Leseprobe aus "Game over"  (Jahr 2016)

 

Immer Techno

Ich hab beschlossen:
Heut geh ich da nicht raus.
Zu kalt und zu stürmisch
und überhaupt.

Ich dreh das Radio an
um die Stereo-Anlage
des kleinen Flittchens
von nebenan zu übertönen.
Ob sie schläft oder wach ist,
ständig läuft ihre Musik
auf Hochtouren, und Fenster
und Türen lässt sie stets offen.
Sie ist grad 16, mal blond,
dann wieder schwarz, geht weder
zur Schule noch sonst wohin,
aber die Jungs geben einander
die Türschnalle in die Hand,
und ihr Bett kühlt nie aus.

Die Stereo-Anlage auch nicht.
Sie spielt Techno, Techno
und wieder Techno. Und immer
volle Lautstärke.

Das ist das Problem hier
in dem Viertel:
jeder muss den Krach
des anderen ertragen.
Letzte Woche war ich derjenige:
Streit im Suff mit einer Dame,
Teller splitterten, es gab Scherben,
Gebrüll, Morddrohungen
bis die Polizei kam.
Jetzt ist es die Schlampe
von nebenan:
Ich gehe zum Eiskasten,
knack mir eine Dose Bier
und drück die zwei Gummistöpsel
noch tiefer in meine Ohren.
Sogar an Mord denke ich.
Was für eine rücksichtslose
kleine Nutte! Eine wandelnde
Rotznase mit 16!

Aber in unserem Land
und in diesem Milieu
hat keiner eine Chance.
Und nur manchmal
wenn es mal nicht ganz
so schlecht ist,
vergessen wir das kurz.
Eines Tages werde ich tot sein,
dann wird auch das Miststück drankommen
und jeder wird in seinem eigenen Sarg liegen,
und es wird still sein. - Verdammt still!
Aber im Augenblick ist es
Techno, Techno und wieder Techno.

Scheiße! Ich geh jetzt rüber
und knall ihr eine!
 

 

Die werden Augen machen
 
Jetzt rennen sie rasend schnell,
die letzten Jahre
so schnell, dass ich sie kaum mehr
mit Inhalten zu füllen vermag
fast nichts mehr mitbekomme von ihnen.

Und dabei bin ich ziemlich sicher,
dass sonst kein Mensch davon etwas merkt
obwohl es ja allen so gehen müsste.

Die sind nicht sensibel genug
oder einfach nur klüger als ich.
Der Magistratsbeamte von nebenan
der nur den Lack seines Autos im Kopf hat
oder vorne die abgehalfterte Nutte
die jede Woche fetter und hässlicher wird
und bei der die Bürschchen alle stehen bleiben.

Und erst die jungen Mütter mit ihren
sauberen und dauernd plärrenden Kindern
die vorne bei der Einfahrt zusammenstehen
und Wichtigkeiten austauschen und so tun
als hätten sie alle Zeit der Welt.

Die werden noch Augen machen!

 

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