Mutter

Sie ist seit über 10 Jahren tot
und ihr habe ich
viele Tränen nachgeweint

Sie hat mich während des Krieges
einverleibt bekommen
während eines Fronturlaubs

Sie hat mich 1943 unter unvorstellbaren
Umständen geboren
im Bombenhagel in Wien

Sie hat mich in alle möglichen
Luftschutzkeller geschleppt
wenn die Sirenen schrieen

Sie hat einen todkranken und
schwerst verwundeten Kriegsversehrten
von der Front nach Hause bekommen

Sie hat stets mit Unterernährung
zu kämpfen gehabt – immer um die 55 kg
Vater und ich bekamen stets unser Essen

Sie hielt eine winzige, zerbombte Wohnung
sauber und sah zu, dass ich ordentlich
zur Schule ging und dort brav lernte

Sie stand stets als Puffer
zwischen meinem tyrannischen Vater
und mir – sie hat mich oft vor ihm gerettet

Sie verfolgte die Wirren meines Lebens
mit Sorge und viel Glauben im Gebet und war froh
als ich einen Beruf hatte und eine Frau

Sie wurde Witwe und kam in ein Altenheim
ihre Kraft ließ nach und sie brauchte
die letzten beiden Jahre Pflege rund um die Uhr

Sie hat sich immer ein rasches Ende und
eine glückliche Sterbestunde gewünscht
was ihr beides nicht vergönnt war

Heute noch denke ich liebevoll an sie zurück
und bin sicher, dass sie zur rechten Hand Gottes sitzt
denn sie war ein herzensguter Mensch …
… auch sie lebt in mir weiter


 

© Helmut Schida, Wien - E-Mail: helmut.schida@chello.at

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