Neue Texte von Helmut Schida:

Auf dieser Seite finden Sie Leseproben aus meinen zahlreichen Manuskripten - Vorsicht, nicht alles hier ist leicht verdaulich!

   
Alt

Melde mich beim Arzt an
die Füße zeigen stellenweise
Verfärbungen ins Violette
Am Tresen der Ordinationshilfe
ruft mich eine von hinten an
“Was machst du denn da, Helmut?”
Brigitta, eine Kollegin aus vergangenen Tagen
sitzt bei den Wartenden
Sie hat Probleme mit der rechten Hand
in den Beinen einen langen Nagel
und sonst noch so einiges
ist um 10 Jahre jünger - immer noch -
aber beide sind wir jetzt
alt


© Helmut Schida, Wien 2016 - www.schida.at, schida@gmx.at
   
 
   
Aug’ um Aug’

Wenn du mal die Überkopfwegweiser auf der Südosttangente erst aus einer Entfernung von unter fünfzehn Metern entziffern kannst und dabei dein Auto auf der Autobahn auf unter 50 herunterbremsen mußt, dann wird’s langsam Zeit etwas zu unternehmen. Die Fahrer hinter dir glauben nämlich, du bremst ohne Grund, fahren bis auf wenige Zentimeter an dich heran und hupen wie verrückt. Sie haben einfach kein Verständnis für deine Lage. Mistkerle!

Der letzte Besuch beim Augenarzt liegt auch schon fast ein Jahrzehnt zurück, und damals war schon die Rede von einem beginnenden Grauen Star, den man in spätestens 2 Jahren wird operieren müssen. Mit dem Problem trete ich an meinen Hausarzt heran, der mich vorsichtig darauf hinweist, dass alle Augenärzte im Bezirk Wartezeiten von 6 Wochen aufwärts hätten und nur diese könnten mir nach eingehender Untersuchung eine Überweisung in eine entsprechende Klinik ausstellen.

Das sieht nicht gut aus, besonders dann, wenn man schon so wenig sieht wie ich die letzten Monate. Erkenne ich doch Menschen auf der Straße erst wieder, nachdem sie mich gegrüßt haben und längst an mir vorbeigerannt sind. Langsam hält man mich für einen ungehobelten und überheblichen alten Trottel.

Mit viel Glück kann ich die Wartezeit erheblich verkürzen, und sitze noch am nächsten Tag in der Ordination einer profunden Kennerin der Materie gegenüber, bekomme die Augen eingetropft, blicke durch verschiedene Geräte, die an kleine Fernrohre erinnern und bekomme sofort eine Überweisung zu einer Augenchirurgin am Rande der Stadt. Und bei dieser dann nach abermaliger kurzer Inspektion meiner Augen sofort einen Op-Termin.

Eigentlich sind es zwei Termine. Zuerst kommt das schlechtere Auge dran und eine Woche danach das andere. Die hübsche End-Vierzigerin erklärt mir alles, was sie vorhat an mir und meinen Augen zu verändern - und das ist gar nicht wenig -, lässt mich ein paar Papiere unterschreiben und ersucht um rasche OP-Freigabe durch meinen Hausarzt oder einen Internisten. Auch das bringe ich hinter mich, und am nächsten Mittwoch fährt mich eine Kollegin von früher in die Klinik. Selbst darf ich kein Auto mehr fahren, hätte ich doch ohnehin mit dieser Sehleistung nie und nimmer hin gefunden.

Um Punkt 10 Uhr ziehe ich im Spital ein, bekomme ein Bett in Zimmer 114a zugewiesen, dazu ein hinten offenes Nachthemd und Einmal-Socken mit Gumminoppen, um nicht auszurutschen. Und schon heißt es „Ab ins Bett“.

Das nun folgende Prozedere zieht sich und kommt mir sehr lang vor. Nach einer Stunde kommt eine Schwester und legt uns mit einer Pinzette je eine kleine Tablette in das zur OP vorgesehene Auge.

„Jetzt bleibt ihr alle ruhig liegen, schließt die Augen und ja nicht reiben! Die Frau Doktor wird gleich kommen.“

Sie kommt dann auch tatsächlich knapp vor 12, spricht zu jedem ein paar aufmunternde Worte, macht mit einem Filzstift ein Kreuz über dem zu operierenden Auge und verschwindet wieder.

Bald danach wird der “Erste Fall“ mit seinem Bett hinaus geschoben. Aha, es geht also los. Jede OP wir etwa eine halbe Stunde dauern, jetzt wäre es gut zu wissen, wann man selbst an die Reihe kommt. Es sind nämlich 10 Operationen vorgesehen. Im schlimmsten Fall kommt man erst in etwa 5 bis 6 Stunden dran. Natürlich bin ich der „schlimmste Fall“.

Das hat aber auch einen Vorteil. Ich kann mir die Burschen, wenn sie aus dem OP zurück ins Zimmer gerollt werden, genau ansehen. Sie sehen etwas derangiert aus, haben alle ein Auge dick verklebt und bleiben mal eine knappe Stunde reglos in ihrem Bett liegen. Darauf achtet die Schwester besonders streng. Danach dürfen sie sich ankleiden und bekommen eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken. Jeder macht, dass er schnell wegkommt.

Dann bin ich an der Reihe. Der Pfleger, der mein Bett schiebt, erklärt mir, dass ich für heute der letzte Patient bin und möchte wissen, ob ich denn aufgeregt sei. Mannhaft verneine ich, wobei ich versuche das unkontrollierbare Zittern meiner Beine zu unterdrücken. Inzwischen sind wir im Vorraum zum OP angekommen, wo ich vorerst eingeparkt werde. Ich muss von meinem Bett auf ein anderes klettern und mit diesem schiebt man mich endlich in den OP.

Frau Doktor - ich erkenne sie an ihren leuchtenden Augen auch unter ihrer Gesichtsmaske und ihrer blendenden Figur - tritt an mich heran, wir grüßen einander, dann werde ich auch schon komplett mit einer grünen Plane abgedeckt, mein Kopf wird fixiert, meine Arme mit einem Riemen an den Körper gebunden, sodass ich mich kaum mehr rühren kann. Die Beine haben noch etwas Spielraum, aber das hilft sehr wenig.

Ein Ring wird auf mein rechtes Auge gepresst und ein Loch in die Abdeckung geschnitten. Und schon rinnt Flüssigkeit in mein weit aufgespreiztes Auge. Eine grelle Lampe richtet sich direkt in mein fixiertes Auge, das ich nicht mehr bewegen und auch nicht schließen kann.

„Blicken sie starr und ruhig auf einen der drei leuchtenden Punkte über ihnen.“

„Ich kann aber nur zwei helle Punkte erkennen, Frau Doktor.“

„Dann suchen sie sich einen der beiden aus und fixieren sie diesen die ganze Zeit über.“

„OK, ich versuche es.“

„Ich mache jetzt hier außen rechts einen kleine Schnitt und schiebe ein winziges Instrument in ihr Auge.“ Sie erklärt doch tatsächlich jeden Schritt, den sie unternimmt.

„Wir spülen ununterbrochen ihr Auge mit einem Narkotikum, das hält das Auge unempfindlich. Jetzt schiebe ich von rechts ein kleines Instrument in ihr Auge. Sie werden es gleich sehen.“

Tatsächlich wandert eine Spitze von rechts in mein Gesichtsfeld. Nur kommt mir das Instrument keineswegs klein vor. Klar, ist es doch direkt vor der Linse im Auge.

„Jetzt werde ich mit dem Instrument mit einem Schlag ihre Linse zertrümmern.“
Gesagt, getan. Blitzartig zerfällt das grelle Licht und ich sehe eine Vielzahl von gezackten Splittern.

„Und jetzt saugen wir die vielen Splitter aus dem Auge. Sie werden es ein wenig rauschen hören.“

Ich höre es nicht rauschen, aber die vielen Splitter verschwinden langsam nach rechts aus meinem Gesichtsfeld und es wir einheitlich grau. Im Moment bin ich so etwas wie blind.

„Und jetzt schieben wir durch den kleinen Spalt die neue Linse in gefaltetem Zustand in ihr Auge.“

Es wird wieder hell, sehr hell! Viel Flüssigkeit fließt, der helle Fleck in meinem Auge nimmt verschiedene Regenbogenfarben an, besonders gelb ist dominant. Helles Gelb und Gold mit viel hellem Licht. Die helle Linse wird bewegt, bewegt sich, wird verschoben, gedreht, wahrscheinlich in die richtige Position gebracht. Das muss eine sehr heikle und gefühlvolle Arbeit sein, stelle ich mir vor. Und der Vorgang dauert lang, zieht sich in die Länge. Ich werde nervös, kann mich aber kaum bewegen. Darf mich auch nicht bewegen, sonst gefährde ich noch den Erfolg der Operation. Nur meine Zehen kann ich bewegen - und diese ziehe ich auch langsam ein, bis sie fast verkrampfen. Jetzt fühle ich mich äußerst ungut.

„Jetzt verankern wir die Linse an zwei Stellen noch in ihrem Auge, dann sind wir gleich fertig.“

Tatsächlich dauert es auch nicht mehr lange, dann werden die Spülungen eingestellt, die Abdeckung meines Kopfes verschwindet, das rechte Auge wird aus der Umklammerung befreit und sofort fachmännisch zugeklebt.

„Auf Wiedersehen, Herr Schida, morgen in meiner Ordination nehme ich ihnen den Verband ab.“

„Auf Wiedersehen, Frau Doktor.“

Als ich auf mein Zimmer komme, zieht sich mein Vorgänger eben an, bekommt noch Suppe und ein belegtes Brot. Ich selbst darf mich noch nicht rühren - hab auch gar keine Lust dazu. Nach einer halben Stunde taste ich nach meinem Handy, rufe meine nette Kollegin an, die wieder den Schofför spielt und gebe ihr die ungefähre Zeit an, zu der ich beim Ausgang der Klinik auftauchen werde.

Alles klappt wie geplant, und am Ende bin ich mit der netten Schwester allein. Ich darf mir aussuchen, was ich denn vor meinem Abgang essen möchte. So bestelle ich mir guten Kaffee, den ich auch sehr flott serviert bekomme. Es geht auf halb 6 zu, die Schwester hat sicher schon Dienstschluss und möchte ja schließlich auch nach Hause. Wer nicht!

Vorsichtig und einäugig taste ich mich zum Ausgang vor. Draußen wartet schon meine Kollegin mit dem Auto. Sie bringt mich heim, wo ich bald danach ermattet ins Bett falle.

Und nächsten Mittwoch passiert die gleiche Prozedur -
aber mit dem anderen Auge.


Helmut Schida, Wien 2016 - www.schida.at , schida@gmx.at
   
 
   
Tornerò

Dem Chef hier habe ich voriges Jahr
ein paar Scheiben mit Italo-Schlagern
zusammengestellt.
MP3 – für die Anlage in der Pizzeria
unten an der Ecke im Einkaufszentrum.
Und heute, Sonntag, gehe ich
auf eine Funghi und ein paar Glas Roten
wieder einmal dorthin.
Natürlich läuft eine von meinen Scheiben.
„Tornerò“ haut mich dann aber fast vom Stuhl,
bevor ich noch sitze.
Und nur eine Frau kennt den Grund dafür: K.!


© Helmut Schida, Wien 2017 - www.schida.at - schida@gmx.at
   
 
   
Ohne W-Lan

In der U-Bahn, an jeder Straßenecke,
im Park, beim Heurigen, im Kino
oder in der Ordination beim Arzt,
überall nur gebückte Menschen,
die auf ihr Handy starren, auf ihm wischen,
mit flinken Findern tippen, oder Selfies machen.
Und dann erst jene, die das Handy auf einer
kleinen Stange vor sich hertragen!

Waren früher nur Kinder und Jugendliche
von dieser Seuche befallen, so sind inzwischen
die meisten Erwachsenen ebenfalls schwer süchtig.

War man noch vor wenigen Jahren
rastlos auf der Suche nach einem Hotel,
das gegen Aufpreis W-Lan
in einer dunklen Ecke im 2. Stock anbot,
damit man auch im Urlaub mailen, simsen
oder verbilligt via Skype telefonieren konnte,
so schlägt der Trend deutlich ins Gegenteil um.

Heute werden spezielle Urlaube an Orten geboten,
wo es ganz sicher KEIN Internet gibt.
Man ist dort wirklich NICHT rund um die Uhr
via Netz erreichbar - gegen Aufpreis versteht sich.
Und es werden immer mehr,
die sich diese multimediale Ruhe -
also Urlaub ohne W-Lan - ordentlich etwas kosten lassen.

Finden diese Leute vielleicht den Ausschaltknopf
an ihren Geräten nicht mehr?


© Helmut Schida, Wien 2017 - www.schida.at - schida@gmx.at
   
 
   
Sie werden Augen machen

Jetzt rennen sie rasend schnell
meine letzten Jahre -
so schnell, dass ich sie kaum mehr
mit Inhalten zu füllen vermag
fast nichts mehr mitbekomme von ihnen
Und dabei bin ich ziemlich sicher
dass sonst kein Mensch davon etwas merkt
obwohl es ihnen ja allen so gehen müsste
Die sind nicht sensibel genug
oder sie sind einfach nur klüger als ich
Der Magistratsbeamte von nebenan
der nur den Lack seines Autos im Kopf hat
oder vorne die abgehalfterte Nutte
die jede Woche fetter und hässlicher wird
und bei der die Bürschchen alle stehen bleiben
Und erst die jungen Mütter mit ihren
sauberen und dauernd plärrenden Kindern
die vorne bei der Einfahrt zusammenstehen
und Wichtigkeiten austauschen und so tun
als hätten sie alle Zeit der Welt
Die werden noch Augen machen!


© Helmut Schida, Wien  - www.schida.at -  schida@gmx.at
   
 

   
Trump

Er ist praktisch Quereinsteiger -
hat von Politik keine Ahnung.
Er ist reich, sehr reich -
woher das Geld kommt, weiß man nicht so genau.
Er hat die Clinton-Eliten klar besiegt -
und sieht in Frauen Wesen zweiter Klasse.
Er hat sich im Wahlkampf so richtig daneben benommen -
anders kam und kommt man heute nicht hinauf.
Er nähert sich dem bösen Osten an -
erwählt eventuell Putin zu seinem Freund.
Er reißt das Volk auseinander, spaltet es -
gespalten war es aber vor ihm auch schon.
Er wird die Zahl der Kriege reduzieren -
aber keiner hat eine Ahnung, wie das gehen soll.
Er ist der nächste Präsident des letzten Imperiums -
und die Welt wird durch ihn weder besser noch schlechter.
Er wird nicht von uns beurteilt oder gar gerichtet werden -
damit sollen sich Historiker der nächsten Jahrzehnte herumschlagen.


© Autor: Helmut Schida, Wien 2016  - www.schida.at
   
 
   
Champagner

Um 9 Uhr früh kommt ein Jugendfreund Fritz zum Sektfrühstück. Gleich zu Beginn machen wir in meiner kleinen Sauna ein paar lockere Aufgüsse - nie über 80 Grad, das halten meine Augen nicht mehr aus - dann geht’s hinunter in die Küche zu Kaffee, Lachs und Sekt. So haben wir das gern, und so geht das auch bis Mittag weiter. Natürlich bleibt es nicht bei einer Flasche. Kurz nach 12 fährt mein Freund heim, und bald darauf holt mich mein Lieblingsschüler von früher, der Erich mit dem Auto ab. Das mit der Schule liegt jetzt auch schon knapp 40 Jahre zurück.

Wir fahren in mein Lieblingslokal, dessen Besitzer Aleks ich erst im Herbst eine Homepage für den Laden gemacht habe. Erich zaubert eine Flasche Champagner aus dem Kofferraum, die nehmen wir gleich ins Geschäft zu Aleks mit. Bei ihm bestellen wir Kabeljau gebacken, mit Gemüse und Kartoffeln, dazu süffeln wir den Moet. Kurz bevor der Laden dicht macht, huscht Erich noch kurz weg, um gleich darauf mit einer weiteren Flasche Schampus zu erscheinen.

Chef Aleks schließt den Laden, setzt sich mit einem Glas zu uns und hilft uns beim Austrinken. Danach trinken wir weiter, indem wir einen Pikkolo nach dem anderen aus dem Laden den Garaus machen.

Da reißt uns Aleks’ Handy aus unseren philosophischen Gesprächen. Die junge Gattin des Chefs fordert vehement den Abbruch unserer Unterhaltung und wünscht den Ehemann ehebaldigst bei sich zu sehen. Wir trinken aus und verlassen den Laden durch die Hintertür.

Wie ich dann unfallfrei nach Hause gekommen bin, ist mir bis heute ein Rätsel.


© Autor: Helmut Schida, Wien 2016  - www.schida.at
   
 
   
Fluchtplan

Flüchtlinge sind arme Menschen,
mit Bedacht zerbombt,
der Rest vertrieben.
Und keiner erkennt
den teuflischen Plan
dahinter.
So teuflisch, dass er
schon wieder genial ist.
Wir Europäer sind
leider zu blöd, ihn zu begreifen.
Nur soviel:
Europa, besser Eurasien,
gehört vernichtet,
weil sich die USA nicht
von dem Scheißplan
die einzige globale Großmacht
zu werden und zu bleiben
abbringen lässt.
Um nichts in der Welt.
Bis ihr es kapiert,
bis ihr merkt, dass alles
Absicht und längst ganz clever
ausgeklügelt ist,
wird es zu spät sein.
Wetten?!

© Autor: Helmut Schida, Wien 2016 - www.schida.at
   
 
   
Eltern

Vater ist seit knapp 40 Jahren tot
und ich hab ihm damals keine
einzige Träne nachgeweint

Er war ein mieser Tyrann
hat Mutter und mich
stets angeschrieen und verdroschen

Er war hassenswert und Furcht erregend
Mutter hat ihn gefürchtet
ich ihn gehasst

Er war nicht immer so
will mir heute scheinen
der Krieg hat ihn zum Tyrannen gemacht

Er hat mir ein einziges Mal
von dieser Tyrannei erzählt
als er in Russland zum Einsatz kam

Er hat sie schreien hören, die Jungen
um ihn herum, als sie zum ersten
Sturmangriff getrieben wurden

Er hat für mich ihre Schreie nachgemacht:
“Muuuutaaa, Muuutaaa…“ während
das Blut die Gräben tränkte

Er hat auch die zerfetzten Leiber gesehen
hat die Hundemarken von ihren toten Hälsen
gerissen und die eine Hälfte nach Hause geschickt

Er wurde von einem Russen
ins Kreuz geschossen – von Tausenden
überlebt nur einer so etwas

Er hat überlebt – körperlich
seelisch jedoch war er seither tot
ein toter Tyrann, der nicht anders konnte

Sie haben ihm die besten Jahre
seines Lebens genommen
und ihn dann weggeworfen

Heute hasse ich ihn lange nicht mehr
Heute fehlt er mir bei allen wichtigen Dingen
Heute lebt er in mir weiter … oder ich in ihm

---

Mutter ist seit über 20 Jahren tot
und ihr habe ich
viele Tränen nachgeweint

Sie hat mich während des Krieges
einverleibt bekommen
während eines Fronturlaubs

Sie hat mich 1943 unter unvorstellbaren
Umständen geboren
im Bombenhagel in Wien

Sie hat mich in alle möglichen
Luftschutzkeller geschleppt
wenn die Sirenen schrieen

Sie hat einen todkranken und
schwerst verwundeten Kriegsversehrten
von der Front nach Hause bekommen

Sie hat stets mit Unterernährung
zu kämpfen gehabt – immer um die 55 kg
Vater und ich bekamen stets unser Essen

Sie hielt eine winzige, zerbombte Wohnung
sauber und sah zu, dass ich ordentlich
zur Schule ging und dort brav lernte

Sie stand stets als Puffer
zwischen meinem tyrannischen Vater
und mir – sie hat mich oft vor ihm gerettet

Sie verfolgte die Wirren meines Lebens
mit Sorge und viel Glauben im Gebet und war froh
als ich einen Beruf hatte und eine Frau

Sie wurde Witwe und kam in ein Altenheim
ihre Kraft ließ nach und sie brauchte
die letzten beiden Jahre Pflege rund um die Uhr

Sie hat sich immer ein rasches Ende und
eine glückliche Sterbestunde gewünscht
was ihr beides nicht vergönnt war

Heute noch denke ich liebevoll an sie zurück
und bin sicher, dass sie zur rechten Hand Gottes sitzt
denn sie war ein herzensguter Mensch …
… auch sie lebt in mir weiter

© Autor: Helmut Schida, Wien 2014 - www.schida.at

   
 
   
Die Karte, bitte!

Da komm’ ich
doch mitten in Wien
in ein kleines Lokal
in der Annagasse.
Der Ober legt mir
die Karte vor,
nimmt das Krügel Bier auf
während ich die Karte aufschlage.
Am Ende einer jeden Seite
finde ich folgenden Spruch:
„Unsere Mitarbeiter/Innen
informieren Sie alle gerne
über allergene Zutaten
in unseren Speisen!“
Ich geh’, noch bevor das Bier ankommt.


© Autor: Helmut Schida, Wien 2017 - www.schida.at
   

 

Die Autsch-App 

Ihr habt doch alle schon so ein modernes Wisch-Handy.
O.K., dann brauche ich mich nicht mit Details aufzuhalten.
So ein kleiner Hand-Computer,
der dazu auch noch telefonieren kann,
lebt natürlich von den Apps.
Das sind kleine aber mächtige Helferlein,
von denen es bisher schon Millionen gibt,
und ihre Anzahl steigt von Tag zu Tag. 

Auch ich habe mir schon etliche dieser Applikationen
auf mein Mobiltelefon herunter geladen.
Ist schon fantastisch, was diese Dinger mir alles so mitteilen.

Sie zeigen mir das Wetter auf jedem Punkt der Erde an,
melden mir die billigste Tankstelle in der Umgebung -
und das ganz egal, wo ich mich im Moment grad befinde.

Sie haben natürlich ein komplettes Telefonbuch intus
und rufen jeden an, dessen Namen ich vor mich hinsage.
Ich brauche also gar nicht mehr selbst zu wählen.

Und wenn derjenige zwei oder mehr Telefone besitzt,
fragt mich mein Handy, welche der gespeicherten Nummern
es wählen soll. Und es fragt wirklich mit einer echten Stimme,
wobei ich zwischen Frauen- und Männerstimme wählen kann.

Diese Stimme erinnert mich an alle meine Termine,
verschickt auf Zuruf Emails oder SMS,
wobei ich den Wortlaut der Botschaft
gleich direkt ins Handy sprechen kann.
Spreche ich ein Wort undeutlich aus
oder verhasple mich in der Eile,
fragt die freundliche Stimme nach,
was ich denn eigentlich sagen wollte.

Eine andere App weckt mich zu jeder
gewünschten Tages- und Nachtzeit,
und teilt mir auf Wunsch mit,
wie weit ich heute schon gegangen bin
und wie viele Stockwerke ich dabei hochgeklettert bin.
Das ist wichtig für meine Gesundheit und Fitness.

Solche Dinger gibt es natürlich auch für Aktienkurse,
Apotheken, Blutwerte, Hörbücher, Musik, Landkarten,
Navigation im Auto, Flugzeug und für Fußgänger.
Selbst das Auto und die Wohnungsschlüssel
werden auf Anhieb gefunden,
sollte man die Dinger verlegt haben.

Es nimmt daher auch nicht Wunder,
dass kaum ein Mensch mehr auf diese kleinen
aber übermächtigen Helfer verzichten möchte.

Beobachte mal auf Straßen, Plätzen
und in öffentlichen Verkehrsmitteln,
wie viele Leute schon mit dem Handy
bei jeder sich bietenden Gelegenheit innig kommunizieren.
Viele haben sogar kleinste Kopfhörer in den Ohren
und sind so auch akustisch dauernd mit dem Gerät verbunden.
Auf diese Weise können sie nichts mehr versäumen - denkt man.

Nur häufen sich in letzter Zeit ganz typische “Auflaufunfälle”.
Leute, die in den Gassen, in Lokalen und auf Kreuzungen
nur mehr auf ihr Handy und deren Information schauen und hören,
bekommen natürlich kaum mehr etwas von ihrer realen Umgebung mit.
Immer mehr Anrempler und Zusammenstöße unter Fußgängern
sind die Folge. Diese gehen meist noch glimpflich aus.
Böse sind jedoch schon die Folgen, wenn man ins Handy vertieft,
einem Laternenmast oder Ähnlichem in die Quere kommt.
In letzter Zeit häufen sich daher Rettungseinsätze,
die solche Opfer versorgen müssen.

Da hat sofort ein findiger Kopf Abhilfe geschaffen
und eine neue Super-App auf den Markt geworfen,
die “Autsch-App”.
Diese gestattet es seinem Besitzer,
weiter Auge und Ohr am Handy zu behalten
und warnt ihn durch einen lauten Piepston
und einen rot blinkenden Bildschirm,
wenn er im Fußgängergewühl oder auch im einsamen Park
einem baulichen Hindernis gefährlich nahe kommt.

Sanitäter und Notärzte können vorerst mal aufatmen!   

© Autor: Helmut Schida, Wien 2017 - www.schida.at  -  schida@gmx.at

 

 

Und singen kann sie!

Schon bevor ich bei Ghirardelli um die Ecke biege
kann ich die raue krächzende Stimme hören
die dir durch die Knochen direkt ins Hirn knallt
und gleich darauf ist sie da die Faust im Magen

Ich komme um die Ecke - da stehen die beiden
sie, eine kleine zarte Farbige - er, alt und grauhaarig
zentimetertiefe Furchen im Gesicht


Den kleinen Verstärker haben sie an die Autobatterie
ihres uralten Chevy geklemmt - die Motorhaube steht offen

Langsam versinkt der Felsen blauviolett im Wasser der Bucht
"Hit The Road Jack" röhrt die Kleine ins Mikro
während der Alte sie auf der Gitarre und einer Mundharmonika
die er mit einem Drahtgestell
um den Hals trägt, begleitet 

Schnell sammeln sich zehn bis fünfzehn Leute um die beiden
ab und zu fällt eine Münze, worauf der Alte jedesmal mit dem Kopf nickt 

Sowas von Gesang hab ich bisher nur auf den alten Platten
von Bessie Smith oder Mahalia Jackson gehört
Sie bringen noch ein paar Lieder rüber dann machen sie eine Pause 

Sie sammelt die Münzen ein, während er aus dem Motorraum
des 68er-Chevy eine Gaslampe mit Glühstrumpf holt und sie anmacht
Er muss etliche Male pumpen und jedes Mal wird das matte Licht
um eine Spur heller
So eine Lampe hab ich zuletzt als Kind kurz nach dem Krieg gesehen 

Jetzt stellt er sie auf den Luftfilter greift sich die Gitarre
klimpert ein wenig darauf herum
während sie von einem Fuß auf den anderen stampft
und sich in die Handflächen haucht
Es weht nämlich sofort bitterkalt von der Bucht herein
wenn einmal die Sonne weg ist

Und urplötzlich legen die beiden mit
"I´ ve Got A Woman" los
Ich erschrecke fast, so rau und hart klingt ihre Stimme jetzt

Ich stelle den Kragen meiner Jacke hoch
und während ich die Steigung zum "Russian Hill-Park" hinaufklettere
höre ich die beiden noch immer und werde ihre Lieder kaum mehr los

© Poemien:  Helmut Schida -   www.schida.at

 

 

Der Tod


Ich wollte überhaupt nichts von ihm wissen -
und er ignorierte mich tatsächlich

Dann lud ich ihn ein, mich doch zu holen -
und er rührte keinen Finger

Jetzt passt mir sein Besuch überhaupt nicht -
und da klopft er doch tatsächlich bei mir an

© Poemien:  Helmut Schida,  Wien  -  schida@gmx.at   -   www.schida.at

 

wird fortgesetzt

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