Pädophilenbeichte


Sinnierend betrachte ich durch die halbblinden Scheiben der Bar das in der Morgensonne gelbrot wirkende Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Dazwischen Kaugummifleckenübersäter Asphalt mit rostroten Schachtdeckeln. Der Bitterduft des vor mir stehenden Kaffees dringt in meine Nase. Abschweifende Gedanken. Bruchstückhafte Jugenderinnerungen. Zunehmende Unsicherheit über deren effektiven Wahrheitsgehalt. Vertraute, in ihrer Jugendstarre verharrende Gesichter schweben in meinem Geiste vorüber, weitgehend ahnungslos, welche Bilder die Veränderung in sie gezeichnet hat. Umgebungen tauchen aus dem Unterbewusstsein. Die Farbe der Bettdecke, unter der ich meine erste, bewusste Krankheit auskurierte. Pechschwarze Lehrerhaare beim Diktat in der Schule. Das Sommerferiensegelschiff meines Onkels. 

Hölzernes Klacken der um mich stehenden Stühle, zerreissen  den Vorhang meiner Erinnerungen. Mit einem schwarzgrauen Mopp versucht die Kellnerin dem gleichfarbenen Boden die Farbe zu verändern. Abweisend, schwarz verspiegelte Scheiben am gegenüberliegenden Backsteinhaus. Da soll ich nun hin? Groll und Selbstzweifel steigen in mir hoch. Ist es meine Schuld?

Wie jeden Abend werde ich vor meiner Frau Zuhause sein und das Essen zubereiten. Freue mich auf das gemeinsame Nachtessen mit ihr und den Kindern. Ja, Kinder werden grösser, älter und selber fühlt man sich auch ewig jung. Irgendwie verbunden. Übelriechendes Nass steigt vom Boden hoch. Angewidert betrachte ich die ungepflegt wirkende Kellnerin. Die Laufmaschen ihrer grauen Strümpfe, den fleckig speckigen Rock. Wie sie wohl als Kind ausgesehen hat? An der Hand ihrer Eltern? Eventuell mit Zahnspange und einem hellblauen, kurzen Rock. Mein Blick fällt wieder auf das Gebäude gegenüber. Eine junge Mutter mit Kinderwagen, eines der modernen Modelle mit drei wuchtigen Rädern, geht am Fenster der Bar vorbei. Ein Lächeln huscht über mein stoppelbärtiges Gesicht. Wer mag ihr Mann sein? Wann hatte sie ihre erste Beziehung? In welchem Alter und mit wem? Wieder falle ich in meine Jugendzeit zurück. Wie entstehen Beziehungen, erste Lieben? Wann ändern sich diese Gefühle? 

Die Kellnerin fragt mich mit müder Stimme nach einem weiteren Kaffee. Höflich verneine ich, dem alternden, rauchigen Klang ihrer Stimme lauschend. Ich schätze sie auf etwa fünfundfünfzig. Ob sie verheiratet ist? Vielleicht hat sie Kinder. Zwillinge. Zwei hübsche kleine Mädchen mit Zahnspangen und kurzen, hellblauen Röcken. Wie würde sich Oralverkehr mit Zahnspangen anfühlen? Unverzüglich steigt Übelkeit in mir hoch. Mein Atem geht schwerer. Verzweifelt versuche ich die imaginären Bilder wegzudenken.

Ab und zu öffnen sich die schwarz verspiegelten Türen des Backsteinhauses, darin reflektierende Sonnenstrahlen stechen in meine blassgrünen Augen. Oberhalb der Türe prangen gleichmässige, streng im Lot geordnete, klar lesbare Neonlettern. Einzelmenschen und Gruppenmenschen werden von den schwarzen Türen verschluckt und wieder ausgespuckt.

Auf der Uhr, oberhalb der plakatverklebten Wand neben der Theke, tickt der silberne Uhrzeiger zähflüssig über das kitschig rote Reklamenzifferblatt. Mittagszeit  ist vorüber. Trotz surrenden Klimageräten herrscht zunehmende Stickigkeit. Müdigkeit mischt sich mit den Vibrationen meines inneren Kampfes. 

Im Spiegel hinter der Theke kann ich die Eingangstüre der Bar erkennen. Scheppernd öffnet sich die Türe. Lauthals plappernd gestikulierend, schwärmen ein paar Jugendliche ins Lokal und belagern die in der Türnische stehende Kühltruhe mit dem Speiseeis. Ein Mädchen in knappem, hellblauen, figurbetonendem Shirt und gepiercter, bauchfreier Zone, erregt meine Aufmerksamkeit. Mit stoischer Gelassenheit bedient die Kellnerin die kreischende, kichernde Schar. Die rehbraunen Augen des bauchfreien Mädchens treffen mich im Spiegel. Ruckartig wende ich den Blick ab. Verärgert. Bin ich nicht fähig, dem Blick eines rund vierzig Jahre jüngeren Mädchens standzuhalten? In ihrer unbeschwerten Art verlassen die Jugendlichen die Bar, um sich den Nachmittag in der zwei Strassen weiter gelegenen Schule zu langweilen. Hat sich die Schule verändert? Sind die Mädchen nicht mehr so zickig wie früher? 

Nachdem sie mein Mittagessen abgeräumt hat, setzt sich die Kellnerin an den hintersten Tisch in der Bar um selber zu essen. Ich hole mir eine zerfledderte Zeitschrift von der Theke und beginne ein halb ausgefülltes Kreuzworträtsel zu lösen. Dazwischen kreisen meine Gedanken um die langen Gespräche mit meiner Frau. Ihre Bitten. Ihr Drängen. Immer wieder fällt mein Blick zu der schwarz verspiegelten Türe gegenüber. Die Stunden fliessen dahin. Schemenhaft nehme ich das Kommen und Gehen der wenigen Gäste wahr. Flüchte halb meditativ in gewohnte, lieb gewordene Phantasiewelten. Immer weiter entfernt sich die schwarze Türe. Regelmässig steigt das Bild des Mädchens in mir hoch, unterbrochen von Bildern meiner Familie. Meiner Jugend. Meine ersten Begegnungen. Den Blick des Mädchens im Spiegel.  Verschämtes Wegsehen. Bin ich ein Feigling? Schon als Jugendlicher traute ich nicht Mädchen anzusprechen. Angst, abgewiesen zu werden. Ist der Gang in das gegenüberliegende Gebäude die Lösung, den ganzen Ballast mental abzuwerfen? Meine Frau arbeitet in einer Apotheke. Konnte mir regelmässig Medikamente besorgen.

Ausgelassene Stimmen klingen durch die sich öffnende Türe. Schulschluss. Die Kellnerin hat alle Hände voll zu tun, die Jugendlichen zu bedienen. Begrüssungen, Gelächter. Vor der Bar lümmeln sich aus Flaschen trinkende Pubertierende. Ich erblicke das bauchgepiercte Mädchen von heute Mittag. Sie trinkt Cola aus einer schlanken Petflasche. Petflaschen, schlank, aus weichem Kunststoff gefertigt, unzerbrechlich, klopft es peitschend durch meinen Kopf. Tanzenden Irrwischen gleich spüre ich Erregung durch meinen Körper fliessen. Heiser rufend verlange ich bei der Kellnerin die Rechnung, welche ungeduldig abwinkend versucht, den Ansturm der abendlichen Gäste zu bewältigen. Zwischenzeitlich verabschiedet sich das Mädchen wangenküssend von ihren Gefährtinnen und Gefährten. Nervös klemme ich einen genügend grossen Geldschein unter mein Bierglas. Ich muss mich beeilen, wenn ich rechtzeitig nach Hause kommen will. 

„Du kommst spät!“ Höre ich meine Frau aus der Küche rufen. Ein kurzes „Hi, Pa“ der abwesend in den Fernseher starrenden Kinder. Wortlos ziehe ich mein Jackett aus, gehe ins Badezimmer unter die Dusche. Mit grollendem Zischen, spritzt erfrischend das kühlende Nass aus der Brause. Perlende Wassertropfen gleiten toten Augen gleich meinen Körper hinunter um im alles verschlingenden Abfluss zu entschwinden. Stadtgeräusche. Aus der Ferne dringt Sirenengeräusch durch das halbgeöffnete Badezimmerfenster. 

Frisch geduscht stehe ich hinter dem Vorhang unseres Schlafzimmerfensters, von wo aus ich das Backsteinhaus und die Bar beobachten kann. Im Nachtwind schaukelnde Strassenlampen an den Drähten zwischen den Häusern. Bizarre Schatten zeichnend, heben sich die Funkantennen und Sirenen vom Flachdach des gegenüberliegenden Hauses gegen den Nachthimmel ab. Hinter den kahlfarben erleuchteten, schwarzen Scheiben huschen unerkennbare Konturen umher. Das I, in den oberhalb der Türe prangenden, streng im Lot geordneten Neonlettern ist nicht erleuchtet. „POLIZE“, murmle ich leise vor mich hin. Hinter mir höre ich meine Frau ins Schlafzimmer kommen. „Hast du dich gemeldet?“ Müde, mit traurig verbrauchter Stimme. Bin unfähig zu antworten. Würgende Emotionskreisel beginnen sich in meinen Eingeweiden zu drehen. Schmerztreibend zuckt pochendes Verdrängen durch triebgemarterte Hirnwindungen. Nackter Bauch. Piercing. Die schlanke Petflasche. Ratschendes Hellblau. Klatschender Körper. Schweissgeruch. Erstickend ungläubiges Stöhnen. Lähmende Angst. Schweigend treffen unsere Blicke aufeinander. Schicksalhaft verbunden. Wortlos verstehend. 

Die Konturen hinter den schwarzen Scheiben werden hektischer. Heulende Dachsirenen zerfetzen die idyllische Sommernachtstimmung. Uniformen quellen aus der schwarzen Türe des Backsteingebäudes, überqueren hastig die Strasse und verschwinden in der Bar. Meine Frau ist neben mich getreten. Schweigend verfolgen wir das unwirkliche Schauspiel. Beim Backsteingebäude fährt ein Wagen vor. Ein Mann steigt aus der Fahrertüre, geht um den Wagen herum, öffnet die Beifahrerinnentüre und hilft stützend einer von Weinkrämpfen erschütterten Frau auszusteigen. Herbeieilende Uniformierte geleiten die beiden einfühlsam zu der schwarzen Türe. Teilnahmslos starre ich auf die Szene, spüre die von Resignation dumpfgeschliffenen Blicke meiner Frau seitwärts in meine kranke Seele dringen, als sie sich wortlos abwendet. Kaum hörbar verklingen ihre schleppenden Schritte, bevor die Schlafzimmertüre mit einem leisen Klicken ins Schloss fällt. 
 

Kontakt zum Autor: Louis Kaelin - louis.k@bluewin.ch
Copyright 2006 ..., Louis Kaelin
Alle Rechte vorbehalten
zurück zu Louis Kaelin zurück zur Startseite