Leseprobe aus "Rien ne va plus"  (Jahr 2017)

 

Geflügel

Sie ist keine 18, langbeinig, schlecht auf blond getrimmt, steckt in einem früher weißen Arbeitskittel und steht etwa eine Handbreit vor einer glühend heißen Maschine, in der sich aufgespießte Vögel drehen. Hühner und Enten auf zehn Eisenstangen, fünf Stück auf jeder.

Vor ihr sind sie in Zweierreihen angestellt, um noch so einen Vogel zum Mittagessen zu ergattern: Kids mit zu wenig Geld in den kleinen Fäusten, Alte, die sich an ihren Rollwagen klammern, Besoffene, die wankend um ein weiteres Bier anstehen. 5.40 kostet ein ganzes Huhn, 2.80 ein halbes, steht an den Seitenwänden der knapp 2 mal 2 Meter großen Bude. Enten sind etwas teurer, weil sie schwerer zu erlegen sind.

Der winzige Seiteneingang zur Box ist mit vollen und leeren Bierkisten verstellt. Alle 30 Sekunden wandert ein halbes oder ganzes Geflügel über den Ladentisch – die Kasse klingelt im gleichen Intervall.

Andrea, so heißt die arme Blonde, steht von 9 bis 20 Uhr vor dem glühenden Ofen. Alle paar Stunden kommt ihr Chef im Kombi vorbei, bleibt im Halteverbot stehen, knallt ihr neue Spieße unter die Budel, leert die Kassa und düst zum nächsten Stand einige Blocks weiter.

Sie reicht mir ein Bier herüber: „Ich träume schon von aufgespießten Hühnern, ob sie’s glauben oder nicht!“
Ich glaub’s ihr und zwinkere ihr zu - sie lacht zurück.

Dann lege ich ein kleines Trinkgeld neben die Kasse – sie freut sich. Der Chef hält sie eh viel zu kurz – weit unter Kollektivvertrag. Wir haben alle nichts zu lachen!

 

 

Narren

Lese eine winzige Notiz in der Tageszeitung:
“Hunde erkennen Lungen- und Brustkrebs im Frühstadium
durch Schnüffeln an der Atemluft des Patienten.“

Das haut mich fast um.

Was der Medizin erst seit kurzem mit aufwändiger Technik gelingt,
das können unsere besten Freunde, die Vierbeiner,
vielleicht schon seit Jahrhunderten.
Und wir kommen erst jetzt drauf!

Ich hab zwei Kater zu Hause und weiß gar nicht,
was sich die beiden so denken in meiner Nähe.
Und was sie mir schon alles mitgeteilt haben.
Nur ich hab’s vielleicht nicht verstanden!

Dort sollte unsere Forschung ansetzen.
Und in den Regenwäldern, von denen wir
täglich was weiß ich wie viele Hektar abholzen.
Damit gehen Kräuter und Tiere verloren,
die bis heute noch nicht einmal entdeckt sind!

Vielleicht wären da etliche Heilkräuter darunter -
sicher sogar - und niedere Tiergattungen,
die mit uns unbekannten Organen
Darmkrebs erschnuppern könnten
lang bevor dieser ausbricht.

Was sind wir doch für arme Narren!

 

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