Biometrie parlamentarisch

Immer wieder schleicht sich verkommenes Gesindel
in die heiligen Hallen des Parlaments ein.
Dann stören diese Unmenschen auch noch mit
Plakaten, Farbe und deftigen Zwischenrufen
die eine oder andere wichtige Sitzung der Abgeordneten.

Diesem Zustand wird nun unter dem neuen Hausherrn
endlich ein Riegel vorgeschoben.
Neue, elektronische Torschleusen
werden ins Allerheiligste eingebaut.
Sie funktionieren mittels biometrischer Daten,
die in Form eines Bildes von jedem Mitglied
des Hohen Hauses im System abgespeichert sind.
Eine winzige Kamera an der Tür
fotografiert jeden Ankommenden,
vergleicht das momentane Bild
mit dem in der Datenbank abgespeicherten
und gibt bei Übereinstimmung die Tür frei.
Wollen Hinz oder Kunz zur Tür rein,
werden diese als unbekannt erkannt
und die Tür bleibt verriegelt.

Die Idee ist gut, die Praxis sieht jedoch ganz anders aus.
Gestern wollte unser Kanzler wie immer eintreten,
doch die Tür verweigerte ihm den Zutritt.
Immer wieder grinste er in die Linse – vergebens.
Eine junge Abgeordnete wurde gerufen.
Sie hielt die Nase der Linse entgegen
und flugs sprang das Türl auf.
Danach wieder der Kanzler – keine Reaktion im Schloss.

Nun kam es langsam an den Tag:
Vielen Angeordneten ist es schon mehrmals
ähnlich ergangen, und zwar an Tagen,
wo sie die Nacht vorher durchgezecht
oder durchgearbeitet hatten.
Hervorgerufen durch die Müdigkeit
müssen ein paar Gesichtszüge entgleist sein
und das System schaltete auf stur.
Auch ein Abgeordneter mit Brille
wusste plötzlich zu berichten:
“Auch ich habe im Winter
mit beschlagener Brille keine Chance.“

Dabei war das „Sesam öffne dich“ nicht ganz billig –
von ein paar hunderttausend Euro ist die Rede.
Nun wandte man sich an die Herstellerfirma.
Die versprach zwar den Schaden
ohne Mehrkosten zu beheben,
indem der Software auf die Sprünge
geholfen werden soll – angeblich eine Lappalie.

Inzwischen kann man beim Kameraauge
noch immer putzige Szenen beobachten:
Hier versuchen sich Volksvertreter
an ihr Gesicht zu erinnern,
das sie vor Monaten
beim Fotografieren gemacht haben.
Es werden Brillen geputzt, Haare geglättet,
Lippen befeuchtet, Augen aufgerissen,
Lächeln wird durch ernstes Schauen verdrängt.
Ich hab auch schon einen beobachtet,
der nach mehreren Fehlversuchen
dem Ding einfach die Zunge rausgestreckt hat.

Wenn das kein gelungener Schildbürgerstreich ist!

 

© Helmut Schida, Wien - E-Mail: helmut.schida@chello.at

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