Diesmal dauerte
der Winter besonders lang - bis weit über meinen Geburtstag Ende Februar
hinaus - ich bekam meine ersten Wollhandschuhe mit einzelnen Fingern,
und ich erinnere mich ganz genau: jeder Finger war andersfärbig
gestrickt. Das war eine Modesensation. Ich weiß aber nicht mehr, ob
meine Mutter sie selbst gestrickt hatte, oder ob sie gekauft waren. Auf
jeden Fall war ich begeistert und trug meine Handschuhe bis weit in den
Frühling hinein, wo die anderen Kinder im Park schon mit kurzärmligen
Hemden umherliefen.
Und im Herbst musste ich erstmals in die Schule, von der ich mein
restliches Leben nicht mehr loskommen sollte. Hätte ich damals die
Tragweite dieser Institution für mein weiteres Leben erkannt und eine
echte Wahl gehabt, ich hätte mir sicher das Leben genommen.
So marschierte ich im September dürftig und armseligst bekleidet an der
Hand meiner Mutter vorbei an Bombentrichtern und abbruchreifen
Althäusern "meiner" Volksschule entgegen. Es war die Volksschule in der
Einsiedlergasse, ziemlich weit oben über der Herz-Jesu-Pfarrkirche, die
ich von den Sonntagsmessen ja schon ganz gut kannte.
Ich bekam einen jungen Lehrer mit Brille und saß nun täglich mit
fünfunddreißig anderen Buben in dem ersten von unzähligen
Klassenzimmern, die ich in meinem Leben noch betreten sollte. Zu Beginn
hatten wir nie lange Unterricht, und meine Mutter holte mich regelmäßig
von der Schule ab und marschierte dann die zwanzig Minuten mit mir nach
Hause. Im Winter wurden nur mehr sehr wenige Buben von ihren Müttern
abgeholt, bis meine Mutter dann eines Tages die einzige war, die um
zwölf vor dem Schulhaus stand. Mein Gott, hab ich mich was geniert!
Zum Glück musste ich dann mit Scharlach für sechs oder acht Wochen ins
Spital. Von der Schule sah ich so nichts mehr, und auch meine Mutter
brauchte ich mir nur mehr maximal eine Stunde täglich durch eine
Glasscheibe betrachten. Ich lag in Quarantäne oder so. Auf jeden Fall
war ich ganz schön isoliert. Scharlach war damals noch eine ziemlich
gefährliche Sache. Ich weiß nur, dass ich, als ich das Spital endlich
verlassen durfte, sofort zum Augenarzt musste. Und der verpasste mir
eine komplizierte Brille, weil meine Augen durch die Krankheit irgendwie
verschieden gelitten hätten. Seitdem ging ich eben mit einer Brille
durch die Welt und durch die Schulen.
Das mit dem Abholen konnte ich meiner Mutter dann gottlob ausreden,
dennoch soll sie mir - wie sie mir später gestand - noch ein halbes Jahr
lang in einer Parallelgasse heimlich gefolgt sein und jede meiner
Bewegungen in C.I.A.-Manier überwacht haben.
Ich war kein schlechter Schüler. Hätte ich mir bei dem Vater auch nicht
leisten können. Zückte er doch schon bei einem Zweier regelmäßig seinen
Riemen und bearbeitete mit ihm meinen verlängerten Rücken. Dazu sperrte
er sich und mich im Kabinett ein, öffnete den Kleiderkasten und zog den
Lederriemen von einer Schnur an der Innenseite der Kastentüre, über der
auch seine fünf Krawatten hingen. Einmal im Monat war ich so seinen
Aggressionen voll ausgeliefert. Ich nehme an, es hatte damit zu tun,
dass meine Mutter immer weniger von ihm und von Sex überhaupt wissen
wollte.
Und die Tür versperrte er nur, dass ihm Mutter nicht in die Quere kommen
konnte. Sie vertrug nämlich das Niedersausen des Riemens, sein
Aufklatschen auf meinem nackten Hinterteil, meine Schreie und das
anschließende Wimmern recht schlecht.
Daher lernte ich lieber, als ihr und mir diesen Jammer anzutun. Doch
nicht immer ging es gleich gut. Ich erinnere mich an eine ganz markante
Begebenheit. Mein Lehrer war ein ziemlich gerechter Typ. Ich hatte
dreimal hintereinander meine Turnhose vergessen. Es regnete Strafseiten,
eine Mitteilung an die Eltern, die ich in weiser Voraussicht von meiner
Mutter unterschreiben ließ und schließlich im Halbjahrszeugnis wegen
noch einiger winziger Ungereimtheiten einen "Betragen-Zweier".
Für meinen Vater brach eine Welt zusammen. Er hatte offenbar einen
Verbrecher großgezogen und war einem Herzinfarkt nahe wie noch nie
zuvor. Ostfront, Verwundung und anschließende Gefangenschaft in Kiew
hatte er leichter verkraftet als diese Schande: Sein Sohn und einen
Zweier in Betragen.
Der Riemen war nach dieser Züchtigung nicht mehr zu gebrauchen; die
Schließe war in hohem Bogen davongeflogen. Zuvor hatte sie aber noch
deutliche Narben auf meinem Kreuz hinterlassen.
Und am nächsten Schultag packte mein Vater mein Zeugnis und mich und
marschierte schnurstracks in die Kanzlei meiner Volksschule. Der
verdatterte Direktor musste meinen Klassenlehrer in die Kanzlei rufen,
und dann hielt mein Vater den beiden Pädagogen vor mir eine Standpauke,
die sich gewaschen hatte. Er bekam dabei wieder so blaue Lippen, und als
sich seine Stimme bereits mehrmals überschlagen hatte, zerriss er mein
Zeugnis und warf die Papierschnitzel durch die Kanzlei in alle Himmelsrichtungen.
"Und morgen sehe ich ein Zeugnis mit einer Eins in Betragen, meine
Herren!" Mit diesen Worten stürzte er aus der Kanzlei und ward von da an
nie mehr in dieser Schule gesehen. Und nächsten Tag bekam ich ein neues
Zeugnis, das seinen Vorstellungen schon eher entsprach.
An dieser Stelle möchte ich bei meinem alten Lehrer und seinem
ehemaligen Direktor posthum Abbitte leisten. Sie sind sicher längst
unter der Erde, denn in diesem Beruf kann man nicht so alt werden.
Andrerseits mussten sie meinen Vater nur zehn Minuten ertragen, ich
hatte ihn fast fünfundzwanzig Jahre am Hals, auch dann noch, als ich
selbst schon praktizierender Lehrer war...
... Doch bis
dahin dauerte es noch Jahre. Jahre der Ausbildung, Jahres des Lernens,
Jahre der Erfahrung - der unterschiedlichsten!
An eine
Begebenheit im Lateinunterricht erinnere ich mich noch heute. Der
Professor pflegte jeweils am Stundenbeginn Vokabeln zu prüfen, und zwar
so, dass er durch die Bankreihen ging, ein lateinisches Wort
hervorzischte und mit seinem Zeigefinger auf einen von uns zeigte.
Innerhalb einer einzigen Sekunde musste der Kandidat die Übersetzung
herausbrüllen oder aufstehen. Am Ende der Leidenstour bekamen alle Stehenden einen Fünfer in den
Katalog und eine Mitteilung an die Eltern eingetragen.
Einmal schaffte er mit einem einzigen lateinischen Wort vierzehn
Stehende. Ich weiß heute noch, dass das Wort "nuper" hieß, und dass
"nuper" zu deutsch "neulich" heißt. Und wenn ich jetzt
im Urlaub an Kirchen oder
Denkmälern mit lateinischen Inschriften vorbeikomme - egal ob im Inland
oder auswärts - dann lese ich das Zeug runter, wie wenn es meine
Muttersprache wäre.
In der vorletzten Klasse hatte ich wieder einmal nicht genug für eine
Schularbeit bei ihm gelernt. Es kam eine Tacitus-Stelle, die ich nie
allein geschafft hätte. Mein Nachbar spielte sich mit den Versen und war
um halb mit der Geschichte fertig. Ich flehte ihn um Hilfe an, und
versprach, ihm dafür in Mathe zu helfen. Und er ließ mich tatsächlich
abschreiben.
Als wir die Schularbeit zurück bekamen, prangte ein roter Fünfer mit 3
Rufzeichen unter
meiner Übersetzung, während mein Nachbar ein Gut hatte. Dann las ich das
Kleingedruckte:
"Nicht genügend. Abschreiben will gelernt sein! Siehe Heft Kogler!"
Kogler war mein Sitznachbar, und bei ihm stand unter der Arbeit ein Genügend
zu lesen und der Text: "Eigentlich eine gute Arbeit. Doch haben Sie das nötig,
abschreiben zu lassen, Herr Kogler? Siehe Heft
Schida!"
Mein Nachbar war sauer wie nur was.
"Du blöde Sau, du! Kannst nicht einmal ordentlich abschreiben. Kopierst
meine Arbeit eins zu eins samt den Fehlern. Du hast sie wohl nicht mehr
alle!"
Danach hatte ich in Latein Schwierigkeiten bis zur Matura.
Im nächsten
Schuljahr hatten
wir in der LBA plötzlich neue Fächer mit neuen Lehrern. Pädagogik und
Didaktik kamen hinzu, ebenso Geschichte der Pädagogik und
Schulpraktische Übungen. In Pädagogik bekamen wir einen interessanten
Mann: Prof. Dr. Helmut Zilk. Wir waren ob seiner saloppen und amikalen
Art sofort von ihm angetan.
Der spätere Bürgermeister von Wien war für uns der Prototyp einer neuen
Lehrergeneration. Alle waren von ihm begeistert, wie auch später die
überwiegende Mehrheit der Wiener. Er scherte sich einen Dreck um
konventionelle Unterrichtsmethoden, saß locker auf einer der ersten
Tischreihen, plauderte mit uns über unsere privaten Sorgen und Probleme und erledigte
zwischendurch seinen Unterricht. Er hat auch meine Lehrerpersönlichkeit
stark geprägt. Nebenbei entwickelte er sich mit den Stadtgesprächen zum
Fernsehstar und zeigte uns, wie die Welt wirklich war. Von ihm konnte
man in der Tat was lernen.
Am Ende des vierten Jahrganges, wir waren inzwischen alle so um die
achtzehn, unternahmen wir eine Bildungswoche. Sie führte uns in die
Steiermark, und wir wohnten in einem ehemaligen Jagdschloss. Eine andere
Klasse war auch noch dabei. Und drei Professoren: unser Klassenvorstand,
der damals schon an Parkinson litt, Zilk und unser Turnprofessor. Ich
hatte inzwischen meine Aversion gegen körperliche Betätigung abgelegt.
Die Zimmer wurden verteilt und die Tischeinteilung für den Speisesaal
getroffen. Mich traf fast der Schlag. Ich musste mit Vogel am Tisch der
Professoren sitzen. Da konnte einem schon der Appetit vergehen. Beim
ersten Mittagessen gab es Augsburger mit Röstkartoffeln.
Umständlich wurde das Essen verteilt. Jeder schaute, wann er welchen
Besteckteil in die Hand nehmen durfte, und ob die Professoren auch alle
schon aßen. Es war nicht lustig. Trotzdem hoffte ich, alles den
mitteleuropäischen Tischsitten entsprechend getan zu haben. Dann langte
auch ich zu, nahm mir eine mehrfach eingeschnittene und geröstete Wurst,
dazu ein paar Erdäpfel, und begann die Wurst in kleine, mundgerechte
Würfel zu zerschneiden. Als das geschehen war, begann ich zu essen.
Dabei fielen mir die missbilligenden Blicke meiner Lehrer wohl auf. Aber
ich wusste nicht, was ich falsch gemacht haben konnte.
Am Abend saß ich bereits an einem Sechsertisch bei meinen Kollegen. Ich
hätte wohl doch nicht die ganze Wurst auf einmal aufschneiden sollen!
Aber das
Wetter war schön und die Luft viel besser als in Wien. Sollten mich doch
die mit ihren Aufschneideregeln am Arsch lecken!
Für die großen Ferien wurde uns nahe gelegt, einen fachspezifischen Job
anzunehmen. Wir wollten Lehrer werden. Und was machen Lehrer so während
der Ferien? Also heuerten einige von uns in Kinderdörfern an, andere
trampten mit den Roten Falken, während ich mit meinem Handarbeitslehrer
auf ein Sommerlager fuhr.
Ich sollte dort einen Monat lang Erzieher spielen, mit Acht- bis
Vierzehnjährigen wandern, spielen und den Heimatgedanken in ihnen wecken
und - wenn möglich - vertiefen.
Gleich nach Schulschluss, ich hatte den vierten Jahrgang bis auf Latein ganz gut
abgeschlossen, ging es los.
Mit rund vierzig Kinder trafen wir uns am Südbahnhof. Wir, das waren der
Handarbeitsprofessor, Peter, Josef und ich. Peter war ein Mitschüler aus
meinem Jahrgang, Josef war fremd für mich. Dafür kannte Peter ihn. Alle
drei waren wir so um die achtzehn oder knapp davor.
Der Professor erledigte die Formalitäten mit den Eltern und der Bahn,
zählte die Kindleins ab, und wir verfrachteten sie dann in die
reservierten Abteile. Es waren hauptsächlich arme Teufel, die meisten
von ihnen hatten noch nie einen Zug gesehen, kaum einer war damit schon
einmal gefahren. Nicht zu vergessen: Es war Juli 1961.
Der Zug verließ zischend und dampfend den Bahnhof, die Kinder saßen
gespannt und fröhlich in ihren Abteilen, während der Professor und wir
drei Erzieher - den Titel hatten wir nun einen Monat lang inne -
zusammen saßen und die Einteilung für nächsten Tage besprachen.
Für unseren Handarbeitsprofessor bedeutete so ein Ferienlager einen
schönen Nebenverdienst. Sicher hatte er es nötig, sonst hätte er es
nicht freiwillig veranstaltet. Und wir mussten nach den Ferien einen
einschlägigen Job nachweisen. Gleichzeitig erhofften wir uns eine
bessere Handarbeitsnote fürs Maturazeugnis.
Die Kinder waren brav und dankbar, so was kann man sich heute überhaupt
nicht mehr vorstellen. Heute wird ein Gang durchs Schulhaus mit einer
Klasse für den verantwortlichen Lehrer ein echtes Wagnis, eine Fahrt mit
öffentlichen Verkehrsmitteln kommt einem Selbstmordversuch mit
ungeeigneten Mitteln gleich.
Wir fuhren einen halben Tag mit der Bahn, dann stiegen wir in Lienz aus.
Ein Bus wartete auf uns, und nach einer weiteren halben Stunde hatten
wir unseren Bestimmungsort, den einsam in den Bergen gelegenen
"Kieferhof" erreicht.
Ich war noch nicht viel herumgekommen, und es verschlug selbst mir
inmitten dieser herrlichen Bergwelt erst einmal gehörig den Atem. Die
Lienzer Dolomiten lagen zum Greifen nahe im rötlichen Seitenlicht vor
uns. Und von fast allen Zimmern aus konnte man sie nun ununterbrochen
bewundern. Zu jeder Tages- und Nachtzeit erstrahlten sie in einer
anderen Farbe und waren in mehr oder weniger weichen Dunst gehüllt.
Vorerst hatten wir drei Erzieher kaum Zeit für solche Betrachtungen. Die
Kinder mussten in ihre Zimmer verfrachtet werden. Wir halfen ihnen beim
Auspacken ihrer dürftigen Habseligkeiten, die aus ein wenig Wäsche,
einem zweiten Paar Schuhe und meist nur einer Zahnbürste bestanden.
Der Kieferhof war ein etwas besseres Schutzhaus. Er war an einen steilen
Hang gebaut, sodass man auf der einen Seite ebenerdig hineinging und
sich am anderen Ende des Hauses bereits im ersten Stock befand. Das
Untergeschoss, das also in den Felsen hineingebaut war, war solid
gemauert, der erste Stock aus dicken Holzstämmen und Balken aufgesetzt
mit einem grauen Blechdach drauf.
Bei einem Gewitter trommelten die Tropfen wie Geschoße über uns. Die Kinder wohnten im Holzteil des Hauses, in mehreren Zimmern.
Die Einrichtung war schlicht, bestand aus Stockbetten, einem Holzkasten
und einer weißen Porzellanwaschschüssel mit ebensolchem Wasserkrug. Die Erwachsenen, wir Erzieher und das
Küchenpersonal, hatten die Zimmer unten, wo sich auch die Waschküche und
der Vorratskeller befanden. Der Heimleiter - unser Professor - und die
Küchenchefin hatten jeder ein schönes Einzelzimmer oben bei den Kindern.
Dann wurde zur ersten gemeinsamen Mahlzeit geläutet. Der Professor ging
mit einer Tonne von Kuhglocke durchs Haus und es dröhnte derart, dass
wir die ersten paar Tage immer zusammenzuckten.
Als die Kids endlich ihre Plätze gefunden hatten, trugen die Küchendamen
das Essen auf. Und was wir da sahen, gefiel uns wirklich ausgezeichnet.
Und ich meine damit nicht die Speisenfolge. Es waren durchwegs nette
Küchenfeen, alle etwa in unserem Alter.
Peter stieß mich mit dem Fuß an, als die eine mit dem größten Vorbau uns
die Suppe servierte. Sie war eine Wucht. Lange schwarze Haare, einen
Superarsch und die schon erwähnten Wundertitten, die jeden Moment aus
ihrer weißen Bluse zu kippen drohten.
Dann gab's da noch eine kleine Blonde mit einem geilen roten Schmollmund
und eine große Schwarzhaarige. Sie hatte auch ganz feste Brüste und
überragte ihre beiden Mitköchinnen um eine Kopf.
Peter und Josef warfen sich viel sagende Blicke zu, immer dann, wenn der
Professor, der links von mir saß, gerade mit seinem Fleisch oder dem
Gemüse beschäftigt war. Das Essen schmeckte köstlich, und es war mehr,
als ich von zu Hause gewöhnt war...
© Helmut Schida, Wien -
E-Mail: helmut.schida@chello.at
zurück
|