Texte von Helmut Schida:

Die Taschenuhr


Wenn ich vor der Maschine sitze
und meine Zeilen in sie hineinhämmere
dann mach  ich zwischendurch
kleinere oder auch mal größere Pausen

Und dann schaue ich auf die kleine
silberne Taschenuhr
die neben dem Papierstapel auf dem Schreibtisch liegt

Sie hat viele Jahre meinem Vater gehört
Er ist längst tot
und ich weine ihm keine Träne nach
Er war ein harter Hund
und irgendwie schiebe ich ihm die Schuld
für mein eigenes verkorkstes Leben zu

Er hat mich nie geliebt
hat stets für Aufruhr und Unruhe gesorgt
und mit mir oder meiner Mutter herumgebrüllt
Auch den Riemen ließ er ab und zu
auf mich niedersausen

Er war das Arschloch
das meine Entwicklung um mindestens
ein Jahrzehnt gehemmt 
und nachhaltig gebremst hat

Und jetzt liegt er schon längst bei den Würmern
falls überhaupt noch etwas von ihm übrig ist
und seine Taschenuhr zeigt mir täglich
mehrmals die genaue Zeit
Und jeden Morgen
wenn ich sie aufziehe
erregt mich ihr glattes kühles Metall
und ihr schlankes zeitloses Aussehen


Ich finde, das ist mehr
als man von einer Uhr verlangen kann

© h.schida, 2001

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