Texte von Helmut Schida:

Der Keiler

Er steckt in einem roten Shirt mit der Aufschrift ‚Minus 50%’, sieht stark nach Inder aus und spricht mich direkt vor der Bank an:

“Kennen sie schon das Telefonieren um 50% billiger?“
“Klar, hab ich doch schon zu Hause – iss’n prima Ding!“
“Und müssen sie noch Null und Eins vorwählen?“
“Ach woher, das geht bei mir längst ohne Vorwahl.“ 

Sein ruhiger Inderblick wird ein wenig trauriger. Sicher denkt er: ‚Wieder kein Geschäft zu machen’.

“Aber jetzt hab ich mal eine Frage: Wann kann man denn bei euch auch endlich mit’m Handy um 50% billiger telefonieren?“

Sein Blick hellt sich schlagartig auf:
“Das geht doch schon. Kommen sie, unterschreiben sie gleich hier bei mir.“
“Nur langsam, ich will aber meine alte Nummer behalten.“

Verzweifelt kneift er die schwarzen Augen zusammen:
“Das sollte man schon längst können, aber immer wieder heißt es ‚nächsten Monat’. Aber ich kann ihnen sofort eine neue Nummer geben.“
“Davon hab ich doch nichts. Was mach ich denn mit meinen Visitenkarten, dem Stempel und den Briefköpfen? Nein, nein, dann warte ich noch so lang, bis ich meine Nummer mitnehmen kann. Aber wie sieht es mit’m Internet aus? Seid ihr da auch um die Hälfte billiger? Aber ich hab eine High-Speed-Anbindung, die muss ich aus Geschäftsgründen unbedingt behalten.“

Damit schaffe ich ihn vollends. Er reicht mir beide Hände zum Abschied, will mich möglichst schnell loswerden. Ich kann’s verstehen. Hat er doch geglaubt, mit mir leichtes Spiel zu haben.  

Ich setz’ mich an einen der kleinen Tische des Eissalons, wo ich den Eingang zur Bank im Blickfeld behalte und bestelle mit Handzeichen ein Bier. Drüben bückt sich mein 50 Prozent-Inder und holt eine Coladose unter dem Stein vor der Bank hervor. Er nimmt einen tiefen Schluck daraus, blickt auf seine Uhr, schüttelt den Kopf, legt seine Werbezettel unter den Stein und verdrückt sich in seine wohlverdiente Mittagspause.

Es ist 10 vor 12, als endlich mein Bier ankommt.

 

© h.schida, 2003

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