Vive la France!


In einer Landeshauptstadt wird heute das erste
futuristische öffentliche WC feierlich eingeweiht.
Sogar der Landeshauptmann, eine Stadträtin und
ein paar Obleute sind gekommen.

Transparente, Blasmusik und Freibier -
da lassen sich unsere Kommunalpolitiker nicht lumpen.
Reden werden geschwungen
Applaus brandet auf, dann wird es ernst.

Wenn das Scheißhaus von einer
Mehrheit der Bürger angenommen wird,
und davon kann man ausgehen,
soll schon bald die gesamte EU drauf gehen.

Während nun selbst die Opposition von einem großen
Schritt in die richtige Richtung spricht,
trete ich an das EU-blaue Riesending heran:
Sieht aus wie eine überdimensionale Klopapierrolle.

Leichtmetall und Plastik wurden verwendet
und das ganze sieht recht stabil aus – und modern.
Nach der zweiten Umrundung des Dings
finde ich sogar die Einstiegsschleuse.

Doch das Tor bleibt zu, so fest ich auch ziehe
und den versenkten Silberknopf drücke.
Daneben eine Vertiefung mit einer Plexiglasscheibe
hinter der an einer Kette ein Büchlein baumelt.

Mit beiden Händen schiebe ich das Plexiglas beiseite
und greife mir das Buch: „Bedienungsanleitung“ – Mhmm!
Was hier auf knapp 40 Seiten vorgestellt wird,
ist die richtige und gefahrlose Benützung der Anlage.

Fast nur Bilder in Vierfarbdruck
dazu einzelne Sprechblasen
und auf jeder zweiten Seite ist die 2-Euromünze
eines anderen EU-Landes abgebildet.

Das wird ein teurer Spaß
und eilig darf es der arme
EU-Scheißer der Zukunft
auch nicht haben – bei dem Textumfang!

Die Feier strebt unweigerlich dem Höhepunkt zu.
Frau Stadtrat wird nun das erste EU-Klo
feierlich eröffnen, der Allgemeinheit übergeben
und hoffentlich gleich selbst einweihen.

Tatsächlich schneidet sie die rot-weiß-rote Schärpe,
wie sie sonst auf Brücken und Autobahnen
verwendet wird, gekonnt mit einer riesigen
Schere durch – Applaus brandet auf und Hoch-Rufe.

Sie legt die Schere auf den roten Samt zurück
und tauscht sie gegen eine 2-Euro-Münze
unseres Landes um. Sie findet den Schlitz,
wirft ein und wartet. Und wir mit ihr.

Dann ertönt nach einer knappen Minute
eine künstliche Blechstimme: „Bitte werfen
sie eine gültige 2-Euro-Münze ein – danke!“
Eilig wird ihr eine andere Münze gereicht.

Neuerlicher Einwurf – gleiches Ergebnis.
Die Menge wird unruhig, man gibt der Musik ein Zeichen.
Ein flotter Marsch ertönt,
Bier wird weiter ausgeschenkt.

In der Pause schnappt sich Frau Stadtrat das Mikro:
“Herrschaften, eine kleine elektrische Panne,
ein Techniker der Firma ist schon auf dem Weg hierher.
Ich wünsche weiterhin gute Unterhaltung!“

Sie schäumt innerlich, schnauzt ihre Umgebung an,
Sekretär und Sektionschef versinken förmlich im Boden.
Der Landeshauptmann hat sich überhaupt schon verdrückt.

Ich kann es nicht mit ansehen, schleiche zur blauen Tonne
und nestle ein französisches 2-Eurostück hervor.
Und jetzt geht alles ganz schnell:
Bei meinem ersten Versuch gleitet das Tor
lautlos zur Seite, ich trete ein und bin auch schon
für die Menge unsichtbar.

Die Kabine ist schalldicht, leise Musik dudelt hier drinnen.
Mit Genuss nehme ich umständlich auf der hellblauen
Klobrille Platz und hab zum ersten Mal in meinem Leben
einer amtierenden Stadträtin die Show gestohlen.

Vive la France!

 

© Helmut Schida, Wien - E-Mail: helmut.schida@chello.at

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