Texte von Helmut Schida:

Löwenzahn

Ich hab in letzter Zeit Probleme mit meinen Augen. Sie tränen, Schleier überziehen das rechte der beiden, wo besonders am Morgen auch so gelbes Zeug austritt.

Vielleicht liegt’s an der Brille oder an den 60 Jahren, die ich auf’m Buckel hab. Egal.

Unlängst sitz’ ich in dem Lokal an der Ecke, der Ober im verschwitzen grünen Hemd mit der schwarzen Lederschürze bringt mir das erste Bier und die Karte. Ich blättere zu den Steaks auf der vorletzten Seite, da zieht sich von oben her ein heller Schleier über mein rechtes Auge. Blitzschnell.

Der Schreck fährt mir in die Hose, mein Hirn rast: ist er jetzt da, der Star? Erblinde ich von einem Moment auf den anderen?

Ich reiß mir die Brille runter, dass fast ein Ohr am Bügel hängen bleibt. Und aus dem Zwischenraum zwischen Auge und Brillenglas schwebt er davon: der Samen eines Löwenzahns mit seinen vielen hauchdünnen sternförmig angeordneten Strahlen, in dessen Zentrum eine winzige Spinne sitzen soll. Das hab’ ich zumindest jahrelang meinen Schülern erzählt, wenn in Biologie wieder mal die Rede auf den Löwenzahn kam.

Das T-Bone mit der Pfeffersoße und den Bratkartoffeln schmeckt dann noch ausgezeichnet.
 

© h.schida, 2003

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