Texte von Helmut Schida:

Krankenstand
 

Die Spritze hab ich seit zwei Minuten drin
Ich liege auf der linken Seite
mit dem Gesicht zum Fenster
das von unten bis zur Hälfte
aus einer Milchglasscheibe besteht

"Geht’s dir eh gut?" fragt die Schwester
aus der Ecke

"Ganz prächtig, Baby"
Sie ist eine Freundin von mir
denn einer Fremden hätte ich
meinen Arsch nicht so leicht anvertraut

"Gleich kommt der Doktor
dann geht’s los"

"Ihr könnt das wohl nicht noch rasch
um eine Woche oder so verschieben?"

Sie lacht
während sie sich
einen dünnen Gummihandschuh überzieht
Dann folgt der Griff in die Butterdose
und schon verschwindet ihr fetter Finger
in meinem Hinterteil

"Ich muss dich für den Doktor
geschmeidig machen"
meint sie
während ich die hässlichen Tauben
auf dem Fenstersims der Ordination zähle
Sie gurren ganz fürchterlich
Ab und zu flattert eine aufgeschreckt hoch
Dann wieder hüpft eine auf die andere
und sie ficken
Das wäre für mich jetzt auch besser!

Und während mir meine Schwester
den Schlauch mit dem durchsichtigen
Plastikmundstück mindesten einen
Viertelmeter tief in den Arsch hineintreibt
betritt Doktor Frankenstein die Szene

"Wie fühlen wir uns, Herr Schida?"

Und zur Schwester gedreht

"Haben wir das Valium gespritzt?"

"Ja, Herr Doktor"

"Ich fühl´ mich eigentlich nicht so ganz..."

"Ah, das werden wir gleich haben
Drehen sie sich jetzt auf den Rücken
und ich werde ihnen ein bißchen
Luft in den Darm blasen"

Damit dreht er schon an einer
kleinen Schraube
die mir bis jetzt völlig entgangen war

"Scheiße, nicht so schnell, Doktor!"

"Sagen sie’s, wenn’s weh tut
dann kann ich eine kurze Pause machen"

Er hat vor, mich zu killen
Das steht fest
Oder er will mich zum ersten
schwangeren Mann machen
Derart groß hat er meinen Bauch
schon aufgepumpt.
Dann dreht er wieder an der Schraube
das blubbernde Pumpengeräusch
verstummt
und Doktor Eingeweide
verschwindet hinter einem Vorhang
Von dort aus bedient er das Röntgengerät

Eine schwarze Halbkugel senkt sich
auf meinen Bauch
und drückt ihn leicht ein

Hoffentlich hat der Bursche
die Technik auch richtig im Griff
Von meiner Schwester ist auch
nichts mehr zu sehen
Sie könnte im Notfall
also auch nicht mehr rettend eingreifen

"Atmen, jetzt nicht mehr atmen
weiteratmen, tief einatmen,...."

Man kennt diese Sprüche
ja zur Genüge

So findet er rechts ein
entzündetes Dickdarmstück
und eine Weile später
noch ein paar kleine Ausstülpungen
links unten.

Als mein Bauch nun wirklich fast
schon explodiert
zieht der Doktor endlich das Ding
aus meinem Arsch
und schickt mich
mit einem Packen Zellstoff
zum zwei Schritte entfernten Scheißhaus

Ich fürchte
dass mir der Weg viel zu weit wird
Dann sitze ich auf der Muschel
und höre sie draußen reden
und sie mich drinnen explodieren
Der Zellstoff färbt sich rot und weiß
ansonsten bleibt der Bauch
eine aufgeblähte Kugel

Ich ziehe mich an
gebe dem Doktor die Hand
und einen Krankenschein
und er schreibt mich
noch eine weitere Woche krank
Für die Tortour hätte ich mir
eigentlich 6 Wochen verdient

Den Taxler bereite ich auf der Heimfahrt
auf eventuelle Explosionen
im Fond des Wagens vor

"Wenn ich HALT schreie
fahren sie rechts ran
Aber nur
wenn sie eine Plakatwand
eine Baustelle
oder ein Beisel an der Ecke sehen"

Er versteht mich nicht
Wahrscheinlich ist er Türke oder Bosnier oder gar Serbe
Auch egal

Bis zur Nordbrücke geht alles gut
Ich sitze hochschwanger auf der Lederbank
des alten Mercedes
und versuche vorsichtig
einen fahren zu lassen
Es geht nicht
dabei glaube ich jeden Moment zu platzen

Kurz nach der Brücke klopfe ich
meinem Chauffeur auf die Schulter
werfe 200 Schilling auf den Beifahrersitz
haste auf den Gehsteig
und ins nächste Wirtshaus hinein

Noch bevor ich bei der blonden Kellnerin
mein Krügel bestellen kann
sitze ich auf dem verdreckten WC der Bude
Und dann reichen zwei Rollen Klopapier
nicht aus
um die Bescherung zu verwischen

© h.schida, 2000

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