Texte von Helmut Schida:

Der Freund

Weit über 70 ist er und lässt sich von mir noch erklären, wie ein PC funktioniert. So was geht nicht an einem Nachmittag, und so bin ich nun oft bei ihm und dabei erzählt er mir von seiner beschissenen Kindheit vorm Weltkrieg und der noch beschisseneren Jugend und davon, dass er in den Wirrnissen zu Kriegsende zweieinhalb Jahre in Graz gesessen hat.

Er hat keinen Schulabschluss, keinen erlernten Beruf, hat fallweise Hilfsarbeiten angenommen und in den Fünfzigern den Goldenen Handschuh erboxt. Ein Freund bringt ihn im psychiatrischen Krankenhaus unter, wo er Hilfspfleger wird und so langsam Fuß fassen kann.

Die nächsten Stationen: Ehe, C-Beamter, eigene Wohnung, Rassehündchen und die Vespa tauscht er gegen einen kleinen Gebrauchtwagen. Er hat es doch noch geschafft. Bald kennt man ihn auf den Tennisplätzen und in den Spielcasinos. Mal gewinnt er, dann wieder geht alles den Bach hinunter. Schulden, Frauengeschichten und Urkundenfälschung führen zur Scheidung.

Doch noch einmal fängt er sich, findet eine neue Liebe für die späten Jahre, erhält sich seine Gesundheit bis ins hohe Alter und weiß genau, dass er ein famoser Glückspilz ist.

Und dann bin da noch ich, sein Freund, mit dem er sogar noch das Internet erobern wird. Ha!

 

© h.schida, 2003

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