlung, eine Unzahl Orte entfernt, blickt die Frau gereizt auf die tickende, in blauer Chinalackimitation eingefasste Wanduhr. Ungeduldig in der kleinen Küche mit den hellblauen Kästchen hin und her gehend, fixiert sie die eingetrockneten Milchringe auf dem fleckigen Kirschenholzesstisch. Wartend, auf das längst überfällige Klingeln des hellblauen Telefons auf der staubbedeckten Glasablage, draussen im kleinen Korridor ihrer Dreizimmerwohnung.

Im an- und abschwellenden Rhythmus von schaltendem Getriebe beginnt das Hitzeflimmern in der Nähe des jungen Erlenbaumes stärker zu vibrieren. Zitternde Wurzeln, als der 20-Tönner in seiner Nähe erscheint und auf ihn zudonnert, beim passieren mit einem unmerklichen Schlag der reklamebeschrifteten Planen die Äste streift. Sattes, spürbar hektisch anschwellendes Rauschen, als der Sog des Fahrtwindes die Baumkrone aufwirbelt. Heftig nickende Blumenköpfe. Staubwirbeln. Rasch abebbendes Motorengetöse.

Im türkisfarbenen Zweiteiler gekleidet, steht die Frau verspannt wartend vor dem Telefon, die Arme vor der Brust verschränkt. Warum ruft er nicht an? Kalt dringt Angst in ihr hoch. Sie fröstelt, spürt ihr Herz im Takt der Wanduhr pochen. Betrachtet sich nachdenklich im Spiegel der Wandgarderobe neben der mit einer wuchtigen Sicherheitskette versehenen Eingangstüre der Wohnung.

Grün empfindet seine angeborene Ohnmacht unerträglich. Fühlt die stockende Flüssigkeit im leise vor ihm im Wind wehenden geknickten Ast der jungen Erle. Das andere Grün wird stetig leiser, farbloser, übergehend in schlaffes, welkes Flattern. Vor kurzem haben sie noch zusammen in den Erlenblättern im Wind gesurft. Ihr junges Grün strotzend im hellen Sonnenlicht zur Schau getragen. Der Schall scheint noch in der Luft zu liegen, das platte Klatschen der Lastwagenplane, welche mit dem jungen Erlenast kollidierte. Das keuchende Röhren des gehetzten Fahrzeugaggregats. Hilflos rinnt der Baumsaft aus der geknickten Stelle, unfähig das dorrende andere Grün mit Lebenssaft zu versorgen. Hilflos muss Grün mit ansehen, wie das andere Grün zuerst aus den zarten Blattspitzen und nach und nach aus den Rispen des Erlenblattes entweicht. Zurück bleibt trocken knisterndes Rascheln.

Der Lastwagenchauffeur wirft einen flüchtigen Blick zum Mobiltelefon auf der rutschfesten Unterlage oberhalb des Armaturenbretts. Stöhnt auf. Jetzt ist auch noch der Akku leer! Wieso habe ich ihn nicht trotzdem noch aufgeladen? Gestern Abend, nach dem langen zermürbenden Telefongespräch! Er drückt stärker auf das Gaspedal.

Die Frau blickt durch die vom Wind aufgeblähten Vorhänge des Küchenfensters über die Strasse zum gegenüberliegenden Schulhaus. Schrilles Glockenringen verkündet das Ende der Schulstunde. Farbflecken gleich erscheinen die ersten Kinder am wuchtigen, hölzernen Ausgangsportal mit den messingglänzenden Türgriffen. Traurigkeit spiegelt sich in den dunklen Augen der Frau. Tastender Blick, zu dem mit einem Magnetknopf befestigten Foto an der Kühlschranktüre. Das kindlich lachende Gesicht des Jungen mit Wuschelkopf und Zahnlücken.

In unsäglicher Art tropft das Grün aus dem Erlenblatt. Andere Grün folgen, ebenso die Farben der Äste und des Stammes, bis der junge Erlenbaum farblos und transparent neben der Überlandstrasse steht. Nur der geknickte Ast, mit dem verdorrten anderen Grün, hängt weit sichtbar im Wind. Pflanzenkommunikativ solidarisieren sich die Blumen um den Erlenbaum mit dem Grün und den übrigen Baumfarben. Übergeben ihre bunten Farben den vorbeiziehenden Mücken, Bienen und Schmetterlingen, welche sich wirr flatternd mit den neuen Farben überziehen. Das Wiesengrün mag nicht hinter der Entwicklung zurück stehen und versickert im Erdreich. Farblos stehen die Naturtransparente neben der Überlandstrasse.

Ruckend und quietschend kommt der Camion am Rand der Überlandstrasse zum stehen. Die Fahrertüre klappt auf und mit einem eleganten Sprung landet der Chauffeur auf dem kiesbedeckten Rastplatz. Reckt und streckt sich gähnend, schaut sich um. Drückende Nachmittagshitze in  menschenleerer Einöde. Mit hohlem Rücken, weit nach hinten gestrecktem Kopf und geschlossenen Augen knöpft er seine Hose auf und uriniert, erleichtert durchatmend. Hört dem plätschernden Geräusch zu ohne die Farblosigkeit zu bemerken, die aus ihm herausquillt. Wo Nässe entstehen müsste, verliert das Erdreich die Konturen. Ohne das entstandene Nichts zu beachten, knöpft er sich die Hose zu und besteigt vergnügt pfeifend seinen Laster. Es kann nicht mehr lange dauern. Eine unsichtbare Dieselwolke entweicht dem Auspuff, als er den Motor startet.

In den Spitzen des Bussardgefieders eingebettet, spürt Grün die hackenden Schnäbel der angreifenden Raben. Irre Pirouetten drehend, versucht der Bussard zu entkommen. Kurz zuvor selber noch Jäger, als er völlig unerwartet die andersfarbenen Mücken, Bienen und Schmetterlinge attackierte, sich ihre Farben einverleibte mit denen sich Grün nach dem Erlebnis beim jungen Erlenbaum verbündet hatte, wird er jetzt seinerseits von zwei permanent schwarz verlierenden Raben bedrängt. Im vollen Flug schleudert der Bussard seine Farben aus dem Gefieder, verliert den Bezug zur Erdanziehungskraft und wird ins All gesogen. Für einen kurzen Moment findet Grün Zuflucht in einem Regenbogen. Die Raben drehen ab. Farbauflösend verschwinden sie am Horizont.

Bedächtig blättert die Frau im schweren, braunen Fotoalbum, welches auf ihren Oberschenkeln ruht. Ein Glas Weisswein steht auf dem ovalen, gläsernen Salontischchen. Sie hält inne. Das Bild zeigt einen kleinen Jungen mit Wuschelkopf, sie steht daneben, den Arm um ihn gelegt. Deutlich ist ihre Hand auf seiner Schulter zu erkennen. Gepflegte, langgliederige, ringbeschmückte Finger. Sorgfältig manikürt. Gedankenversunken legt sie ihre Hand auf das Foto. Ringlos. Rosabraune Altersflecken schimmern ihr entgegen. Hastig greift sie nach dem Weinglas, trinkt es in einem Zug leer. Normalerweise trinkt sie tagsüber keinen Alkohol. Jedes Mal schimpft er mit ihr. Findet, dass zu viele leere Flaschen im Haus rumstehen. Sie biegt die Hand mit dem Glas nach oben, betrachtet die sich bildenden Falten am Handgelenk. Noch immer keinen Anruf.

Der Chauffeur kratzt sich an der schweissverklebten, nackten Schulter. Einem Lächeln ähnliches Zucken um sein markantes, unrasiertes Kinn. Amüsiert lauscht er dem Geschichtenerzähler zu, stellt das Autoradio etwas lauter. Die Stimme erzählt vom Meer, dessen Blau sich in die Tiefen der Ozeane zurückzieht. Die Farben der bunten Fische mit sich reisst. Von Schiffen die an unsichtbaren Riffen zerschellen und erstaunten Fischern, die prallvolle Netze mit spürbarem Nichts aus dem Wasser ziehen. Die Geschichte ist gut moderiert, findet der Chauffeur, wie Nachrichten. Er glaubt sogar eine Spur von Entsetzen in der Stimme des Geschichtenerzählers zu erkennen. Am Ende ertönt die nächste Staumeldung. Wiederholt schaut er zum Mobiltelefon auf der rutschfesten Unterlage oberhalb des Armaturenbretts. Erstaunlicherweise zeigt die Anzeige einen vollen Akku an. 

Zwischenzeitlich ist Grün am Ende des Regenbogens angelangt und lässt sich in ein golden schimmerndes Kornfeld fallen. Wird Zeuge, wie aggressive Mohnrot, welche bereits ihre Blumen verlassen haben, kollektiven Selbstmord begehend in den Sonnenstrahlen verdampfen. Erschreckt weichen die Sonnenstrahlen zurück. Schlagartig verliert das Kornfeld an Farben und gleichzeitig schwindet auch das Rauschen aus dem Feld. Durch farblos stilles Nichts, weht Grün gegen den nahen Fluss der sich lautlos und unsehbar durch die farb- und geräuschlose werdende Landschaft windet. Schwebt vor der sichtlosen Umgebung zu der nahen Siedlung, jenseits des Flusses, zum schaukelnden Jungen mit dem Wuschelkopf, wiegt sich mit ihm im Takt der Schaukel. Verwirrt blickt der Junge zu dem Grün.

Mit fahrigen Bewegungen fährt die Frau durch ihr am Hinterkopf geknotetes Haar. Erhebt sich schwerfällig aus dem Sessel und geht leicht wankend zum Wohnzimmerfenster. Zieht den vergilbten Vorhang mit den eingenähten Blumenmustern ein wenig zur Seite. Spielende Kinder im gegenüberliegenden Schulhof. Ein kleiner Junge mit Wuschelkopf versucht unter den anfeuernden Rufen seiner Kameraden immer höher mit der Schaukel gegen den Himmel zu wippen. Das rhythmische Gieren der Schaukel dringt bis zum Fenster hoch. Die Frau hebt den Kopf, sieht gegen die Wolken, kneift die Augen zusammen, sie glaubt ein wenig Allschwarz durch das blasse Himmelblau zu erkennen. Seufzend schüttelt sie den Kopf. Es muss wohl am Wein liegen! Sie wendet sich vom Fenster ab. Wann ruft er endlich an? Gellendes Schreien lässt sie erschreckt umdrehen. Heftiger Schmerz sticht durch ihre Hüfte. Der kleine Junge mit dem Wuschelkopf liegt regungslos vor der auspendelnden Schaukel, umringt von seinen unbeholfenen Kameraden.

Die Rot in den Dachziegeln sehen als erste die Farblosigkeit auf die Siedlung zuströmen. Stumm beginnen sie von den Dächern zu fliessen, vermischen sich mit dem tropfenden Grün, Blau und Grau der Fensterläden. Im Innern des Gebäudes gegenüber der Schule, beginnt unmerklich das Himmelblau der Küchenkästchen entlang der Telefonleitung zu verblassen.

Schreiend rennen die im Kreis um den ab Boden liegenden Jungen mit dem Wuschelkopf stehenden Kinder auseinander. Verständnislos schüttelt die Frau den Kopf. Was ist nur in die Kinder gefahren? Sind doch auch sonst nicht so schreckhaft! Besorgt kniet die Frau neben dem Jungen nieder, beugt sich über ihn und dreht ihn behutsam um. Aus der kleinen Wunde an der Schläfe rinnt Blut über eine sich blau verfärbende, schnell grösser werdende Schwellung. Vorsichtig versucht sie seinen Kopf zu heben und auf ihren Schenkel zu legen. Dabei bemerkt sie, wie die Haut ihrer Hände nicht mehr so faltig erscheint, die Altersflecken verblassen.

Die ersten Häuser der kleinen Siedlung sind erkennbar. Etwas scheint fremd an ihnen. Der Chauffeur dreht sein Fenster hoch, lauscht angestrengt mit zusammengekniffen Augewinkeln auf das unregelmässige Röhren des Motors, glaubt Aussetzer wahrzunehmen, obwohl der Lastwagen gleichmässig über die Überlandstrasse der Siedlung zurollt. Irgendwie ertönt alles ruhiger als üblich. Er blickt in den Rückspiegel. Wie rotes Glas erstarrt sein Blut in den Adern. Nur die Hälfte des Gefährts ist im Rückspiegel erkennbar. Der hintere Teil des Camions scheint inexistent. Die reklamebeschriftete Plane verkleinert sich rasant. Entsetzt kurbelt der Chauffeur das Fenster herunter. Den Kopf aus dem Fenster reckend schaut er panikgeschüttelt nach hinten. Gähnende Leere am Horizont, dessen spärliches Blau scheint ins All zu entweichen mitsamt den Wolken. Sterneglitzern am hellen Nachmittag. Schreiend reisst er den Kopf herum, starrt nach vorne, sieht die Frau mit einem Kind auf den Armen die Strasse betreten. Wild hupend leitet er eine Vollbremsung ein. Der Lastwagen gerät ins Schleudern.

Die Frau hebt den kleinen Jungen mit dem Wuschelkopf hoch, hat das Gefühl kein Alter mehr zu empfinden. Federleicht liegt er in ihren Armen, während sie zur Strasse geht um den Jungen in Ihre Wohnung zu tragen. Ohne etwas zu hören oder zu sehen, spürt sie den kurzen grauenvollen Schlag gegen ihre Seite. Nimmt im  Bruchteil von Sekunden wahr, wie ihr der kleine Junge mit dem Wuschelkopf aus den Armen geschleudert wird und mit puppenhaften Bewegungen über die Strasse katapultiert, bevor alles um sie erlischt.

Der Chauffeur hört noch ein knallendes Splittern, als sein Wuschelkopf an der Frontscheibe des Camions aufprallt, bevor er sterbend durch die Scheibe in Richtung seiner weggeschleuderten Mutter rast. 
 

Kontakt zum Autor: Louis Kaelin - louis.k@bluewin.ch
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