Texte von Helmut Schida:

Die Rettung

Jetzt hab ich knapp 40 Jahre lang für wenig Geld die Kinder fremder Leute beaufsichtigt und unterrichtet, damit die lieben Eltern zusammen mehr Kohle machen konnten, doch ich kam damit kaum zu Rande. War der pure Stress, das könnt ihr mir glauben. Aber ich schweife vom Thema ab.

Im Kern geht es darum, dass besagter Stress auch sein Gutes für mich hatte.

Treffe ich nach Jahren einen ehemaligen Schüler wieder; es muss Ende der Sechziger Anfang der Siebziger gewesen sein. Wir feiern unser Wiedersehen und frischen alte Erinnerungen in einer Kneipe bei etlichen Bieren auf. Und irgendwie – nach Sex und den Weibern – kommt die Rede auf Literatur.

“Kennst Du die Zeitschrift PARDON?“ fragt er mich.
“Nein, sollte ich?“
“Und Bukowski sagt dir demnach auch nichts, was?“
“Nein.“
“Mensch, den solltest Du aber mal lesen“, meint mein Ex-Schüler etwas geringschätzig. Klar, weiß er doch jetzt mal etwas, was sein Lehrer nicht weiß. So etwas baut auf.

Ich hab die Zeitschrift und den Dichter längst vergessen, als mir Wochen später beim Zahnarzt im Wartezimmer ein Exemplar von PARDON in die Hände fallt: Rotes Titelblatt, schwarzer Teufelskopf mit zwei Hörnern und Hut drauf und in krakeliger Schrift das Wort PARDON. Sofort erinnere ich mich an meinen Exschüler und seinen versteckten Vorwurf. Ich blättere die etwas provokante Zeitschrift durch und im Inneren treffe ich auf ihn: C. Bukowski.  

Titel und Inhalt der Story sind mir heute längst entfallen, aber eines weiß ich ganz genau: ab diesem Zeitpunkt änderte sich mein Leseverhalten grundlegend.

Dieser Schriftsteller hieb mich um, Wort für Wort, Satz für Satz! Der konnte schreiben, wie keiner von denen, die ich vorher gelesen hatte. Und das waren nicht wenige – klar, als Lehrer! Ich kannte sie alle, von Ovid bis Shakespeare, von Pearl S. Buck bis Goethe, von Heine bis Nabokow. Auch Hemingway, Miller, Joyce und James Jones hatte ich verschlungen. Damit war ab sofort Schluss. 

Im Laufe der Zeit kaufte ich mir alles, was von diesem wahnsinnigen, frauenfeindlichen, saufenden, grobschlächtigen, brutalen, um sich schlagenden und doch so einfühlsamen und die Frauen liebenden Bukowski in die Buchhandlungen kam. Und als ich alles durch hatte, fing ich wieder von vorne zu lesen an. Manche seiner Bücher habe ich mehr als zehnmal gelesen. Sie sind mir wichtiger als Schiller, die Mathematik und die gesamte Kernphysik. Denn BUK hatte seine Doktorgrade auch nicht in diesen universitären Wissenschaften erworben. Seine stammen aus den Schlachthöfen, den Ausnüchterungszellen und den Bordellen, wie er mehrfach selbst betonte.

Besessen wartete ich auf jede Neuerscheinung von ihm, die ich dann viel zu schnell verschlungen hatte. Begann eines der Bücher durch meine Lesewut zu zerfleddern, kaufte ich es mir unverzüglich nach. So habe ich 20 Jahre lang nichts anderes gelesen als BUK. Was sonst?

Und dann das Unfassbare: gibt der alte Sack doch noch vor mir den Löffel ab! Scheiße, was tue ich jetzt?!  

Immer wieder von vorne lesen, aber das wird mir zu wenig.
Nachdem ich alle Bibliotheken Wiens durch hab, durchforste ich das Internet, werde Mitglied der Charles Bukowski-Gesellschaft und treffe dort auf einen jungen Menschen, der mir erzählt, dass demnächst ein tausendseitiger Band mit alten und unveröffentlichten Texten von Charles rauskommt. Und er wird mir ein Exemplar besorgen, gleich wenn es erschienen ist. 

Es hat sich gelohnt, dass ich ein Leben lang so guten Kontakt zu den Jungs hatte. Ich bin gerettet!

 

© h.schida, 2003

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