Tabulos


Anreise

Die steinerne, verwitterte Ortstafel von Alonagié. Die Frau steuert den Wagen gegen den Strassenrand und lässt ihn mit abgestelltem Motor langsam ausrollen. Knirschendes Geröll. Stille. Nur das gleichmässige Atmen des auf dem Beifahresitz schlafenden Mannes. Im Rückspiegel betrachtet sie das ebenfalls schlafende Kind auf dem Rücksitz. Behutsam öffnet sie die Wagentüre. Leichter Nieselregen sticht kühl gegen ihr Gesicht. An den weissen Monteverdi gelehnt, betrachtet sie die in der nassgrauen Morgendämmerung erwachende Kleinstadt in der vor ihr liegenden Senke. Nebelschwaden. Fröstelnd zieht sie den Kragen ihrer Jacke hoch. Das prächtige Patrizierhaus auf der gegenüberliegenden Anhöhe der Stadt. Genau noch wie vor zwanzig Jahren. Nur die baumbesäumte Einfahrt scheint leicht verändert. Zwanzig Jahre. Trotzdem erscheint es der Frau wie gestern. Sentimentale Gefühle empfindend, blickt sie auf den schlafenden Mann im Wagen. Filius. Wie wird er wohl von ihrer Mutter begrüsst? Einen Moment verharrt sie in Gedanken versunken. Plärrende Laute des sich räkelnden Kindes wecken sie aus ihren Tagträumereien. Gleichzeitig erwacht auch Filius. Die Frau öffnet die hintere Wagentüre, setzt sich neben den Kindersitz und bereitet sich auf das Stillen vor. Filius starrt wortlos durch die Windschutzscheibe auf die Stadt hinunter. „Das also ist Alonagié“, spricht er mehr zu sich selber. Eine Weile sind nur die saugenden Geräusche des Kindes wahrnehmbar. Filius wechselt wortlos auf den Fahrersitz und startet den Wagen. Langsam rollt der Monteverdi Richtung Kleinstadt hinunter.

 

Begrüssung

Als Filius in die baumbesäumte Einfahrt einbiegt, erblickt die Frau ihre Mutter auf der kleinen Steintreppe neben dem Garagentor. Etwas verlegen steht sie da, wie beim Abschied vor 20 Jahren. Gezeichnet von den Zeiten. Die Frau empfindet einen kurzen Moment von klammem Mitleid. Denkt an das gestrige Telefonat mit ihrer Mutter. Die kurze Vorankündigung über ihre von Mutter langersehnte Rückkehr nach Alonagié. Die Geschichte von Filius. Zwanzig Jahre. Unbeholfen kommt Mutter auf die Ankommenden zu. Wankend zwischen überschwänglicher Begrüssung und vornehmer Zurückhaltung. Eine kurze, kalte Umarmung. „Tabulos!“, mit tränenglänzenden Augen mustert sie ihre Tochter. „Hattet ihr eine gute Fahrt von Frémmores nach hier?“ Vage lächelnd nickt ihre Tochter und stellt ihr die anderen vor. „Ja, das ist also Filius und unsere gemeinsame Tochter Paraphilie.“ Bedrückt verfolgt sie die Begrüssung. Die Züge ihrer Mutter scheinen in grauen Stein gemeisselt.

 

Abendessen

„Wie ist die Arbeit als Pathologin?“ Die Mutter bricht das spannungsgeladene Schweigen beim gemeinsamen Abendessen. „Danke, ich konnte die damalige Ausbildung durch Nebenjobs finanzieren.“ Schmerzlich nimmt die Mutter den vorwurfsvollen Unterton in Tabulos’ Stimme wahr. Filius schweigt. Das Kind schläft auf der Patchworkwolldecke auf dem zerkratzten Parkettfussboden.

Klirrende Bestecke. Schweigend beenden die drei Menschen ihr Abendessen im grossen Patrizierhaus auf der Anhöhe über der Kleinstadt.

 

Am Kamin

„Es ist das erste Mal seit dem Tod deines Vaters, dass der Kamin wieder brennt!“ Ohne von den knackend lodernden Flammen aufzusehen beginnt die Mutter zu sprechen. Tabulos sitzt ihr still gegenüber auf der breiten, kupferfarbenen Couch. „Ich hoffe, die neue Stelle als Pathologin hier, wird dir gefallen“, fährt sie weiter. „Professor Deviat hat seinen ganzen Einfluss geltend gemacht.“ „Danke Mutter“, erwidert Tabulos mit unbeweglich in die Flammen starrenden Augen. Das Feuer widerspiegelt sich geheimnisvoll in ihren dunklen Augen. Filius und Paraphilie sind oben. Filius wird ihr wieder eine Gutenachtgeschichte erzählen. Fährt es Tabulos durch den Kopf. „Er erzählt ihr jeden Abend eine Gutenachtgeschichte. Eine Passage aus dem Tagebuch von Vater!“, spricht sie ihre Mutter unmittelbar an und beobachtet sie. Ein leichtes Zittern durchfährt den Körper der alten Frau. Es scheint, sie wirkt noch gebeugter als sonst. „Sprechen wir darüber?“ Beinahe unhörbar klingen ihre Worte zu Tabulos. „Hast du Internetanschluss?“, wechselt diese abrupt das Thema. „In der Bibliothek“, erwidert ihre Mutter sichtbar enttäuscht.

 

Im Internet

Lächelnd blickt Tabulos auf den Bildschirm. Das Profil sticht aus allen anderen hervor. Suche anspruchsvollen, strengen Dom mit Niveau, der unter meiner Aufsicht, aber nach seinem Willen, meine Ehefrau mit der erforderlichen Behutsamkeit als Novizin in BDSM einführt. Intuitiv spürt sie, den richtigen Chatpartner gefunden zu haben. Hallo Suchender, antwortet sie, mit flinken Fingern über die PC-Tastaur fliegend. Als erfahrener Dom glaube ich eueren Ansprüchen zu genügen. Elektronisch findet ein erregend erotischer Dialog statt. Nach einer Weile bringt Tabulos den Mann dazu, ihr ein Foto seiner Ehefrau zu senden. Es zeigt eine adrette Dunkelhaarige. Stehend. Nackt. Die Frau wendet das Gesicht ab, ist kaum erkennbar. Ein Amateurfoto.

Unmut steigt in Tabulos hoch, bei den ausschweifenden Schilderungen ihres Gegenübers. Sie denkt an ihren Vater, Filius und das gemeinsame Kind. Spirale endloser Verirrungen.

 

Der Morgen

Erwachend wendet Tabulos den Kopf zum Fenster. Grau in Grau. Ihre Augen brennen noch von der nächtlichen Internetsitzung. Wie üblich schläft Filius noch tief und fest. Sie betrachtet seine nackte Brust, das regelmässige Heben und Senken. Neben ihrem Bett, steht ein Liegestuhl mit der Kleinen. Paraphilie zuckt leicht im Schlaf. Die Ungeheuerlichkeit der gestrigen Begrüssung. Tabulos blickt abwechselnd von einem zum anderen. Filius, ihr Sohn. Paraphilie, ihre gemeinsame Tochter. Könnten Familienbande enger geknüpft sein?

 

Pathologisches Institut

„Na, gut gestartet in unserer universitären Kleinstadt?“ Mit einer jovialen Geste wird Tabulos von  Professor Deviat in dessen altertümlichen Büro empfangen. „Es brauchte einiges an Überzeugungskraft, den Leuten hier begreiflich zu machen wer die beste Pathologin für unser Institut ist.“ „Danke Professor“, Tabulos spielt die Geschmeichelte. „Ich hoffe unsere Zusammenarbeit wird die gleichen Früchte tragen wie in Frémmores.“ Unschlüssig mustert der Professor Tabulos. Unbeirrt fährt sie fort. „Sie haben gewusst, unter welchen Umständen ich Alonagié vor zwanzig Jahren verlassen habe?“ Keine Reaktion. „Ich habe das Tagebuch meines Vaters“, fügt Tabulos hinzu. „Vielleicht ein Grund, weshalb ich ihr Angebot angenommen habe.“ Professor Deviat wirkt sichtlich nervös. Sarkastischer Übermut packt Tabulos. „Warum liegen Pathologie, Organhandel und Kannibalismus so nahe beisammen?“ Deviats Adamsapfel beginnt beängstigend zu hüpfen. Hoffentlich erstickt er nicht daran, fährt es ihr durch den Kopf.

 

Im Café

Filius spielt mit dem Kaffeelöffel. „Dasselbe Vorgehen wie immer?“ Mit halbgeschlossenen Lidern blinzelt Tabulos gegen die sich durch die letzten Wolkenfetzen kämpfende Sonne, welche den romantischen Wintergarten des kleinen Cafés erwärmt. Unmerklich nickt sie mit dem Kopf. „Du hast ein Foto von ihr und seine E-mail-Adresse.“ Wieder ein kurzes Nicken ihrerseits. „Bist du dir sicher?“ Tabulos wendet gelangweilt den Kopf. Fixiert Filius ärgerlich mit den Augen. „Dein E-mail-Idendifikationsprogramm ist perfekt. Los. Hau schon ab!“

 

Der zweite Abend

Leicht bitter beissender Geruch von feuchtem Holz zieht durch das Wohnzimmer. „Entschuldige, ich glaubte das Holz wäre trocken.“ Aufgeregt stochert die Mutter mit dem Feuerhaken im Kamin. Tabulos presst die Lippen zusammen. Wortlos beobachtet sie ihre Mutter, erinnert sich an Kindheitsszenen,  vor dem Kamin sitzend. Damals kritzelte sie bllauu.. auf ein Stück Papier. Ihre Mutter korrigierte sie. Seit sie sich erinnern kann, wird sie von ihrer Mutter korrigiert, zwanghaft in Normen gepresst. "Für mich ist bllauu.. so korrekt“, widersprach sie damals und erschrak über ihre eigene Courage. Wie arrangiert sich Mutter wohl mit den gegebenen Normen? Teilnahmslos verfolgt sie die ungelenken Bewegungen der im Feuer stochernden Mutter.

 

Büro des Professors

Tabulos setzt sich auf die Schreibtischkante und schaut schnippisch auf ihn hinunter. Leise, wie knisterndes Papier, ertönt die Stimme des Professors. „Du warst also in der pathologischen Abteilung von Frémmores in den Handel involviert?“ Unhörbar zieht Tabulos tief Luft ein. Sie will ihren Triumph auskosten. „Genau wie sie„ Professor. Ihre Lieferungen sind pünktlich angekommen. Zudem war es meine Aufgabe, die Zahlungen an sie auszulösen.“ Deviat scheint eine Schnellalterung zu durchleben. „Das mit dem Kannibalismus war mir nicht bewusst“, würgend stützt er den Kopf auf. Spöttisches Zucken um Tabulos’ Mundwinkel. „Haben sie ihr Nebeneinkommen auch versteuert, Professor?“

 

Abreise

„Ihr reist also wieder ab?“ Tabulos ignoriert den vorwurfsvollen Unterton in der Stimme ihrer Mutter. Stummes Nicken. „Die Stelle ist doch nicht das, was ich mir erhofft habe.“ Aus den Augenwinkeln bemerkt sie, wie sich Mutter am Küchentisch festhält. Krampfhaft umklammern ihre Hände die Tischkante. Verfärbt hervortretende Knöchel. „Warum hat dir Vater vor seinem Tod das Tagebuch geschickt?“ „Hast du Angst vor Professor Deviat?“ Tabulos’ schneidende Gegenfrage lässt Mutter jäh zusammenfahren. 

 

Zurück in Frémmores

Amüsiert blickt Tabulos von der Zeitung hoch. Pathologie-Professor von Alonagié begeht Selbstmord... In fetten Lettern auf der Frontseite der Regionalzeitung. Ihr Blick schweift über das morgendliche Frémmores. Filius betritt die Küche „Und wieder hat es geklappt. Dein perverser Chatpartner hat bezahlt. Hat wohl Angst, seine Frau würde sich auf dem Foto erkennen “, verkündet er fröhlich. Tabulos lacht auf. „Schön. Ab jetzt können wir das Geld für uns verwenden. Du brauchst keine Überweisungen mehr an den Professor zu machen. Deviat ist tot.“ Filius zieht die Brauen hoch. «Ging aber schnell. Anscheinend hat er deine Geschichte geschluckt“ Bedächtig schenkt er sich einen Kaffee ein. „Und deine Mutter, glaubt sie wirklich, dass ich dein Sohn und Paraphilie unsere gemeinsame Tochter ist?“ Tabulos’ Stimme klingt bitter. „Ja. Sie hatte nicht das Recht, mich vor zwanzig Jahren schwanger auf die Strasse zu stellen, während sie mit dem sadistischen Schwein Deviat ihre perversen Spiele trieb. Vater ist daran zerbrochen. Soll sie leiden dafür.“ Filius erschauert. So hat er seine reifere Lebenspartnerin noch nie erlebt. „Übrigens, deine Tochter kommt heute Abend zum Essen!“ Abwesend nickt Tabulos ihm zu. Er spürt ihren Wunsch nach Alleinsein und geht zur Tür. Fragend blickt er sich noch einmal um. „Wo ist eigentlich das Tagebuch deines Vaters?“ Tabulos lächelt bereits wieder. „Welches Tagebuch?“ 
 

Kontakt zum Autor: Louis Kaelin - louis.k@bluewin.ch
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