| Lastkran |
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„Verrückt.“ Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, „ver,“ spitzte dann den Mund, wie zu einem Kuss, „rückt.“ Dann strahlte sie. „Ja, genau. Das ist das Wort, nachdem ich gesucht habe.“ „Verrückt.“ Er schüttelte verzweifelt den Kopf. „Siehst du den alten Drachen dort?“ Sie griff seine Hand und zog ihn ungeduldig über den Strand. „Du meinst den rostigen Lastkran?“ Er musste vor Jahren an Land gespült worden sein, doch nie hat sich einer die Mühe gemacht ihn zu entsorgen. Ein Anflug von Enttäuschung zeigte sich auf ihrem Gesicht, „nenn ihn, wie du willst. Es ist ein alter Drachen.“ Sie hatte seine Hand wieder losgelassen, war ein Stück vorgelaufen und berührte ehrfürchtig die rostende Lackschicht des Lastkrans. Eine alte Frau, klein und gebrechlich, an deren Rock der Wind zerrte und den Blick auf zwei magere bestrumpfte Waden freigab. „Komm schon her,“ rief sie in den Wind, ohne sich umzudrehen. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich das gleiche Leuchten wieder, wie das eines kleinen Kindes vor dem Weihnachtsbaum. Er seufzte. „Ich werd’ dir seine Geschichte verraten.“ „Mutter...,“ versuchte er sie zu unterbrechen, doch sie fuhr ungerührt fort, den Blick starr auf metallene Ungetüm gerichtet, „seine Geschichte. Eine Geschichte, die so anfangen müsste: vor vielen, vielen Jahren..., doch ich weiß, dass du keine Märchen magst.“ Sie schaute ihn nicht an und sprach dann weiter, eine Hand auf sanft auf der rostigen Oberfläche ruhend, als ob sie auf einen Herzschlag lauschen würde. „Es war Nacht. Der Himmel war mit Tinte übertuscht. Wolken bildeten dicke Türme aus dunkler Zuckerwatte und machten die Nacht so schwarz, dass die Erinnerung des Sternfunkelns nur noch einer leisen Ahnung gleichkam.“ Ihre brüchige Stimme ungewöhnlich fest, beschwor sie die Bilder dieser einen Nacht herauf. „Finsternis. Der Sehkraft beraubt zeichneten sich Geräusche grell auf dem dunklen Hintergrund ab. Zu einem leisen metallischen Schlagen mischte sich das regelmäßige Branden der Wellen. Dann kam Wind auf. Mit einem einzigen langem Seufzen entlud sich die angespannte Stimmung in einer Windbö. Sie schob die Zuckerwatteberge zusammen, riss sie auseinander und jagte sie ungestüm über den Himmel. Das monotone Rollen der Brandung wurde stärker. Plötzlich zuckte aus dem massigen Wolkenkörpern ein Blitz und für einen Herzschlag lang wurde der Strand in unwirkliches Licht getaucht. Die Umrisse des Stahldrachens wurden sichtbar. Das Ungetüm trotzte dem Wind und der ewigen Brandung. Seine Klauen tief im Sand vergraben bot sein Körper verschiedenen Wesen Schutz. Einige Seesterne, die mit der Brandung aus dem Meer gespuckt wurden, hielten sich an ihm fest. Aber auch ein körperloses Wispern klammerte sich an ihn und schlüpfte unter seine Schwingen. Der Wind nahm zu. Die Zuckerwatteberge verwandelten sich in eine Meute schwarzer Wölfe, die hungrig über den Himmel hetzten. Brandung. Einem Rauschzustand des Blutes gleich, lauschend, pulsierend wurde der Rhythmus schneller. Hinaus. Hinaus ins Zentrum des Rauschens. Hinaus. Sein altes rostiges Herz machte einen bangen Schlag, als die Faust des Sturms ihn packte und schüttelte. ... heute kommt dein Ende, alter Freund... Seine Klauen gruben sich tiefer in den Sand. Nein, bitte noch nicht, lass’ mir noch den einen Morgen. Seine Bitte wurde untermalt von dem Heulen der Wölfe. ... aber wäre diese Nacht nicht wundervoll um zu gehen? Sieh nur die Blitze. Spürst du die Spannung in der Luft? Die Geister verlangen nach einem Opfer... Lass’ mir noch den Morgen. Lass’ mich noch diesen einen Kampf bestehen und ein letztes Mal die Sonnenstrahlen auf meinem Körper fühlen. Sein stählerner Leib ächzte, als eine Windbö unter seine metallenen Schuppen griff und rostige Lackfetzen abriss. Seine Erinnerungen waren in den Kellerverliesen seines Gedächtnisses untergebracht, gut geschützt, ruhten sie dort seit Jahren. Wütend zerrte der Wind an seinem Metall, fuhr in jede Ritze. Heulte durch das Gewölbe und scheuchte längst vergessene Gespenster auf. Er war nicht immer der Wächter des Strandes gewesen. Damals... während sein Körper vom Sturm gepeinigt und geschlagen wurde, wanderte sein Geist auf den verschlungenen Pfaden seiner Vergangenheit. Damals... Auf Deck des alten Frachters hatte er gestanden und über den Fluss geherrscht. Wie eine große, glitzernde Schlange bewegte sich sein Fluss durch die Landschaft. Meistens träge und genießerisch, Sonnenstrahlen, die sich auf seiner Oberfläche brachen. Sein Fluss, die Schlei. Immer der gleiche Weg, von Schleswig nach Kappeln und von dort nach Flensburg. Nur einmal, bevor die Bomben fielen, änderte sich sein Weg. Einmal, er erinnerte sich genau, da war leise unter dem schwarzen Staub der Kohlen ein Wispern zu hören. Ein geisterhaftes Wispern verzweifelter Seelen. ... unter beymer vaksn grozn, Ay-lu-lu... un di beyze vintn blozn, schlof zhe zunenyu unter Bäumen wachsen Gräser und die bösen Winde blasen, schlaf nur ein, mein Söhnelein Himl iz shoyn khmarne shvarts, punkt azoy vo do bay mir in harts. Unter beymer vaksn grozn, Ay-lu-lu wolkig grau ist es am Himmel, genauso wie in meinem Herzen. Unter Bäumen wachsen Gräser... Nie hat ihn dieses Wispern wieder verlassen. Er trug es immer mit sich, all die Jahre. Und dieses eine Mal fuhren sie weiter von Flensburg nach Sonderborg. Von Deutschland nach Dänemark, das 1936 noch nicht besetzt war. Später als die Bomben seinen Frachter zerfetzten und er auf den Meeresboden sank, war das Wispern wieder bei ihm. ... punkt azoy vo do bay mir in harts... Und als er an diesen Strand gespült wurde hatte es ihn schon erwartet. ... genauso wie in meinem Herzen... Kraftvoll war er an Land gestiegen. Und seine mächtigen Klauen hatten sich tief in den Sand gegraben. Doch jetzt wurde er schwächer. Sein Herz schlug nicht mehr im Takt der Brandung. Während der alte Drachen mühsam aus dem Meer seiner Erinnerung auftauchte hatte sich der Wind bereits gelegt. Ein allerletztes Mal hörte er das Geräusch, das er so liebte. Über die Oberfläche des Meeres wurde das Tuten einer Schiffsirene getrieben, dieses Tuten, dass für ihn alles bedeutete. Freiheit. Leben. Und jetzt konnte er endlich loslassen. Jetzt konnte er gehen und dem Wispern folgen.“ Die Stimme der alten Frau brach. Sie schien noch gebrechlicher geworden zu sein. Als ob die Erzählung ihre letzte Kraft aus ihrem Körper herausgezogen hätte. Mit ihrer Haut, dünn wie Pergament und so durchscheinend kam sie merkwürdig körperlos vor. Als der Wind an ihrem Rock riss hatte er plötzlich den Drang sie zu umarmen. Sie festzuhalten, weil er Angst hatte, dass sie einfach fortgeweht werden würde. „Mutter, komm jetzt mit. Es ist kalt.“ Er hatte den Arm um sie gelegt und wollte sie mitziehen. Weg vom Strand, weg von diesem rostenden Kran, weg von ihren Geschichten. „Einen Moment noch, Junge.“ Sie hatte ihn immer noch nicht angeschaut. Ihre Hand, die die ganze Zeit auf dem Kran geruht hatte sank kraftlos herunter, dann drückte sie die Handfläche gegen den dünnen Stoff ihrer Bluse, dort wo ihr Herz schlug. „Geh schon mal vor, ich komme gleich nach,“ seltsam wehmütig schaute sie ihn an. Resigniert zuckte er die Schultern und vergrub seine Hände in den Hosentaschen. Dann drehte er sich um und ging den Weg wieder zurück. Ihre Fußspuren waren schon fast verweht, undeutlich sah man noch seine tieferen Abdrücke. Er erreichte gerade den Kamm der Düne, als die Töne eines Liedes zu ihm herüber getragen wurde ... unter beymer vaksn grozn, Ay-lu-lu... sein Bewegungen waren merkwürdig langsam, er drehte sich um und sah noch, wie seine Mutter zu Boden sank. |
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