| Ihre Story hatte sich in diesem
einen, ihrem ersten, Satz ergossen, aber wer würde es merken, wenn sie ihnen die Worte um
die Ohren schlug. Und die Zukunft reihe Wort an Wort, keines sollte je geschrieben werden.
Eine Leere spürte sie nicht, ihr Tempo war enorm. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt,
kotzen zu gehen. Den Kopf über die Kloschüssel gebeugt, würde ihr schon der nächste
Satz einfallen. Doch dann ging sie pinkeln, zog sich die Jacke über und setzte sich in
Richtung Thoben-Feinbäckerei in Bewegung. Ihr
Gegenüber zahlreich und zahlreich schob sich an ihr vorbei, würde bemerken jede ihrer
Gesten, ihre Haltung, ihren Blick, ja selbst das feine Zucken um ein einzelnes Auge, was
zu provozieren sie so gut beherrschte, oh nein, natürlich nicht. Wie wichtig nahm sie
sich!
Eine sehr unruhige, zitternde Stimme gab die Bestellung auf. Sie hätte gerne viel mehr
gehabt, viel mehr gegessen, wagte es aber nicht, ihre Bestellung zu erweitern. Was sollte
sie, die mir die Brötchen in die Tüte packte, von mir denken? Vielleicht denkt sie noch,
ich würde mir in einem Anflug von Einsamkeit den Magen stopfen. "Kann ich bitte mal
vorbei?" dröhnte hinter ihr die Stimme eines jener alten Weiber, die ihr Leben
gelebt hatten, und nun jeden oder fast jeden Nachmittag bei Thoben-Feinbäckerei ein
Stück Erdbeertorte in ihre leeren, ausgequatschten Münder stecken mußten. Aber
entscheidend für einen unerwartet sentimentalen, Rache garnicht erst aufkommen lassenden,
über den Dingen stehenden, stolzen Gefühlsausbruch war eigentlich ihr Zusatz:
"Junger Mann". Wie oft in meinem Leben hatte ich jenen dahergesprochenen Zusatz
vernommen! Junger Mann. Sekunden später wußten sie nicht mehr, an wem sie vorbeiwollten,
sie wußten überhaupt nie, an wem sie vorbeiwollten, und daß sie vorbeiwollten, wußten
sie auch nicht mehr. Aber dann wollten sie wieder vorbei.
Immer wieder war ich es, die etwas länger als Sekunden-Später diesen Satz in ihren
Körper spürte. Ich hatte ihn lange nicht mehr vernommen, ja mehr noch, ich hatte lange
Zeit in einem Körper gelebt, der meiner genetischen Ausstattung schon ziemlich weit
entgegenkam. Aber dann übermannten mich immer wieder jene zwei Worte. Wer warf sie mir
immer und immer wieder an den Kopf? Nettere, ältere, einsame, erdbeerkuchenfressende
Weiber, die Sekunden später in ihren ofenbeheizten Wohnungen verschwanden. Was taten sie
dort? Ich weiß es nicht und folgte diesen Gedanken nie. Aber sie nannten mich
"junger Mann", und das war Grund genug, sie über den Haufen zu schießen. Doch
heute lächelte ich. Ich wußte es ja besser, welches Geschlechtes ich war, und ein
richtiger Mann im richtigen Augenblick würde mit mir voll übereinstimmen. Was gingen
mich dann noch diese Klucken an?
Mein Blick fiel auf eine Pappschale, gefüllt mit weißer, fettiger Soße, die sich über
ein oval geformtes Etwas verteilte. Eine junge Frau, viel kleiner und dünner als ich, ja
war sie überhaupt im geschlechtsfähigen Alter, nahm den Platz in der Schlange
hinter mir ein. Die Schlange bestand aus ihr und mir. "Ich bin Autorin", wollte
sie dem schweigenden, wartenden Ende der Schlange zurufen, "ich bin Autorin, hören
Sie, und nun hole ich mir mein Mittagsbrot für die Pause... ich mache nämlich gerade
Pause." - "Ich arbeite und schufte schwer und nun hole ich mir mein Mittagsbrot
... für die Pause." Und ihre Gedanken wurden leiser, bevor sie dann ganz und gar
schwieg. Es hatte ihr niemand zugehoert, ja sie noch nicht einmal bemerkt.
Manchmal bemerkten sie sie, nur ganz kurz, dann stießen sie ein abgewürgtes, falsches,
hohes, spitzes Lachen hervor und entschuldigten sich: "ach die kurzen Haare und
heutzutage weiß man ja nie", und dann lachten sie abermals, bevor sie am nächsten
vorbeiwollten. Sie war vielleicht doch schon geschlechtsfähig? Sie war kleiner und
dünner, aber nicht mehr so jung, wie sie schien. Und nun holt sie sich vielleicht noch
ein Croissant zu ihrer widerlichen, ekelerregenden Pappschalenfüllung dazu, und als ich
Thoben-Feinbäckerei verließ, brauchte ich mich nicht mehr umdrehen, um mich zu
überzeugen, daß sie sich ein einziges Croissant holte. Auch diesem alten Kanalweib, das
von morgens bis abends an jemandem vorbei wollte, konnte ich keinen Blick mehr zuwerfen.
Sie war schon längst in ihrer Gosse verschwunden.
Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich, als wenn ich die Story meines nächsten Buches
in der Tüte hatte. Sie brauchte nur noch zu Papier gebracht werden. Aber jetzt würde ich
erst mal diese fünf Brötchen essen.
Das tat ich. Es ging garnicht mehr um den ersten Satz. Sie ging nochmals pinkeln, zog sich
nochmals die Jacke über und schritt die Treppe hinab.
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