Ersatzbus

Ich seh’s am Armaturenbrett: das reinste Feuerwerk. Der Bus macht’s nicht mehr lang. Und mir im Nacken sitzen dreißig fröhliche Rentner, meist alte, klapprige Omas, die alle gratis in Graz essen und trinken wollten und danach fast eine jede ein Kopfkissen aufgeschwatzt bekommen hat. Auch zwei uralte Männer habe ich an Bord, sie gehen in der Masse der Damen jedoch völlig unter.

Da steigt dichter, schwarzer Qualm aus dem Motorraum, während ich mich krampfhaft auf die Suche nach einer Abstellmöglichkeit für mein Gefährt mache. Vorne ist eine Baustelle in Sicht. Ich fahre auf den verbotenen Streifen, durchbreche eine provisorische Absperrung und lasse den Bus unter einer halbfertigen Brücke ausrollen.

Ich ziehe die Bremse an, das Geschnatter im Bus verstummt schlagartig und ich schnapp’ mir das Mikro:

“Meine Herrschaften, wir sind noch nicht am Ziel. Bleiben sie auf ihren Plätzen, ich muss nur mal nach dem Motor schauen.“

Fragen schwirren durch den Bus, während ich schon draußen die Haube öffne und mich hinter dem Deckel – für meine Fracht unsichtbar – verschanze. Mit dem Handy bekomme ich den Boss zu sprechen:

“Chef, die Mühle ist hinüber. Sie müssen den Kurt mit dem Ersatzbus schicken.“

“Bist du verrückt? Der ist doch für das Kinderschwimmen unterwegs. Wo stehst du denn überhaupt? Und was fehlt der Kiste eigentlich?“

Ich schildere ihm die Situation in knappen Worten und er verspricht, einen Bus zu schicken.

“Kann aber dauern“, schreit er ins Telefon, dann ist die Verbindung unterbrochen.

“Herr Schofför, was ist denn los? Warum halten wir auf freier Strecke? Wann geht es endlich weiter? Können wir die Pause nicht zum Aussteigen nützen? Ein paar von uns müssen nämlich ‚für kleine Mädchen’.“

Die im grünen Mantel mit dem zerknautschten braunen Hut ist mir schon beim Einsteigen aufgefallen. Eine echte Rädelsführerin ist das.

“Da vorne sehe ich nämlich eine Baustelle und ein aufgestelltes Klo-Hütterl. Das wäre direkt ideal für uns.“

“Wie viele müssen den unbedingt auf den Topf?“

Ein Dutzend Hände geht zögernd in die Höh’. Ich lasse die erste Vierergruppe raus.

“Was geschieht jetzt mit uns, nachdem der Bus offenbar nicht mehr fähig ist Fahrt aufzunehmen?“ meint einer der beiden männlichen Klugscheißer. Muss wohl mal Techniker gewesen sein, bei der messerscharfen Kombinationsgabe. 

„Der Motor ist stark überhitzt und schafft es tatsächlich nicht mehr weiter, aber ein Ersatzbus aus Wien ist unterwegs und wird uns hier bald abholen.“ Genauer leg ich mich nicht fest.  

Dann marschiert die zweite Vierergruppe los.

“Der unfreundliche Arbeiter hätte uns fast nicht mehr aufs Klo gelassen“, feixt eine von den zurückkommenden Alten.

Ich schicke das nächste Quartett los. Alle zappeln sie auf das Klo zu; die schnellste Oma verschwindet sofort in dem Blechkasten.

Da sehe ich, wie sich ein Schatten aus dem Abstellplatz löst und von hinten auf das Klo zufährt. Es ist ein Gabelstapler. Der Mann beherrscht sein Gefährt. Blitzschnell schiebt er die Gabel unter das Mobil-Klo, hebt es samt seinen Inhalt ein paar Meter hoch und gibt Gas. Aus dem Klo dringen gellende Hilferufe. Der Oma scheint es gar nicht gut zu gehen.

Erst nach etwa 200 Metern stellt der Stapler das Häuschen wieder auf den Boden und fährt davon.

Zaghaft öffnet sich die Tür. Den Rock bei den Knöcheln und in Unterhosen wankt die Oma heraus. Ihren Hut hat sie nicht mehr auf dem Kopf. Inzwischen sind die anderen drei bei uns angelangt.

“Sie haben die Angela samt dem Klo entführt!“

“Stimmt nicht, meine Damen. Angela kommt gleich wieder. Sie hat nur einen kleinen zusätzliche Ausflug unternommen.“

Angela hat inzwischen ihre Kleidung halbwegs in Ordnung gebracht und hastet über Stock und Stein in Richtung Bus. Nie und nimmer hätte ich der rüstigen Achtzigerin dieses Tempo zugetraut. Etwas außer Atem kommt sie bei uns an.

“So eine Frechheit! Hat der nicht gesehen, dass da noch jemand drinnen ist?“

Hat er sicher. Nur wollte er sich sein privates Baustellen-Klo nicht von einer ganzen Reisegruppe zuscheißen lassen.

Schon eigenartig, dass die restlichen eineinhalb Stunden bis zur Ankunft des Ersatzbusses niemand mehr aufs Klo musste!

© Helmut Schida, Wien - E-Mail: helmut.schida@chello.at

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