Neue Texte von Helmut Schida:

Auf dieser Seite finden Sie Leseproben aus meinen zahlreichen Manuskripten und Büchern - Doch Vorsicht, nicht alles hier ist leicht verdaulich!

   
Tornerò

Dem Chef hier habe ich voriges Jahr
ein paar Scheiben mit Italo-Schlagern
zusammengestellt.
MP3 – für die Anlage in der Pizzeria
unten an der Ecke im Einkaufszentrum.
Und heute, Sonntag, gehe ich
auf eine Funghi und ein paar Glas Roten
wieder einmal dorthin.
Natürlich läuft eine von meinen Scheiben.
„Tornerò“ haut mich dann aber fast vom Stuhl,
bevor ich noch sitze.
Und nur eine Frau kennt den Grund dafür: K.!


© Helmut Schida, Wien 2017 - www.schida.at - schida@gmx.at
   
 
   
Sie werden Augen machen

Jetzt rennen sie rasend schnell
meine letzten Jahre -
so schnell, dass ich sie kaum mehr
mit Inhalten zu füllen vermag
fast nichts mehr mitbekomme von ihnen
Und dabei bin ich ziemlich sicher
dass sonst kein Mensch davon etwas merkt
obwohl es ihnen ja allen so gehen müsste
Die sind nicht sensibel genug
oder sie sind einfach nur klüger als ich
Der Magistratsbeamte von nebenan
der nur den Lack seines Autos im Kopf hat
oder vorne die abgehalfterte Nutte
die jede Woche fetter und hässlicher wird
und bei der die Bürschchen alle stehen bleiben
Und erst die jungen Mütter mit ihren
sauberen und dauernd plärrenden Kindern
die vorne bei der Einfahrt zusammenstehen
und Wichtigkeiten austauschen und so tun
als hätten sie alle Zeit der Welt
Die werden noch Augen machen!


© Helmut Schida, Wien  - www.schida.at -  schida@gmx.at
   
 

   
Trump

Er ist praktisch Quereinsteiger -
hat von Politik keine Ahnung.
Er ist reich, sehr reich -
woher das Geld kommt, weiß man nicht so genau.
Er hat die Clinton-Eliten klar besiegt -
und sieht in Frauen Wesen zweiter Klasse.
Er hat sich im Wahlkampf so richtig daneben benommen -
anders kam und kommt man heute nicht hinauf.
Er nähert sich dem bösen Osten an -
erwählt eventuell Putin zu seinem Freund.
Er reißt das Volk auseinander, spaltet es -
gespalten war es aber vor ihm auch schon.
Er wird die Zahl der Kriege reduzieren -
aber keiner hat eine Ahnung, wie das gehen soll.
Er ist der nächste Präsident des letzten Imperiums -
und die Welt wird durch ihn weder besser noch schlechter.
Er wird nicht von uns beurteilt oder gar gerichtet werden -
damit sollen sich Historiker der nächsten Jahrzehnte herumschlagen.


© Autor: Helmut Schida, Wien 2016  - www.schida.at
   
 
   
Champagner

Um 9 Uhr früh kommt ein Jugendfreund Fritz zum Sektfrühstück. Gleich zu Beginn machen wir in meiner kleinen Sauna ein paar lockere Aufgüsse - nie über 80 Grad, das halten meine Augen nicht mehr aus - dann geht’s hinunter in die Küche zu Kaffee, Lachs und Sekt. So haben wir das gern, und so geht das auch bis Mittag weiter. Natürlich bleibt es nicht bei einer Flasche. Kurz nach 12 fährt mein Freund heim, und bald darauf holt mich mein Lieblingsschüler von früher, der Erich mit dem Auto ab. Das mit der Schule liegt jetzt auch schon knapp 40 Jahre zurück.

Wir fahren in mein Lieblingslokal, dessen Besitzer Aleks ich erst im Herbst eine Homepage für den Laden gemacht habe. Erich zaubert eine Flasche Champagner aus dem Kofferraum, die nehmen wir gleich ins Geschäft zu Aleks mit. Bei ihm bestellen wir Kabeljau gebacken, mit Gemüse und Kartoffeln, dazu süffeln wir den Moet. Kurz bevor der Laden dicht macht, huscht Erich noch kurz weg, um gleich darauf mit einer weiteren Flasche Schampus zu erscheinen.

Chef Aleks schließt den Laden, setzt sich mit einem Glas zu uns und hilft uns beim Austrinken. Danach trinken wir weiter, indem wir einen Pikkolo nach dem anderen aus dem Laden den Garaus machen.

Da reißt uns Aleks’ Handy aus unseren philosophischen Gesprächen. Die junge Gattin des Chefs fordert vehement den Abbruch unserer Unterhaltung und wünscht den Ehemann ehebaldigst bei sich zu sehen. Wir trinken aus und verlassen den Laden durch die Hintertür.

Wie ich dann unfallfrei nach Hause gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel.


© Autor: Helmut Schida, Wien 2016  - www.schida.at
   
 
   
Eltern

Vater ist seit knapp 40 Jahren tot
und ich hab ihm damals keine
einzige Träne nachgeweint

Er war ein mieser Tyrann
hat Mutter und mich
stets angeschrieen und verdroschen

Er war hassenswert und Furcht erregend
Mutter hat ihn gefürchtet
ich ihn gehasst

Er war nicht immer so
will mir heute scheinen
der Krieg hat ihn zum Tyrannen gemacht

Er hat mir ein einziges Mal
von dieser Tyrannei erzählt
als er in Russland zum Einsatz kam

Er hat sie schreien hören, die Jungen
um ihn herum, als sie zum ersten
Sturmangriff getrieben wurden

Er hat für mich ihre Schreie nachgemacht:
“Muuuutaaa, Muuutaaa…“ während
das Blut die Gräben tränkte

Er hat auch die zerfetzten Leiber gesehen
hat die Hundemarken von ihren toten Hälsen
gerissen und die eine Hälfte nach Hause geschickt

Er wurde von einem Russen
ins Kreuz geschossen – von Tausenden
überlebt nur einer so etwas

Er hat überlebt – körperlich
seelisch jedoch war er seither tot
ein toter Tyrann, der nicht anders konnte

Sie haben ihm die besten Jahre
seines Lebens genommen
und ihn dann weggeworfen

Heute hasse ich ihn lange nicht mehr
Heute fehlt er mir bei allen wichtigen Dingen
Heute lebt er in mir weiter … oder ich in ihm

---

Mutter ist seit über 20 Jahren tot
und ihr habe ich
viele Tränen nachgeweint

Sie hat mich während des Krieges
einverleibt bekommen
während eines Fronturlaubs

Sie hat mich 1943 unter unvorstellbaren
Umständen geboren
im Bombenhagel in Wien

Sie hat mich in alle möglichen
Luftschutzkeller geschleppt
wenn die Sirenen schrieen

Sie hat einen todkranken und
schwerst verwundeten Kriegsversehrten
von der Front nach Hause bekommen

Sie hat stets mit Unterernährung
zu kämpfen gehabt – immer um die 55 kg
Vater und ich bekamen stets unser Essen

Sie hielt eine winzige, zerbombte Wohnung
sauber und sah zu, dass ich ordentlich
zur Schule ging und dort brav lernte

Sie stand stets als Puffer
zwischen meinem tyrannischen Vater
und mir – sie hat mich oft vor ihm gerettet

Sie verfolgte die Wirren meines Lebens
mit Sorge und viel Glauben im Gebet und war froh
als ich einen Beruf hatte und eine Frau

Sie wurde Witwe und kam in ein Altenheim
ihre Kraft ließ nach und sie brauchte
die letzten beiden Jahre Pflege rund um die Uhr

Sie hat sich immer ein rasches Ende und
eine glückliche Sterbestunde gewünscht
was ihr beides nicht vergönnt war

Heute noch denke ich liebevoll an sie zurück
und bin sicher, dass sie zur rechten Hand Gottes sitzt
denn sie war ein herzensguter Mensch …
… auch sie lebt in mir weiter

© Autor: Helmut Schida, Wien 2014 - www.schida.at

   
 
   

Und singen kann sie!

Schon bevor ich bei Ghirardelli um die Ecke biege
kann ich die raue krächzende Stimme hören
die dir durch die Knochen direkt ins Hirn knallt
und gleich darauf ist sie da die Faust im Magen

Ich komme um die Ecke - da stehen die beiden
sie, eine kleine zarte Farbige - er, alt und grauhaarig
zentimetertiefe Furchen im Gesicht


Den kleinen Verstärker haben sie an die Autobatterie
ihres uralten Chevy geklemmt - die Motorhaube steht offen

Langsam versinkt der Felsen blauviolett im Wasser der Bucht
"Hit The Road Jack" röhrt die Kleine ins Mikro
während der Alte sie auf der Gitarre und einer Mundharmonika
die er mit einem Drahtgestell
um den Hals trägt, begleitet 

Schnell sammeln sich zehn bis fünfzehn Leute um die beiden
ab und zu fällt eine Münze, worauf der Alte jedesmal mit dem Kopf nickt 

Sowas von Gesang hab ich bisher nur auf den alten Platten
von Bessie Smith oder Mahalia Jackson gehört
Sie bringen noch ein paar Lieder rüber dann machen sie eine Pause 

Sie sammelt die Münzen ein, während er aus dem Motorraum
des 68er-Chevy eine Gaslampe mit Glühstrumpf holt und sie anmacht
Er muss etliche Male pumpen und jedes Mal wird das matte Licht
um eine Spur heller
So eine Lampe hab ich zuletzt als Kind kurz nach dem Krieg gesehen 

Jetzt stellt er sie auf den Luftfilter greift sich die Gitarre
klimpert ein wenig darauf herum
während sie von einem Fuß auf den anderen stampft
und sich in die Handflächen haucht
Es weht nämlich sofort bitterkalt von der Bucht herein
wenn einmal die Sonne weg ist

Und urplötzlich legen die beiden mit
"I´ ve Got A Woman" los
Ich erschrecke fast, so rau und hart klingt ihre Stimme jetzt

Ich stelle den Kragen meiner Jacke hoch
und während ich die Steigung zum "Russian Hill-Park" hinaufklettere
höre ich die beiden noch immer und werde ihre Lieder kaum mehr los

© Poemien:  Helmut Schida -   www.schida.at

 

 

Der Tod


Ich wollte überhaupt nichts von ihm wissen -
und er ignorierte mich tatsächlich

Dann lud ich ihn ein, mich doch zu holen -
und er rührte keinen Finger

Jetzt passt mir sein Besuch überhaupt nicht -
und da klopft er doch tatsächlich bei mir an

© Poemien:  Helmut Schida,  Wien  -  schida@gmx.at   -   www.schida.at

 

wird fortgesetzt

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