DDDDr. Jo

Ich begegnete Johannes zum ersten Mal während eines Urlaubs auf einer kleinen, kahlen, von braunem Sand bedeckten Insel auf der jugoslawischen Seite der Adria. Er war damals schon ein alter, hagerer Mann, dessen schelmischer Jungenblick von der faltigen Haut und den an den dürren Knochen flatternden Muskeln ablenkte. Hätte ich auch sein Enkel sein können, so erkannte ich dennoch sofort das überragende Charisma des Alten, das aus seinen Augen sprühte und das sich einem durch jede seiner Bewegungen beinahe körperlich mitteilte.

Und schon bei unserer zweiten Begegnung durfte ich ihn "Jo" nennen, obwohl er laut Visitenkarte Johannes G. hieß und vor seinem Namen viermal das "Dr." stehen hatte: je eines für Mathematik, Physik, Astronautik und noch ein Fach, das man an unseren Universitäten vergeblich sucht: die Lehre vom richtigen Sterben.

Die glühend heiße und trinkwasserlose Insel war damals touristisch überhaupt noch nicht erschlossen. Das einzige Hotel der Insel lag etwa 200 Meter vom Bootssteg entfernt und überragte die kahle Umgebung, deren einzige Vegetation aus kränklichen Kakteen bestand, um drei Stockwerke. Ein rötlich-staubiger Weg ging gerade auf den Eingang zu, der aus einem offenen Metallrahmen ohne Tür bestand. Die Gänge und die Zimmer präsentierten sich in nüchternem Weiß, dass ich am liebsten gleich umgedreht und wieder heimgefahren wäre. Doch das Schiff hatte längst vom Steg abgelegt und das nächste kam erst in einer Woche.

Wenigstens eine eigene Sonnenterrasse besaß das Hotel. Sie hatten das Flachdach der Bude kurzerhand mit einem Drahtzaun abgesichert, damit keiner von den Gästen die drei Stockwerke in die meterhohen Kakteen abstürzen konnte.

Und auf eben dieser Terrasse treffe ich Jo das erste Mal. Kein Gramm Fett zuviel, grauer, tadellos getrimmter Vollbart, den er von Zeit zu Zeit zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand massiert, schwarze Badehose auf käsiger Haut, an der an manchen Stellen die Adern fingerdick und leicht violett hervortreten.

So versucht er gerade ein paar Urlaubern in Badehose und Badeanzug die richtige Art des Atmens beizubringen. Im ersten Moment erscheint er voll konzentriert.

Ich stehe noch im Aufgang zum Flachdach im Schatten, während die kleine Gruppe in der prallen Sonne übt.

"Jetzt mal die Luft langsam rauslassen und dabei die Sekunden zählen. Bis zwölf! Bei zwölf die Luft bis sieben anhalten und in die Hocke gehen! Und achtet mir ja auf ein schönes Hohlkreuz!"

Dabei springt Jo von einem Kursteilnehmer zum anderen, zieht die prallen Waden der Lady in rot auseinander, richtet die Schultern des schwarzen Einteilers parallel zum Horizont, tadelt den einen grauhaarigen Fettwanst, lobt die Rothaarige mit der drallen Oberweite, ohne einen seiner übrigen Schützlinge dabei aus den Augen zu lassen.

Besonders ausführlich befasst er sich mit einer langbeinigen Platinblonden, greift ihr beim Einatmen gekonnt von hinten unter die Arme und hält sie millimetergenau unter ihren Brüsten fest, während er ihr sein angewinkeltes linkes Knie anschmiegsam ins Gesäß drückt.

Am Abend sehe ich ihn dann zufällig am Strand liegen. In seinen Armen die blonde Langbeinige, die trotz heute erlernter Atemtechnik kaum noch Luft bekommt und deren Arme schlaff neben ihren phantastisch geschwungenen Kurven im weichen Sand liegen. Aber die beiden sind alles andere als tot!

Als ich ihn am nächsten Morgen vorsichtig nach seiner blonden Eroberung frage, blickt er mir mitten ins Gesicht und lacht: "Sie bumst viel besser als sie turnt." Dabei schlägt mir der vierfache Doktor auf die Schulter und lacht minutenlang bevor er mir rät: "Nun mach doch schon den Mund zu!"

Damals entsteht eine Freundschaft, die uns alle paar Jahre an den verschiedensten Plätzen unserer Erde zusammenführt und gut zwei Jahrzehnte andauert. Und wir hätten es heute noch lustig mitsammen, wäre da nicht diese unheimlich tückische Krankheit gewesen ...


 

© Helmut Schida, Wien - E-Mail: helmut.schida@chello.at

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