Nackte Tatsachen
Die Idee
war gar nicht so schlecht:
man muss die EU den Bürgern nahe bringen.
Mhmm – geredet wird davon schon seit Jahren
Nun hat
es eine junge Werbefirma
einmal wirklich versucht.
Ein guter Fotograf zieht einem Mädel
einen schmalen EU-blauen Slip an
grad so breit, dass auf die Vorderseite
der Ring aus den 12 gelben Sternen passt
genau über der Muschi.
Am fertigen Plakat sieht man die gelben Sterne
herrlich auf dem blauen Stofffleckerl leuchten
darunter einen gut gewölbten Venushügel.
Die Oberschenkel und der teilweise entblößte Busen
verschwimmen leicht in Unschärfe
Echt gut fotografiert, muss ich sagen.
Die
Plakate hängen keine 24 Stunden in Wien.
Es hagelt Proteste von Frauenrechtlerinnen,
selbst einige Landeshauptmann-Frauen
sprechen von „zutiefst frauenfeindlicher Darstellung“.
Mehrere Sonderkommandos müssen in der Nacht
und bei dichtem Schneetreiben ausrücken,
und alle bereits montierten EU-Tangas wieder abräumen.
Die Kosten sind enorm – wir Steuerzahler tragen sie.
Auf die verbotenen Plakate setzt ein unglaublicher Run ein.
Leider hab ich keines mehr ergattert –
Eines hängt jetzt in Graz bei einer Kunstaktion.
Aber ein
Digitalfoto davon habe ich geschossen.
Möchte wer von euch einen Abzug?
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Vive la France!
Nach
Jahren bin ich wieder in dem kleinen Städtchen
an der Küste der Normandie – nahe Le Havre.
Hier soll heute um 11 die erste futuristisch anmutende
öffentliche WC-Anlage feierlich eingeweiht.
Sogar eine Stadträtin und
ein paar Obleute sind gekommen.
Transparente, Blasmusik und Freibier -
da lassen sich unsere Kommunalpolitiker nicht lumpen.
Reden
werden geschwungen
Applaus brandet auf, dann wird es Ernst.
Wenn das
Scheißhaus von einer
Mehrheit der Bürger angenommen wird,
soll schon bald die gesamte EU drauf gehen.
Die Herstellerfirma verdient goldene Kotklumpen damit.
Während nun selbst die Opposition von einem großen
Schritt in die richtige Richtung spricht,
trete ich an das EU-blaue Riesending heran:
Sieht aus wie eine überdimensionale Klopapierrolle.
Leichtmetall und Plastik wurden verwendet
und das ganze sieht recht stabil aus – und hochmodern.
Nach der zweiten Umrundung des Dings
finde ich sogar die Einstiegsschleuse.
Doch das Tor bleibt zu, so fest ich auch ziehe
und den versenkten Silberknopf drücke.
Daneben eine Vertiefung mit einer Plexiglasscheibe
hinter der an einer Kette ein Büchlein baumelt.
Mit
beiden Händen schiebe ich das Plexiglas beiseite
und greife mir das Buch: „Bedienungsanleitung“ – Mhmm!
Auf knapp 40 Seiten EU-Richtlinien erfährt man viel
über die richtige und gefahrlose Benützung der Anlage.
Fast nur
Bilder in Vierfarbdruck
dazu einzelne Sprechblasen
und auf jeder zweiten Seite ist die 2-Euromünze
eines anderen EU-Landes abgebildet.
Das wird ein teurer Spaß
und eilig darf es der arme
EU-Scheißer der Zukunft
auch nicht haben – bei dem Textumfang!
Die Feier strebt unweigerlich dem Höhepunkt zu.
Frau Stadtrat wird nun das erste EU-Klo
feierlich eröffnen, der Allgemeinheit übergeben
und
hoffentlich gleich selbst einweihen.
Tatsächlich schneidet sie die färbig Schärpe,
wie sie sonst auf Brücken und Autobahnen
verwendet wird, gekonnt mit einer riesigen
Schere durch – Applaus brandet auf und Hoch-Rufe.
Sie legt
die Schere auf den roten Samt zurück
und tauscht sie gegen eine 2-Euro-Münze.
Nach einigen Zuflüsterungen findet sie den Schlitz,
wirft ein und wartet. Und wir mit ihr.
Dann
ertönt nach einer knappen Minute
eine künstliche Blechstimme: „Bitte werfen
sie eine gültige 2-Euro-Münze ein – danke!“
Eilig wird ihr eine andere Münze gereicht.
Neuerlicher Einwurf – gleiches Ergebnis.
Die Menge wird unruhig, man gibt der Musik ein Zeichen.
Ein flotter Marsch ertönt,
Bier wird weiter ausgeschenkt.
In der Pause schnappt sich Frau Stadtrat das Mikro:
“Herrschaften, eine kleine elektrische Panne,
ein Techniker der Firma ist schon auf dem Weg hierher.
Ich wünsche weiterhin gute Unterhaltung!“
Sie schäumt innerlich, schnauzt ihre Umgebung an,
Sekretär und Sektionschef versinken förmlich im Boden.
Ich kann es nicht mit ansehen, schleiche mich zur blauen Tonne und
nestle ein französisches 2-Eurostück hervor.
Der Rest ist rasch erzählt.
Bei meinem ersten Versuch gleitet das Tor
lautlos zur Seite, ich trete ein und bin auch schon
für die Menge unsichtbar.
Die Kabine ist schalldicht, leise Musik dudelt hier drinnen.
Mit
Genuss nehme ich umständlich auf der hellblauen
Klobrille Platz und hab zum ersten Mal in meinem
Leben einer amtierenden Stadträtin die Show gestohlen.
Und beim
Abschütteln intoniere ich gekonnt
die Marseillaise.
Vive la
France!
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Zahnbeben
Ich bin
wie meistens zu früh dran
Kann es nicht erwarten
meine letzten Zähne loszuwerden
In
Ungarn, Sopron, weil es dort
noch halbwegs leistbar ist.
Über
zwei Stunden Zeit.
Der
Doktor kommt nie vor drei.
Ich geh in die erst beste Bar
gleich gegenüber
Bin der einzige Gast.
Hinter der Kassa eine Rothaarige
nur Arsch und Titten
und ein gelangweilter Barkeeper
der mit der Roten ungarisch palawert.
Nach knapp 2 Stunden Autofahrt
ist mein Durst immer mächtig
Isser auch ohne Autofahrt.
Das erste Bier rutscht den Tresen lang
das zweite kurz hinterher.
Hier drinnen ist es dunkel
kaum eine Beleuchtung
Der Spiegel hinter den Flaschen
verbreitet ein wenig gelbbraune Mattigkeit
Zeit
pinkeln zu gehen
Eine schmale Hühnertreppe
führt in den roh gemauerten Keller
Oben ist alles piekfein in Holz und Leder
hier, 3 Meter tiefer das genaue Gegenteil:
ein stickig-feuchtes Kellergewölbe
außen an der Mauer laufende Drähte
aus
manchen Ritzen quillt Wasser.
Und eng ist es hier, verdammt eng!
Ich streife mit meiner Jacke einmal
links, dann wieder rechts – das gibt
sicher braune Flecken an den Ärmeln.
Ich trete einen halben Schritt vor, öffne den Zipp,
da wackelt der Boden unter meinen Füßen,
die Wände knacken verdächtig,
die linke Schraube der Pissmuschel
fällt aus ihrem Loch
ein paar Sandkörner rieseln vom Gewölbe
direkt auf meine Glatze.
Wenn der Laden hier hopps geht,
hab ich’s 100 Pro hinter mir.
Keine Chance, je gefunden zu werden.
Der Boden beruhigt sich wieder,
ich schüttle ab, zwänge mich
die enge Treppe nach oben,
bin wieder im Lokal.
Die Glastür liegt zersplittert am Boden
von der Mannschaft keine Spur
auch die Arsch-und-Titten- Kassierin
ist verschwunden,
ein paar Flaschen liegen umgekippt am Tresen.
Ich trinke aus, stecke mir eine Flasche ein
und trete raus ins Freie.
Menschen
hasten, Kinder schreien, Rettung
und Feuerwehr rasen heulend durch die Gassen,
ein Hydrant verspritzt ziel- und sinnlos
sein Wasser auf Straße und Gehsteig.
Steinbrocken und ein paar Dachziegel
liegen mir im Weg.
Ich geh
über die Straße,
weiche der Rettung mit einem Satz aus.
Jetzt kann er mir die Zähne ziehen,
falls ihn sein Bohrgestänge
nicht erschlagen hat.
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Ein Cross von Cassius Clay
Sitze am
Tresen und trinke meinen zweiten Roten
Die wenigen kleinen Glühbirnen
lassen fast alles im Dunkeln.
Am übernächsten Hocker ein alter Süffel,
der nur mehr zittert und bei jedem Schluck
die Hälfte seines Drinks verschüttet.
Wir sind zusammen an die 150 Jahre alt,
schätze ich.
Der Typ hat soeben die zweite Hälfte
seines Drinks verschüttet und stellt das Glas
vorsichtig auf die Steinplatte vor ihm.
Ungläubig wackelt er mit dem trostlosen Kopf,
weißes Haar fast bis zur Schulter.
Ich mach der Barfrau Zeichen.
Sie ist keine einssechzig groß
und besteht fast nur aus Busen,
der in ein winziges weißes Top
eingeklemmt ist.
Sie füllt das Glas des Weißhaarigen
und schiebt mir ein neues zu.
„Hey,
bist ein echter Kumpel.
Joe mein Name, was verschafft mir das Vergnügen?“
Ich
nicke nur, proste ihm zu, wir trinken.
Hinterm
Tresen stehen von uns weggedreht
die einssechzig Busen.
Die kleine nestelt an ihrem weißen Top rum,
zieht es vorne etwas hoch, befeuchtet den Stoff
mit ihrer Zunge und rubbelt an einem winzigen Fleck.
Ich seh
die unten hervorquellenden Möpse im Spiegel.
Fast geht mir einer ab.
„Kann
ich helfen? Ich kenn mich mit Flecken aus.“
Sie dreht sich lässig um,
schaut mich über die linke Schulter mitleidig an:
“Alter, den Fleck schaffst du nicht mehr!“
Dabei zieht sie das weiße Etwas noch ein Stück höher.
Eine Titte wird komplett sichtbar,
der
Nippel steht steil ab.
“Wenn das alles echt ist, fress ich einen Besen, du Luder!“
“Kannst schon mal anfangen,
am Scheißhaus steht jede Menge davon rum.“
Damit
fängt sie gekonnt ihren monströsen Vorbau
mit dem weißen Stofffetzen ein – der Fleck
ist doch tatsächlich weg –
aber um den geht’s gar nicht mehr.
Die Vorstellung ist beendet.
Und der Alte neben mir
versabbert bereits seinen nächsten Drink.
Ich leg zwei Scheine auf den Tresen
und bin auch schon draußen.
Vor der Tür höre ich noch ihr hohes Lachen,
während mich die kalte Nachtluft voll trifft,
wie ein linker Cross von Cassius Clay.
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Kreuzweise
Zeit wird immer mehr zum Problem
und es ist schlimmer als alles,
was ich je unter Lehrern, Pfarrern, Weibern
und Polizisten zu leiden hatte.
Hätte nie gedacht,
dass ich auch mal so ein
Zitterarsch würde, der schon
zum dritten Mal glaubt,
dass der anbrechende Frühling
sein letzter wäre.
Es ist
aber so.
Mir rinnt die Zeit
vor meinen Augen
die Kloschüssel runter.
Ich hätt’ noch so viel zu tun,
doch die Götter scher’n sich
’nen Dreck darum.
Im Gegenteil.
Sie
berauben mich
meines kostbaren Lebenselixiers
wo’s nur geht: Überweisungen,
Arztbesuche, Katzenfutter, Impfungen,
eingewachsene Zehennägel, Rechnungen,
Mahnungen, ungedeckte Schecks,
die Augen alle paar Stunden eintropfen,
die falschen Zähne dauernd reinigen,
durchgebrannte Sicherungen,
Kinder mit ihren Sorgen,
Weiber mit ihren Wünschen und
gerissene Schnürsenkel im falschen Moment.
Das bring ich an einem Tag
gar nicht mehr alles unter.
Nicht einmal drei Tage reichen dafür.
Und da
schreit mich der Grenzer an,
dass mein Bild im Führerschein
mir nicht einmal entfernt ähnlich sieht
und dass ich mir endlich einen
neuen rosa Lappen ausstellen lassen soll.
Um 69 Euro!
Um den
Betrag kann er
mich am Arsch lecken – kreuzweise!
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Weit voraus
„Mir
kommt kein Weib mehr
für länger als zwei bis drei Tage ins Haus“,
sagt mir mein 33-jähriger Sohn.
Er muss es wissen,
er gehört der momentan aktiven
Generation an.
Die bestimmt, die hat Recht.
Ich
nicht mehr.
Ich bin fast doppelt so alt
und befinde mich seit Jahren
an allen wichtigen Fronten
in Rückzugsgefechte verwickelt:
mit Frauen, Jugendlichen, Vermietern,
Finanzämtern, Behörden, Kirchen,
Versicherungen und all dem Scheiß.
Er ist
knapp über 30
und kennt all die Tricks,
wie man dem Fallbeil,
das mir immer noch ab und zu Wunden zufügt,
täglich aufs Neue entkommt.
Und das ist gut so,
denn er hat noch viel mehr vor sich,
während ich mich zurückziehe
und um eine letzte Zuflucht umsehe.
Kein
Wunder, dass er mir
weit voraus ist.
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Familientreff
Zum
Sechziger hab ich mir
was Besonderes ausgedacht:
Ich lad
mir alle Weiber ein,
mit denen ich je was hatte.
Iss gar
nicht so leicht, wie man meinen sollte.
Ich dachte dabei an Versöhnung,
Aussprache, Selbstfindung, Abstand gewinnen,
Rückblick und so’n Zeug halt.
Sie sollten sich alle kennen lernen,
sollten rausfinden, was sie an mir mochten
und warum sie’s schließlich
doch nicht länger mit mir ausgehalten haben.
Auf
neutralem Boden,
in einem feinen Restaurant an der Donau.
Von den 17 Damen waren 12 gekommen.
2 waren frühzeitig an Gift verschieden,
2 Flugzeugabstürze, ein Autounfall.
Von den 12 Lebenden erkannte ich zwei
mit Mühe, der Rest glich meiner Oma aufs Haar.
Naja, um ehrlich zu bleiben,
ich sah ja auch schon nicht mehr wie 20 aus.
Ich
stürze mich auf die zwei bekannten Gesichter:
“Hi, Gerda, was macht dein Mann?
Die drei Kids versorgt?“
“Umwerfend, Monika, überhaupt nicht verändert!
Immer noch schön in der Wachau?“
Sauschwer war’s, die Namen der anderen rauszufinden.
Ingrid und Sheela gingen ja noch.
Aber mit Anna, Gertrude, Wencke und Uschi
hatte ich schon meine Probleme.
Und die beiden Marinas und Sabines
brachten mich dann doch schon
etwas aus dem Gleichgewicht.
Ich
hatte mir mit meiner zweiten Frau
zu Hause schon etwas Mut angetrunken.
Dann hatte sie mich zwei Gassen
vorm Lokal aussteigen lassen
und war nach Hause zurückgekehrt.
So war ich dann eine Stunde zu früh an der Donau
und hatte mit Bier und Whisky weiter gemacht.
Nun nahm
ich noch mit den 12 Ladys einen Drink,
bevor es auf das vor Anker liegende Floss ging.
Man kann hier an der Donau so ein Ding
mit einem Koch-Kellner und kompletter
kleiner Cuisine mieten.
Das Floss ist etwa ist 8 mal 4 Meter groß,
hat einige Ruder und einen kleinen Motor.
Während mir die Verflossenen zuprosten,
ergreife ich das Steuer, drücke auf GO
und wir legen kaum merklich von Ufer ab.
Während ich voll konzentriert
das Steuerrad drehe, fliegen mir Wortfetzen zu:
“Wann
hast du mit ihm …, ein Scheißkerl,
wenn man ihn näher kennt …, sein Schnarchen
konnte ich nie …, und seine Bartstoppeln …,
seine ewigen Berichte von den Schulkindern …,
Sex war ja auch nicht gerade seine Stärke …
Naja, wenn ich es recht überlege,
übertreiben die Ladys kein bisschen.
Es sind ihre Empfindungen,
ihre Erinnerungen an mich.
Endlich
erreichen wir freies Gewässer
und ich kann das Floß sich selbst überlassen.
Gerald, mein in alles eingeweihter Ober,
serviert die beiden Vorspeisen,
öffnet dazu den Champagner
und wir stoßen wieder alle an.
Die alten Mädels bilden Gruppen.
Dort hocken drei, hier fünf beisammen,
unterhalten sich köstlich
und beachten mich nicht einmal.
Ich geh’
von einer zur anderen,
schenke nach, frage, ob die Suppe
in Ordnung, die Kotelettchen weich,
der Fisch saftig und das Gemüse zart genug sind.
Die Sonne neigt sich gegen den Wienerwald
und versinkt langsam glutrot hinter ihm.
Gerald fährt zu Lamm und Ente
die schweren Weine auf: Malvasier und Sylvaner
für die Liebhaber des Weißen,
und einen Syrah 1998 für die andere Fraktion.
Die Gläser stets nachfüllen, hab’ ich ihm
bei der Buchung der Fahrt mehrfach eingeschärft.
Noch bevor die Nachspeisen aufgefahren werden,
unterhalte ich mich mit jeder meiner Ehemaligen.
Gemeinsam frischen wir Erinnerungen auf,
und dabei stelle ich grobe Veränderungen
im Äußeren und im Charakter fest.
Fast
eine jede hat sich zu ihrem Nachteil verändert,
was mich zunehmend traurig stimmt.
Ich sitze mit Susi – sie ist schon sternhagel voll -
am Rand des Floßes, wir trinken Bruderschaft,
verfehlen einander und ohne einen Laut
rutscht sie neben der Metalltonne,
die als Schwimmer dient, vom Floß
und ist keine 10 Sekunden später
abgetrieben und im Strom versunken.
Niemand
hat etwas bemerkt,
niemand vermisst sie.
Da wankt Gerda auf mich zu.
Die beiden im Boden verankerten Fackeln
lassen ihr schulterlanges Haar
einen Moment lang rot aufleuchten.
Sie umarmt mich und drückt mir
einen Kuss auf die Wange.
Wir taumeln an den Rand des Gefährts,
sie macht noch einen unbeholfenen Schritt
und weg ist sie – oho, das ging aber schnell
und alles ohne mein Zutun.
So schnell hab ich früher die Frauen nie losgekriegt.
Ich will es kurz machen.
Als der Alkohol zu Ende geht,
sind von den 12 Weibern acht verschwunden.
Zwei oder drei hab ich nicht einmal stürzen sehen,
die müssen sich gegenseitig gekillt haben.
Im Moment kniet Anna am Rand des Floßes
und speit Essen und Alkohol
in weitem Bogen in die Donau.
Sie verliert das Gleichgewicht und kippt
kopfüber in die Flut.
Monika rutscht in der Nähe der kleinen Theke
von den glitschigen Brettern,
Uschi und Wencke schlafen friedlich am Boden.
Ich gebe Gerald ein Zeichen,
worauf dieser das Gefährt wendet und quer
zur Strömung dreht.
In dem
Moment erfasst uns
eine etwas höhere Welle,
das Floss taucht knapp einen Meter unter,
und als es wieder richtig in der Strömung liegt,
erkenne ich undeutlich, dass uns auch
die letzten beiden Damen verlassen haben.
Nach einer knappen Stunde,
die wir schweigend hinter uns bringen,
legen wir am Ausgangspunkt an.
Ich stecke Gerald anerkennend
eine große Banknote zu, laufe zum
nahen Taxistandplatz und fahre heim.
„War’s schön mit deinen Verflossenen?“
ruft meine Frau mir aus’m Schlafzimmer entgegen.“
Und „Wie hat es ihnen denn am Wasser gefallen?
War das eine gute Idee von mir?“
“Alles bestens, Schatz, ich hoffe nur,
die Mädels können schwimmen!“
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Nicht ums Verrecken
Wenn ich
so die Zeit an mir vorbei ziehen lasse,
dann vergleiche ich nun schon immer öfter
die verschiedenen Generationen,
die mich begleitet, mich umgeben haben.
Zuerst einmal meine eigene Generation,
die in den letzten Wirren des Krieges schlüpfte
kaum etwas zu fressen dafür aber
kaputte Häuser und ebensolche Eltern hatte.
Alles staubig, dreckig, notdürftig repariert.
Viel Schutt, Ziegel, Asche und ein
Besatzungssoldat spielt mit einem gelben Ball,
Wir kannten damals Orangen noch nicht.
Die Menschen nur mager, grau
und viel faltige Haut und Knochen.
Und Verwundete, Verstümmelte,
Einarmige und Krückengeher.
Häuser werden langsam bewohnbar.
Kartons in den Fensterrahmen verschwinden,
Scheiben werden eingeschnitten,
Glas ist ein kostbares Gut.
Es gibt Kartoffel, Kraut, Polenta,
ab und zu ein Stück fasriges Zeug in der Suppe.
Ich kann mich an die erste halbierte Knackwurst
in einem Teller Spinat erinnern.
Elektrisches Licht scheint heller,
ein Radio ersetzt den Detektor
samt den Wehrmachtshörern.
Ein
neues Schloss an der Tür.
In der Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung
wird umständlich und in Schwarzarbeit
Wasser – natürlich kaltes – eingeleitet.
Wir haben einen eigenen Wasserhahn!
Das Klo
bleibt auf’m Gang,
Alle Mieter des dritten Stockwerks
benützen dieses Klo, jede Wohnung
besitzt einen großen eisernen Schlüssel.
Gebadet wird jeweils am Samstag
in einer Sitzbadewanne aus Zink, die unter
der Woche am Klo hängt – überm Kopf.
Wasser wird am Gasherd in der Küche erwärmt.
Vater, Mutter und Kinder baden hintereinander
im gleichen Wasser. Kühlt es aus,
wird ein Liter heißes Wasser
vom Herd nachgegossen.
Ein Stück Seife muss 2 Monate halten.
Keine Waschküche, nur 2 große emaillierte
Spülbecken in der Küche für das Geschirr
und am Wochenende für die Unterwäsche.
Im Hof
unten sind Schnüre gespannt,
da hängt täglich die Arme-Leute-Wäsche.
Grau, durchlöchert, ausgefranst, dürr
und mager wie ihre Träger.
Ein
Eiskasten wird hoch getragen,
kein elektrischer, sondern einer mit einer Zinkwanne,
und jeden zweiten oder dritten Tag bringt ein Mann
auf der Schulter schön gehackte Eisbrocken.
An ihn kann ich mich heute noch ganz genau erinnern.
Er ist eine echtes Kraftpaket mit Eispickel in der Hand,
schwarzes Leder auf der linken Schulter,
darauf ein brauner Jutesack gegen die Kälte.
Im Hof
werden durch Schreien und manchmal Singen
Arbeiten und Dienste angeboten:
“Scherenschleifer is doooo“, „Eismau is doooo“,
“Lumpen- und Fetzensaummla is doooo“.
Ein Jahr
darauf bekommen wir Telefon.
Gleich bei der Eingangstür wird es montiert.
Wenn man abhebt, gleitet eine schwarze Scheibe
zur Seite. Ich weiß die Nummer noch heute „B20920“.
Die Winter sind hart, kaum jemand hat Brennmaterial.
Ein kleiner Eisenofen im mittleren der drei Räume.
Zeitungspapier wir gehortet, Altholz, jede Leiste,
jedes Brettchen, Lumpen, Fetzen, Pappe.
Im kleinen Kellerverschlag, vier Stockwerke tiefer,
liegen ein paar Kohlen, etwas Briketts.
Jeden Tag muss ich mit einem oben spitz zulaufenden
Blechkübel und der Schaufel hinunter.
Die Ritzen der Fenster werden notdürftig verstopft,
knistert es im Ofen, wird einem vom Zuhören
schon warm – Stunden später dann wirklich.
Wenn das Feuer erlischt, geht man schlafen.
Kurz
bevor ich für immer von zu Hause weggehe,
kommt ein Fernseher – schwarzweiß – ins Haus.
Ein Programm, ein paar Stunden pro Tag.
Das Radio ist noch lange Zeit viel wichtiger für uns.
Die
nächste Generation hat es schon weitaus besser:
Kino, Farbfernsehen, Eis, Warmwasser, mehr Steuern,
Übergewicht, Zigaretten, Miniröcke, Scheidungen,
Stress im Beruf, Herz- und Kreislaufkrankheiten.
Und die
Generationen danach? Oh Gott!
Wirtschaftswunder, Luxusweiber, Autos mit vielen PS,
Benzin, Diesel, Raketen, Weltraumfahrt, Computer,
Kalter Krieg, überfüllte Irrenhäuser und Gefängnisse.
Noch ein paar Jahre später dann Milliardäre,
Industriegiganten, Multikonzerne, Globalisierung,
Riesentanker, Kyoto-Protokoll, Irak, Israel, Iran,
Verarmung, Verwahrlosung, Drogen, Aids.
Und in
Zukunft? Drastischer Klimawandel, Katastrophen
am laufenden Band, Erdbeben, Überschwemmungen,
Dürre, Hunger, Krieg um Öl und danach um Wasser.
Mord,
Totschlag, Wahnsinn, gestürzte Regierungen.
Gestürmte Parlamente, geplünderte Großmärkte,
brennende Stadtviertel, lahm gelegte Verkehrswege,
verwüstete Flughäfen, gesprengte Atomkraftwerke,
nukleare Wolken, Hurrikans, Hunderte Millionen Tote.
Und die Menschheit schafft es einfach nicht -
nicht ums Verrecken!
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Herr,
o Herr!
Herr,
warum erschaffst DU uns als Mann und Weib,
wenn daraus Betrug, Scheidung und Kinder entstehen?
Herr,
warum lässt DU uns Kinder zeugen,
wenn sie betteln, verhungern und stehlen müssen?
Herr,
warum duldest DU seit jeher Völker,
die Generationen lang nur verstümmeln und morden?
Herr,
warum lässt DU uns wie die Karnickel vermehren,
dass wir nach Wasser, Luft und Raum vergebens gieren?
Herr,
warum siehst DU Verbrechern, Vergewaltigern,
Ausbeutern, Präsidenten und Päpsten tatenlos zu?
Herr,
warum redest DU vom freien Willen
und geißelst uns mit Krebs, Pest und Aids?
Herr, warum verhängst DU Gebote über uns
und lässt Korruption, Rauschgift und Prostitution zu?
Herr, wenn nur DU der Allmächtige und Weiseste bist,
was machen dann Buddha, Jehova, Bhagwan und Co?
Herr, o
Herr, ich bin davon überzeugt, dass nicht nur
wir Menschen in unserem Leben viel Scheiße bauen!
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