Texte von Helmut Schida:

Sie reden zu mir

Zwischen 2h49 und 3h50 habe ich ausgeschlafen zu sein
Hängt nur von der Jahreszeit und von der Helligkeit ab
ob sie zum Frühtermin starten oder nicht:
meine beiden Kater, Tigi, knapp ein Jahr
und Petzi, zweieinhalb Jahre alt.

Der ältere der beiden läuft draußen frei herum
zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Er ist groß, er ist erwachsen, ich kann mich
auf ihn verlassen -
soweit man das von Katzen überhaupt behaupten kann.
Der bullige, rot-weiß gefleckte Bursche
der eher langsam und auch geistig etwas
behäbig wirkt, ist durch und durch gutmütig,
lässt sich gern verwöhnen und wenn er gut drauf ist
von allen Kindern der Umgebung kraulen
und herumschleppen, ohne dass er auch nur
ein einziges Mal zugebissen oder seine Krallen
in fremdes Fleisch geschlagen hätte.

Doch kann er auch flink und sprungfreudig sein,
was man ihm nie zutrauen würde.
Er springt aus dem Stand über einen Erwachsenen
oder rast in Windeseile auf den nächsten Baum
wenn er dort Beute vermutet oder auch nur um
seine Ausgelassenheit und Überlegenheit
demonstrieren zu können.

Er hat in mir seine Bezugsperson gefunden -
er hat sich mich dazu ausgesucht, nicht ich
habe ihn zu meinem Haustier erwählt -
mich akzeptiert er, mich liebt er, in mir
sieht er seinen Ernährer, zu mir kommt er,
wenn es draußen für ihn gefährlich wird.

Er gibt kaum einen Laut von sich, sein
größtes Unbehagen tut er mit einem
leisen Fauchen kund, das fast wie
ein menschlicher Seufzer klingt – mehr nicht.

Der kleine – er ist mein Tiger und
heißt auch so – verfügt hingegen über einen
ungeheuren Wortschatz,
den er auch ununterbrochen
und lautstark einsetzt, um sich bei mir Gehör,
Interesse und ungeteilte Aufmerksamkeit
zu verschaffen.

Das klingt dann wie zaghaftes Rufen,
lautes Wehklagen, mahnendes Erinnern, ja
ganze Dialoge mit verschiedenen Wortfolgen
ringen wir einander gegenseitig ab.
Es mag für einen Außenstehenden eigenartig,
ja vielleicht sogar leicht befremdlich aussehen,
wenn wir zwei mehrmals am Tag unsere
Zwiegespräche abhalten

Und ich bin sicher, er versteht mich dabei sehr gut
wie auch ich natürlich jede seiner Äußerungen
aufmerksam quittiere.
Dabei kann es schon manchmal vorkommen,
dass wir einander ins Wort fallen
oder uns dieses auch abschneiden.
Wichtig bei diesen Gesprächen ist,
dass wir Augenkontakt haben,
denn mehr als die Hälfte seiner miauten
Äußerungen wird erst eindeutig verständlich,
wenn man dabei seine Körperhaltung, die Lage
seines Köpfchens, die Haltung der Ohren und
des Schwanzes mitbekommt.

Ich bin heute in der Lage, fast alle seine Laute
richtig zu deuten und sinngemäß und für ihn
verständlich darauf zu antworten.
Dabei kommt es weniger auf den genauen Wortlaut
umso mehr aber auf die Tonmelodie und meine
Stellung und Haltung der Hände zu ihm an.
Die Gespräche mit ihm stellen für uns beide jeden Tag
die kommunikativen Höhepunkte dar.

Dabei hat alles recht einfach begonnen.
Zuerst war ich erstaunt, dass er recht bald
beim Nennen seines Namens darauf reagierte.

Er hob seinen Kopf und kam – zwar nicht sofort
aber nach geraumer Zeit - auf mich zu.
Später genügte bereits ein Ruf in seine Richtung
und er antwortete mit einem gurrenden Laut
von knapp einer Sekunde, der am Ende höher wurde
Wenn er sich also irgendwo im Raum aufhält
genügt das etwas lautere Aussprechen seines Namens
und er antwortet mit dem erlernten Ton.

Das ging nicht aufs erste Mal, das musste gehörig
trainiert werden und machte uns beiden Spaß!
Klappte es, wusste ich ihn sofort mit einer Geste
oder einem ihm angenehmen Körperkontakt zu belohnen.

Auch er kann jederzeit zu mir Kontakt aufnehmen.
Dabei stößt er einen ganz bestimmten Laut aus,

bei dem ich weiß, er sucht mich oder
zumindest meine Aufmerksamkeit.
Natürlich gebe ich mit einem  etwas in die Länge
gezogenes „Jaa“, das ebenfalls am Ende mit der
Melodie hinaufgeht, Antwort.
Treffe ich den richtigen Ton, den richtigen Klang,
entspinnt sich sofort ein längeres Gespräch,
in dessen Verlauf er sich mir nähert und meine
Hand oder meine Beine sucht.

Meist halte ich ihm schon meine Hand
in seiner Kopfhöhe entgegen, die er auch prompt
ansteuert, um sich von ihr streicheln
oder kraulen zu lassen.
Eine Zeitlang geht unser Gespräch dann noch so weiter
und es ist ein untrügliches Zeichen für mich,
dass er sich rundherum wohl fühlt,
wenn er sich langsam zur Seite fallen lässt,
und den Kopf in die Höhe reckt,
um sich am Hals streicheln zu lassen.

Und immer mehr gewinnt der Satz für mich an Bedeutung:
Seit ich die Menschen kenne, habe ich die Tiere lieben gelernt.

 

© h.schida, 2003

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